Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" Seenotrettung per Helikopter unterbrochen

Mehr als 400 Passagiere konnten von dem in Seenot geratenen Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" bisher geholt werden. Doch nun ist die Rettungsaktion per Helikopter vorerst gestoppt. Der Kapitän muss entscheiden, wie es weitergeht.

CHC/ DPA

Die dramatische Rettungsaktion vor der Westküste Norwegens ist unterbrochen: Hubschrauber sollten keine Menschen mehr von Bord der "Viking Sky" an Land fliegen. Das teilte der südnorwegische Rettungsdienst am Sonntag mit. Der Kapitän werde laut Nachrichtenagentur NTB während des Manövers entscheiden, ob die Evakuierung per Helikopter fortgesetzt werden solle.

Bislang sind rund 460 der insgesamt mehr als 1300 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Land geholt worden. Währenddessen geleiten Schlepper das Schiff in den Hafen der nahen Stadt Molde.

Die "Viking Sky" war am Samstagnachmittag wegen Problemen mit dem Antrieb während eines Sturms in Seenot geraten, und das in einem gefährlichen Abschnitt der zentralen Westküste Norwegens.

Seegang erschwert Rettung

Die meisten Fahrgäste sind laut Behördenangaben Briten und Amerikaner. Auch zwei deutsche Frauen, 74 und 66 Jahre alt, waren laut Reederei mit dem Schiff unterwegs. Ob sie bereits in der Nacht von Bord geholt wurden oder am Sonntag weiter auf dem Schiff ausharrten, war laut einem Sprecher nicht bekannt. Das Rote Kreuz teilte mit, viele der Passagiere seien traumatisiert. Sie würden an Land psychologisch betreut.

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Fotostrecke: Chaotische Szenen an Bord der "Viking Sky"

Die Evakuierung dauert deshalb so lange, weil die Hubschrauber nur jeweils rund 15 Menschen pro Flug in Sicherheit bringen können. Am Ort der Havarie herrschte hoher Seegang, der die Rettung erschwerte.

Passagiere twitterten Bilder und Videos von Bord. Darauf zu sehen ist, wie sehr die "Viking Sky" schwankte. Durch die Fenster sind riesige Wellen zu sehen. Sessel, Tische und Pflanzen rutschten im Inneren auf dem Boden hin und her, einer Frau fiel eine Deckenverbauung auf den Kopf.

Alexus Sheppard

Viele Menschen an Bord trugen Rettungswesten. Ein Passagier schrieb, die Besatzung mache einen fantastischen Job und sorge dafür, dass alle ruhig und versorgt seien. Das Meer sei weiterhin aufgewühlt.

"Ich habe gedacht: Das ist das Ende"

"Ich hatte Angst. Ich habe noch nie etwas so Beängstigendes erlebt", berichtete die Passagierin Janet Jacob nach ihrer Rettung. "Ich habe für die Sicherheit aller Menschen an Bord gebetet", sagte sie im norwegischen Fernsehen. Auch der Flug mit dem Hubschrauber sei "entsetzlich" gewesen: "Der Wind war wie ein Tornado."

Der Passagier Rodney Horgan sagte, die Situation habe ihn an die "Titanic" erinnert. "Das beste Wort dafür ist, glaube ich, surrealistisch", sagte er. Durch meterhohe Wellen sei Wasser in das Schiff eingedrungen, das Tische, Stühle und Menschen umgerissen habe. "Ich habe gestanden, meine Frau hat vor mir gesessen und plötzlich war sie weg. Ich habe gedacht: Das ist das Ende."

Der Passagier Ryan Flynn verbreitete bei Twitter ein Video, auf dem zu sehen ist, wie sein 83-jähriger Vater in einen Hubschrauber hochgezogen wird. "Wir haben das Schiff alle wohlbehalten verlassen", berichtete er.

Havarie-Fall "besonders schwer zu üben"

"Das ist sicherlich ein besonderer Fall, wie man ihn nur ganz schwer üben kann", schätzt die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) die Lage der "Viking Sky" ein. "Es ist immer sehr schwierig, viele Menschen gleichzeitig von einem Schiff holen zu müssen, erst recht, wenn das Wetter schlecht ist", sagte ein Sprecher. Die einzige Möglichkeit in solchen Fällen sei dann oft die Bergung per Hubschrauber. "Doch ein Hubschrauber hat Einschränkungen: Er kann nur viel geringere Zeit vor Ort sein als ein Schiff, er muss häufiger tanken und braucht relativ viel Zeit, um mit einer Winde Menschen aufzunehmen. Dazu kommt die geringe Transportkapazität."

Drei von vier Motoren laufen wieder

Es gebe bei dieser Wetterlage aber keine Alternative. An Schlauchboote sei nicht zu denken. "Selbst ein Tochterboot auszusetzen, ist für einen Seenotkreuzer sehr schwierig. Aber wir sprechen hier über enorme Wellen und Windgeschwindigkeiten", so der DGzRS-Sprecher.

Nach Angaben des norwegischen Rundfunksenders NRK war die "Viking Sky" nur 100 Meter davon entfernt, auf Grund zu laufen. Drei Antriebe des Schiffes liefen in der Nacht zum Sonntag aber wieder. Es fahre nun langsam in Richtung der nahen Stadt Molde und werde von zwei Schleppern begleitet. Der südnorwegische Rettungsdienst twitterte, die Evakuierung erfolge sehr vorsichtig.

Auch Besatzungsmitglieder einer Frachters in Sicherheit

Auch die neun Besatzungsmitglieder des im selben Küstengebiets in Seenot geratenen Frachters "Hagland Captain" wurden laut Nachrichtenagentur NTB mittlerweile in Sicherheit gebracht. Der Frachter war auf dem Weg zur "Viking Sky", als bei ihm ebenfalls der Motor ausfiel. Daraufhin hatte es Schlagseite bekommen.

Die Evakuierten kamen in ein Notaufnahmezentrum in der Stadt Brynhallen, rund 500 Kilometer nördlich der Hauptstadt Oslo. Die Verletzten wurden dann in drei Krankenhäuser gebracht.

mst/dpa



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