Kreuzfahrtschiff-Ranking des Naturschutzbunds Welches Schiff ist am wenigsten umweltschädlich?

Kreuzfahrt stinkt - nach wie vor. Reedereien haben inzwischen begonnen, ihre Schiffe mit LNG- und Hybridantrieb sowie Landstromanschluss auszurüsten. Das ist nicht genug, urteilt der Umweltverband Nabu.

Aida Cruises

Von


Seit Jahren suchen Reedereien wie Aida Cruises, TUI Cruises oder Hapag-Lloyd einen Kompromiss: den zwischen Gewinnstreben und Imageschutz. Denn Jahr für Jahr werden die gesetzlichen Vorgaben für die Schifffahrt ein wenig strenger.

Weiß wie die Dampfer, die sie in See stechen lassen, soll ihre Weste in Bezug auf die Umwelt sein - immerhin werden hier Urlaubsträume verkauft, bei denen das Meer türkis und die Strände strahlend rein sein sollen. Am Ende des Geschäftsjahrs müssen die Mutterkonzerne, die beiden größten Kreuzfahrtkonzerne Carnival und Royal Caribbean sowie TUI, zufrieden sein.

Fotostrecke

11  Bilder
Nabu-Ranking: Von "Aida Nova" bis "Royal Clipper"

Jede Reederei sucht ihren eigenen Weg: Ist das Flüssigerdgas LNG das Beste - für Klima und Budget? Reicht ein Abgaswäscher, der sogenannte Scrubber, der vor allem Schwefel aus dem Rauch filtern soll? Schmälert Landstromnutzung den Gewinn? Warum zugunsten von Marinediesel mit weniger Schwefeloxid auf das billige Schweröl verzichten?

Der Naturschutzbund (Nabu) nimmt die Maßnahmen seit 2012 alljährlich beim Kreuzfahrt-Ranking unter die Lupe. In diesem Jahr untersucht der Umweltverband dafür 89 Schiffe auf dem europäischen Markt hinsichtlich zweier Aspekte:

  • Abgastechnik beziehungsweise Verzicht auf Schweröl,
  • Technologien zum Klimaschutz im Bereich der Antriebe und der Energieversorgung.

"Da wir das Ranking auf Schiffe und nicht auf Reedereien ausgerichtet haben, soll es eine Art Handreichung für Kreuzfahrturlauber sein, um das am wenigsten umweltschädliche auszuwählen", sagt der Leiter Verkehrspolitik beim Nabu-Bundesverband, Daniel Rieger.

LNG-Schiffe auf Platz eins

Das Fazit des Rankings: Zwar kann die Branche - vor allem die deutschen Ableger - in puncto Luftschadstoffminderung einige Leuchtturmprojekte vorweisen. Die Realität beim Rest der Ozeandampferflotte sieht immer noch ernüchternd aus. Auch einstige Spitzenreiter seien inzwischen in den Rängen abgerutscht: "Wenn man 2013 wie TUI Cruises durchaus noch den ersten Platz mit einem Stickoxidkatalysator bekommen konnte, reicht dies 2019 nur noch für das obere Mittelfeld", sagt Rieger.

Auf Platz eins und zwei der Nabu-Rangliste schippern nun zwei 6600 Passagiere fassende Riesen mit LNG-Antrieb, die "Aida Nova" und "Costa Smeralda" (ab Oktober im Dienst). Dann folgen Schiffe, deren Reeder Stickoxidkatalysatoren (etwa "Europa 2", TUI-Cruises-Flotte) einsetzen und/oder auf Schweröl ganz oder teilweise freiwillig verzichten (Hapag-Lloyd Cruises und Ponant).

Und dann? Ist es auch schon vorbei mit der Vorbildlichkeit. Der größte Teil der Aida-, MSC-, Costa-, Cunard- oder Celebrity-Flotte setzt - sofern gesetzlich möglich - Schweröl ein und verfügt nicht über mehr Technologien als jene, die nötig sind, um vorgeschriebene Grenzwerte einzuhalten. Mehr als diese sogenannte Compliance sei aber, so Rieger, Kriterium, um im Ranking Punkte zu erzielen. Sogar Schiffe, die in diesem oder den letzten Jahren in Betrieb gingen, landen auf dem gemeinsamen letzten Platz - wie insgesamt 58 der 89 des Rankings.

