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Kreuzfahrtschiff "Oasis of the Seas" Voll die Fahrt

Die "Oasis of the Seas" protzt mit Superlativen, jetzt wird sie getauft. Doch ist es wirklich ein Vergnügen, zwischen Tausenden Passagieren auf dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt durch die Karibik zu gleiten? Antje Blinda hat es ausprobiert - und kommt zu einem klaren Urteil.

Ich habe ein Problem mit Entscheidungen, bin ruhebedürftig, etwas morgenmuffelig, und Plantschen in durchsichtigen Pools finde ich unästhetisch. Ob ich wohl richtig bin auf der "Oasis of the Seas"? Für wen ist dieses gigantische Kreuzfahrtschiff, das neue Flaggschiff der Branche, gedacht, das Royal Caribbean an diesem Montag mit einer Taufzeremonie in Fort Lauderdale in den Dienst stellt?

Die US-Reederei definiert ihre Kunden als aufgeschlossene, kontaktfreudige und preisbewusste Reisende zwischen 30 und 50. Außerdem als kreuzfahrterfahren und kinderfreundlich. Ob für Kunden aus dem amerikanischen Heimatmarkt, die meist nur noch mit Schnäppchen an Bord zu locken sind, oder für Briten, Chinesen, Brasilianer, Deutsche, Japaner - auf dem Schiff der Superlative gebe es für alle was.

Die deutsche Reiseindustrie ist noch skeptisch, "Deutsche lieben deutsche Schiffe", sagt Torsten Schäfer vom DRV, die US-Flotten seien nur etwas für Kenner. Die deutsche Reederei-Vertretung hofft auf 8000 bis 10.000 Bucher für die "Oasis" im kommenden Jahr. Der Trendforscher Peter Wippermann hält sie dagegen schon jetzt für retro: Freizeitparks hätten längst größere und schönere Attraktionen. Und in deutschen Foren und Blogs wird gemeckert, geschimpft und geunkt über Massenschiffe, Hühnerhaltung und Gigantismus.

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"Oasis of the Seas": Eine Tour durch das Megaschiff

Foto: Royal Caribbean

Dagegen überspült das gehypte und zugleich gescholtene Schiff eine Welle der Freundlichkeit. An jeder Ecke werde ich zuvorkommend von Poolpflegern, Kellnern, Türaufhaltern begrüßt: Good Morning, Ma'am! Ich fühle mich wahlweise wie unter Freunden (jeder kennt hier scheinbar jeden) oder wie bei Big Brother, ständig unter Beobachtung. Unter Kreuzfahrtgästen allerdings herrschen auch mal rauere Sitten. Mit raschem Blick scannen Max aus Panama und sein indischer Kollege die Lage auf dem Pool-Deck. Die beiden Guest-Security-Beauftragten berichten von Kämpfen um Liegestühle auf anderen Schiffen - dann müssten sie reden, reden, reden: "Wie wär's mit diesem Stuhl? Oder mit jenem?" Diplomatie pur auf Deck 12.

Nichts für Ja-Sager

Manchmal ist mir als Norddeutscher der "Gäste-Aufmerksamkeits-Faktor" ein wenig zu hoch. Vielleicht liegt es am Vorführeffekt der Probefahrt. Am Morgen im Windjammer-Restaurant würde ich mich am liebsten schützend über die Reste meines im Dschungel der Selbstbedienungs-Buffetstationen ergatterten Croissants, der Mango und des Rühreis werfen - immer wieder entgehen sie nur knapp dem prompten Abgeräumtwerden. "Do you want some more coffee, Ma'am?" Ja. Ok. Zum dritten Mal. "Bitte mit Milch." Dann genieße ich den Blick aus den Panoramafenstern auf das gerade unter der Sonne glitzernde Meer eben ein wenig länger.

Für solche Ja-Sager ist dieses Schiff mit seinen 24 Essgelegenheiten, vier Theatern, unzähligen Sport- und Wellnessangeboten nichts. Diese Menschen eilen wie ich von der Comedy- zur Eisshow ("Frozen in Time"), vom Broadway-Musical ("Hairspray") ins Aquatheater ("Splish-Splash"). Sie taumeln mit vollen Tüten aus den Läden amerikanischer Labels wie "Solera" in der Royal Promenade. Sie müssen die fettig-cremigen Cupcakes probieren und das selbstzumischende Eis im Ice Cream Palor. An der morgendlichen Miso-Suppe im Windjammer oder dem Fish-Burger im Seafood Shack auf dem Open-Air-Rummelplatz am Heck kommen sie ebenso wenig vorbei wie am Banana-Split im noblen "150 Central Park".

Diese Menschen sagen auch nicht Nein, wenn ihnen im Spa-Center "Vitality on Sea" auf Deck 6 eine Beauty-Behandlung angeraten wird, vielleicht aber doch, wenn ihnen sogleich ein Termin für eine Botox-Spritze für 300 Dollar gemacht wird - auch wenn das Gesicht noch kaum Falten schlägt. Die Kasse muss stimmen - immerhin generiert Royal Caribbean 30 Prozent seines Umsatzes über An-Bord-Verkäufe und ist in Zeiten sinkender Einnahmen darauf angewiesen.

Ins Schwitzen kommen Ja-Sager, wenn es an die Aktivitäten geht. Erst müssen sie das Adrenalin verarbeiten, das ihnen bei der Fahrt mit der Seilrutsche "Zip Line" ins Hirn schießt: Mit Helm und Klettergeschirr ausgerüstet hängen sie an einem Stahlseil und sausen schreiend über eine neun Deck tiefe Schlucht am Heck des Schiffes. Dann müssen sie noch den Frust verkraften, beim zehnten Mal im Surfsimulator nicht über eine Wellenbrettstandzeit von zwei Sekunden hinausgekommen zu sein. Nein, für Ja-Sager, die auf ihrer Sieben-Tage-Kreuzfahrt alles wollen, bedeutet die "Oasis" nur Stress.