NABU

Dennoch hat sich in den letzten acht Jahren einiges getan: "Gerade bei den LNG-Schiffen ging die Entwicklung verblüffend schnell", sagt Rieger. Bevor überhaupt die Infrastruktur in den Häfen da gewesen, also geklärt worden sei, wie die Schiffe mit LNG versorgt werden könnten, seien Investitionsentscheidungen in Milliardenhöhe getroffen worden. Inzwischen sind laut dem Branchenverband Clia weltweit 26 Schiffe mit LNG-Antrieb im Bau oder bestellt.

"Das ist ein starkes Bekenntnis, etwas verändern zu wollen", sagt Rieger - zumindest was die Luftschadstoffe betrifft. LNG jedoch sieht der Nabu noch nicht als die optimale Lösung an, solange er aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Der Umweltverband fordert, synthetisches LNG zu verwenden - also aus erneuerbarem Strom hergestelltes Gas. "Das ist zwar vier- bis fünfmal so teuer wie fossiles", sagt Rieger, "aber vor dem Hintergrund der immensen Gewinne der Branche zieht das Preisargument nicht."

Erstmals CO2-Bilanz bewertet

Der Boom der LNG-Schiffe war für den Nabu der Grund, erstmals seine Kriterien von Abgasreinigungssystemen auf den CO2-Ausstoß pro Schiff zu erweitern. "Sämtliche Schiffe (des Rankings) werden mit fossilen Treibstoffen betrieben, die enorme Treibhausgasemissionen verursachen", teilte der Verband mit, der generell den Verzicht auf Schweröl in der Schifffahrt fordert. Bei der Verwendung des Flüssigerdgases entweicht zudem das höchst klimaschädliche Methangas.

Das Ranking der Klimaschutzmaßnahmen allerdings bezieht sich ausschließlich auf Landstromversorgung, Blasenteppich- oder Hybridtechnologie. Die Reedereien dagegen führen Treibstoff- und damit CO2-Einsparungen unter anderem auf Wärmerückgewinnung, LED-Lampen oder verbessertes Rumpfdesign zurück. "Diese Informationen stellen uns die Unternehmen nicht zur Verfügung" sagt Rieger dazu. Zudem gingen diese Maßnahmen nicht über die von der internationalen Organisation IMO vorgeschriebenen CO2-Einsparziele hinaus.

"Royal Clipper": Weiße Segel, weiße Weste?
Richard Stonehouse/ Camera Press/ DDP

"Royal Clipper": Weiße Segel, weiße Weste?

Eigentlich hätte sich das Problem Schweröl in der Schifffahrt im kommenden Jahr von selber lösen sollen: Denn dann tritt der Schwefelgrenzwert in Schiffsabgasen von 0,5 Prozent auch dort in Kraft, wo bisher 3,5 Prozent möglich waren. "Die Idee dahinter, dass das den Abschied vom Schweröl darstellen sollte, hat nicht funktioniert", sagt Rieger, "da jetzt niedrigschwefeliges Schweröl angeboten wird" - immer noch billig und immer noch giftig.

Die Schwefelemissionen aus der Schifffahrt würden zwar runtergehen, aber nicht die Stickoxide und der Feinstaub, sagt der Verkehrspolitik-Leiter. Der Nabu fordert nun die Ausweitung der Emissionskontrollgebiete (Eca) von Ost- und Nordsee, in denen ein Grenzwert von 0,1 Prozent Schwefel gilt, auf Mittelmeer und Atlantikküste. Und dazu: "den flächendeckenden Einsatz von Abgastechnik für alle Schiffe im Bestand".