Stress auf einer Kreuzfahrt ist nun aber etwas, dem die Manager der Reederei vorbeugen wollen. Als einmalig bezeichnen sie ihr Buchungssystem, mit dem die Gäste schon vor der Reise ihre Aktivitäten, etwa Wellness-Anwendungen und Theaterbesuche, per Internet buchen können. Damit wird das Zielpublikum wohl frühzeitig ausgesiebt, denn der Umgang mit dem Computer dürfte manchen älteren und/oder technikunbegabteren Kunden schwerer fallen. Aber auch Entscheidungsneurotiker wie ich wären Wochen vor einem Urlaub vollkommen überfordert. Zum Glück darf man auch noch an Bord buchen.

Künstliche Welt mit zu großen Ausmaßen

Digitale Hilfsmittel sollen auch über die Orientierungslosigkeit, die oft am ersten Tag an Bord auftritt, hinweghelfen. Auf großen Touchscreens neben den Fahrstühlen muss ich nur meine Kabinennummer eingeben, der rote Pfad auf einem Schiffsplan zeigt den Weg an. Mit GPS-Hilfe wiederum sollen Eltern ihre Sprösslinge im Griff haben. Die Kinder werden mit einem Senderarmband ausgestattet, die Erwachsenen mit einem iPod als Empfangsgerät - und voilá, da ist Big Brother wieder. Ob in der "Kids Arcade" oder im "Fuel Teen Night Club", die Eltern wissen Bescheid. Die Jugendlichen hätten es wahrscheinlich gern auch mal andersrum. An ihrem Treffpunkt "The Living Room" wurde ich freundlich abgewiesen: "Wollen Sie jemanden abholen, Ma'am?" Nein! Erwachsenenfreie Zone.

Ich begebe mich lieber auf die Suche nach einer Ruhezone auf der "Meeresoase" und lande - nach Abstechern auf das offene "Solarium"-Deck (sehr geschmackvoll, aber zu laut), in der Bücherei (viel zu kühl klimatisiert), der Kapelle (zu heilig) und der angenehm grünen Parkanlage im Innenhof (Diskomucke!) wieder in meiner Stateroom-Außenkabine. Dort pustet nur leise die Klimaanlage, gelegentlich pfeift der Wind, und das Abwassersystem gurgelt. Ein Raum, der von Frauen inspiriert ist: mit viel Stauraum und meditativ ruhigen Wasserbildern, in angenehmen Erd- und Wasserfarben. "Für das Five-Women-Konzept wurden fünf Frauen mit wenig bis viel Kreuzfahrterfahrung zur Beratung hinzugezogen", erklärt Vice President Harri Kulovaara, zuständig für die Neubauten von Royal Caribbean. "Den Männern blieb letztlich nur der Flatscreen", fügt er mit gespieltem Bedauern hinzu.

Den Männern - wenn es denn nur diese sein sollten, die sich für Technik interessieren - bliebe eigentlich auch der Rest des Gigaschiffes, das auch als Labor für moderne Schiffbautechnologie gelten kann. Im Untergrund der Party-Kleinstadt werden Abwässer geklärt, Meereswasser wird aufbereitet, Müll verbrannt und Dieselmaschinen wummern. Alles wird gemanagt und überwacht von der Brücke auf Deck 12 und einem Technikkontrollraum auf Deck 2. Leider bleibt diese spannende Welt den Gästen verschlossen. Ebenso bleibt es ein Rätsel, wo die fast 2200 Crewmitglieder wohnen und leben - das lässt sich noch nicht einmal am Deckplan erahnen. "No, Ma'am", noch nicht einmal Journalistinnen haben dort Zutritt.

Zurück in der Realität

Wer auf dieser "Oase" glücklich werden will, muss sich auf eine komplett künstliche Welt einlassen. Auf einen nahezu perfekt inszenierten Urlaubskosmos mit einer glitzernden Fassade, der mit der ursprünglichen Idee der Kreuzfahrt, dem Erkunden fremder Welten durch eine Schiffsreise, nichts mehr gemein hat. Kein Kreuzfahrtschiff ist so isoliert, so abgeschottet von seiner Umwelt wie dieses. Bisher sind nur drei Karibik-Häfen auf die "Oasis"- Ausmaße eingestellt: auf der Jungferninsel Saint Thomas, der Antilleninsel Saint-Martin und Nassau auf den Bahamas. Auf meiner Probefahrt von zwei Tagen wird gar keine Insel angesteuert - wem fällt das schon auf? Selbst dass dieses Ferienresort tatsächlich schwimmt, spüre ich bei ruhiger See nur an einer leichten Irritation des Gleichgewichtssinns, wie ein Magengrummeln.

Nach meiner Stippvisite auf der "Oasis" bin ich von diesem gigantischen Tourismusindustrie-Produkt beeindruckt, aber glücklich, wieder in der realen Welt zu sein - einer, die mir nach der umsorgenden Wattebäuschchen-Atmosphäre an Bord umso stärker auf die Sinne knallt. Ich stecke meine Füße in den heißen Sand von Miami Beach und lasse mich von türkisfarbenen Wellen in die Karibik saugen. Die Möwen, die einen Happen von meinem Sandwich ergattern wollen, sind echt, das Meeresrauschen auch, der Sand kitzelt auf der Haut - nur der Sonnenbrand fühlt sich genauso an wie der aus der künstlichen Welt. Ich sitze einfach nur da.

"Do you want some coffee, Ma'am?" Nein, danke.

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