Zwei besondere Schiffe tauchen erstmals im Ranking auf: die Segelschiffe "Flying Clipper" und "Royal Clipper" von Star Clippers. Weiße Segel, weiße Weste - könnte man meinen. Die beiden Großjachten erhielten zwar zwei von vier möglichen blauen Schiffschrauben im Ranking und damit die beste Wertung in Sachen Klima. Lediglich eine grüne für Luftverschmutzung aber wurde ihnen zugestanden und damit Platz 19: "Die Schiffe haben immer noch einen Motor - und der hat als Abgastechnik: genau nichts", sagt Rieger.

insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hdserbach 21.08.2019
1. Es ist sicher...
...lobens- und anerkennenswert, dass sich jemand um die Umwelt kümmert. Auch ich bemühe mich, wo immer ich kann, umweltfreundlich zu agieren. Dennoch: Vor fünf Jahren bin ich mit Hurtigruten von Bergen zum Nordkap und nach Kirkenes gefahren - und auch wieder zurück. Und nächstes Jahr steht eine Ostseerundfahrt auf der Agenda. - Am Ende kommt bei allen Untersuchungen heraus, dass Otto Normalbürger wieder die Zeche zahlen und zugleich zu Hause bleiben soll. Hat denn schon einmal jemand überlegt, welche Fahrzeug-, Flugzeug- und Schiffsflotten sich die Kriegsgötter dieser Welt leisten - und was die in ihrer Summe zur Umweltverschmutzung beitragen. Im Vergleich mit den Kreuzfahrern. Die Handelsschifffahrt wird gebraucht, und sie sei hier gar nicht erwähnt, obwohl es da auch viel zu tun gäbe.
toll_er 21.08.2019
2.
Zitat von hdserbach...lobens- und anerkennenswert, dass sich jemand um die Umwelt kümmert. Auch ich bemühe mich, wo immer ich kann, umweltfreundlich zu agieren. Dennoch: Vor fünf Jahren bin ich mit Hurtigruten von Bergen zum Nordkap und nach Kirkenes gefahren - und auch wieder zurück. Und nächstes Jahr steht eine Ostseerundfahrt auf der Agenda. - Am Ende kommt bei allen Untersuchungen heraus, dass Otto Normalbürger wieder die Zeche zahlen und zugleich zu Hause bleiben soll. Hat denn schon einmal jemand überlegt, welche Fahrzeug-, Flugzeug- und Schiffsflotten sich die Kriegsgötter dieser Welt leisten - und was die in ihrer Summe zur Umweltverschmutzung beitragen. Im Vergleich mit den Kreuzfahrern. Die Handelsschifffahrt wird gebraucht, und sie sei hier gar nicht erwähnt, obwohl es da auch viel zu tun gäbe.
In meinen Augen ist diese Argumentation: 'Die anderen sind aber viel schlimmer!' fatal. Warum soll ich etwas tun (oder in diesem Fall lassen), wenn die anderen das doch auch tun. Und das Militär, das ist ja noch viel schlimmer. Und die Chinesen mit Ihrer Luftverschmutzung sowieso. Ich kann da doch gar nichts ausrichten. Nö, ist klar, weiter so, Kopf in den Sand und immer schön mit dem Fingern auf die anderen zeigen,.,,,
Gluehweintrinker 21.08.2019
3. Unvollständiger Rundumschlag gegen Feindbild Nr. 1
Es scheint der Sommer 2019 im Zeichen des Cruise Bashing bei der Spiegel-Redaktion zu stehen. Dieses ist nun schon der x-te Artikel mit der generalisierenden Aussage "Kreuzfahrtschiffe sind böse". Der Nabu hat sich übrigens mit seinem nachweislich falschen Gleichnis, dass "ein einziges Kreuzfahrtschiff so viele Schadstoffe produziere wie x Millionen PKW", unglaubwürdig gemacht. Dennoch wird exakt diese falsche Rechnung immer und immer wieder zitiert. Untrennbar verknüpft mit der Prügelei auf die Kreuzfahrtbranche kommen die Beteuerungen daher, dass auf die Frachtschiffe ja nicht zu verzichten sei. Ach, so... Abertonnen aufblasbarer hochgiftiger Kinderspielzeuge, Planschbecken, Winkekatzen, Dekoschnickschnack etc. aus Fernost sind also unverzichtbar. Verstehe. Und weil wir vor leeren Kleiderschränken stehen, brauchen wir neue Textilien jedes Jahr in zigtausenden Containern? Es gibt, wenn es um ökologisches Produzieren geht, den Begriff des Regionalen. Seltsamerweise wird dieser nur bei Lebensmitteln angewendet. Wer auf Kreuzfahrtschiffen herumprügelt, von denen es derzeit etwa 400 gibt und bei gegenwärtigem Branchenwachstum im Jahr 2027 wahrscheinlich 600, der muss sich fragen lassen, was denn mit mehr als 90.000 Frachtern, Militär-, Bohr-, Bagger-, Montage- und sonstigen Schiffen ist, von denen viele gar erhitzten Straßenbelag verheizen können. Was ist mit 4 Milliarden Flugtickets, die von nur 3 bis 5% der Weltbevölkerung gekauft werden, mit Milliarden überdimensionierten SUV. Alles "unverzichtbar zum Leben"? Das selektive Herumgehacke auf dem jeweiligen Lieblingsfeindbild führt zu nichts anderem als sedierender Gewissensberuhigung. "Ich fliege zwar acht bis zehn mal im Jahr, dafür esse ich aber kein Fleisch, nehme Jutetaschen zum Einkaufen und das Fahrrad", so wird es nichts mit dem Kampf gegen Klimawandel und Planetenübernutzung.
prisma-4d 21.08.2019
4. ...einfach nicht verreisen!
Das wäre doch im Sinne des Naturschutzes. Oder täusche ich mich? Wenn es also tatsächlich so ist, das wir uns alle versuchen sollen den Klimawandel zu stoppen, dann wäre die absolut unnütze Urlaubsreise, egal mit welchem Gefährt, der beste Schutz der Umwelt... wenn man Umweltschutz und Klimaschutz gleichsetz. Wenn es also die Leute ernst meinen die die derzeitigen Politiker vor sich her treiben... Aber nein... die Anderen sollen verzichten. Aber die Anderen der Anderen sind WIR. Langsam solle jedem klar werden, das der Weg der vorgeschlagen wird einen wirklich massiven Konsumverzicht bedeuet. Über die Folgen solcher Maßnahmen brauchen wir nur die Geschiche ansehen. Aber ich habe da keine Angst... der Rest der Welt wird sich am deutschen Umweltgewissen kein Beispiel nehmen.
charlybird 21.08.2019
5. So, so, lobens-und anerkennenswert
Zitat von hdserbach...lobens- und anerkennenswert, dass sich jemand um die Umwelt kümmert. Auch ich bemühe mich, wo immer ich kann, umweltfreundlich zu agieren. Dennoch: Vor fünf Jahren bin ich mit Hurtigruten von Bergen zum Nordkap und nach Kirkenes gefahren - und auch wieder zurück. Und nächstes Jahr steht eine Ostseerundfahrt auf der Agenda. - Am Ende kommt bei allen Untersuchungen heraus, dass Otto Normalbürger wieder die Zeche zahlen und zugleich zu Hause bleiben soll. Hat denn schon einmal jemand überlegt, welche Fahrzeug-, Flugzeug- und Schiffsflotten sich die Kriegsgötter dieser Welt leisten - und was die in ihrer Summe zur Umweltverschmutzung beitragen. Im Vergleich mit den Kreuzfahrern. Die Handelsschifffahrt wird gebraucht, und sie sei hier gar nicht erwähnt, obwohl es da auch viel zu tun gäbe.
dass sich jemand kümmert. Und das ist doch exakt der Punkt, der am Verbraucher kritisiert wird: Warum soll ich, wenn die anderen doch auch und noch andere können sich dann kümmern. Es gibt Konsumenten, denen ist das vollkommen egal, ob Klimawandel, Umweltschutz oder Städteüberfall, dafür wird dieses gewinnbringende Vergnügen ja inszeniert. Die, die dafür noch empfänglich sind, könnten ihre Reisepläne aber ein wenig anpassen, wenn sie denn nur wollten. Was aber meistens folgt ist: Siehe oben. :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.