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Tunesien: Und am Ende fehlen Touristen

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Krise in Tunesien Luxus-Tourismus gegen Terrorismus

Fünf-Sterne-Luxus für 75 Euro: Tunesiens Tourismusbranche wirbt mit Traumurlaub zu Dumpingpreisen, trotzdem sind die Hotels leer. Wie schon die Revolution von 2011 ist auch die aktuelle Krise schlecht fürs Geschäft. Das Ausbleiben der Fremden treibt das Land in einen Teufelskreis.

In den weißen Gassen Hammamets regt sich in der Mittagshitze nichts mehr. Tief im Dunkel seines Ladens schläft ein Teppichhändler auf einem Stapel seiner Ware. Der uralte Kellner des Cafés nebenan sitzt schweigend und raucht. Selbst ein Wurf Kätzchen, sonst immer zu Schabernack aufgelegt, liegt hechelnd im Schatten. Nur manchmal geht eine Brise, dann rascheln Palmwedel, bauschen sich aus blaugestrichenen Fensterhöhlen weiße Vorhänge: Wer Einsamkeit sucht, ist zurzeit gut aufgehoben in Tunesien.

Dabei ist der Küstenort Hammamet für vieles berühmt, nur nicht für Stille: In guten, normalen Jahren drängen sich hier tagtäglich Tausende Europäer durch die Altstadt. Sie zaubern den Souvenirhändlern ein Lächeln ins Gesicht und bestellen Celtia-Bier, bis der alte Kellner glückselig zu schwitzen beginnt. Im türkisklaren Meer, für das Hammamet bekannt ist, treiben ganze Flotten von Luftmatratzen, später tummeln sich die Nachtschwärmer zu den Hits des jeweiligen Sommers auf den Tanzflächen der Strandbars. "Es war das Paradies", sagt Kamel Zaafrane, Manager des Fünf-Sterne-Hotels Mehari im am Strand gelegenen Stadtteil Yasmin Hammamet. "Jetzt ist es katastrophal."

Tatsächlich treibt die neue Ruhe, die Hammamet zum ersten Mal seit Jahrzehnten zu einem Traumziel für menschenscheue Individualtouristen macht, die lokalen Tourismusunternehmer zur Verzweiflung. "Wir haben uns gerade erst von dem Einbruch nach der Revolution erholt, jetzt trifft uns schon der nächste Schlag", sagt Zaafrane. Die Regierungskrise, in die Tunesien nach der politisch motivierten Ermordung des säkularen Oppositionspolitiker Mohammed Brahmi abgerutscht ist, droht die für das Land so wichtige Tourismusbranche mit voller Wucht zu treffen.

Russen helfen nicht

"Tourismus ist eine äußerst empfindliche Industrie", sagt Zaafrane, der sich noch gut daran erinnert, welche Auswirkungen die Anschläge von 9/11 auf das ferne Tunesien hatten: "Ich habe damals in einem Fünf-Sterne-Hotel in Sousse gearbeitet. Eine Woche nach dem 11. September war auch der letzte Gast abgereist." Der Hotelier erzählt das alles in der leeren Lobby seines Hotels. Seine Stimme hallt etwas in dem hohen, verlassenen Raum. Nur ab und an wandern Gäste vorbei: Es sind fast alles Osteuropäer, die weniger schreckhaft auf Krisen reagieren als beispielsweise Deutsche.

Dass vor allem aber Russen eher unbeliebte Gäste sind, sagt Zaafrane nicht. Einige Händler in der Altstadt sind weniger zimperlich: "Die buchen all inclusive, sitzen den ganzen Tag in der Bar oder am Strand und geben außerhalb des Hotels keinen Dinar aus", schimpft ein Souvenirhändler, der den üblichen Mix aus Badetüchern, 1001-Nacht-Pantoffeln und gefälschten Marken-T-Shirts feilbietet.

Auch die Taxi- und Busfahrer in Hammamet maulen: Früher seien die Gäste ganz selbstverständlich auf Exkursionen gegangen, hätten sich mal in die eine Stunde entfernte Hauptstadt Tunis oder an einen einsamen Strand fahren lassen. Doch im Jahr zwei nach der Revolution und den Unruhen der vergangenen Wochen sei das Ausflugsgeschäft nun vollends eingebrochen.

Das allgegenwärtige Wehklagen trägt der Tatsache Rechnung, dass Tunesiens Wirtschaft in großen Teilen von den ausländischen Besuchern abhängig ist. Laut offiziellen Zahlen sind etwa 400.000 der rund elf Millionen Tunesier in der Tourismusbranche angestellt - weitaus mehr Menschen leben indirekt ebenfalls von den Ausländern. "80 Prozent der tunesischen Familien haben mindestens ein Mitglied in einem Beruf, der von der Branche abhängig ist", sagt Zaafrane.

Tourismus-Flaute verschärft die Krise

Die Flaute trifft Tunesien doppelt hart: Zur wirtschaftlichen Not gesellt sich ein Ungerechtigkeitsgefühl, die Tunesier fühlen sich von den ausländischen Touristen zu Unrecht bestraft: "Während des Arabischen Frühlings 2011 ist in Yasmin Hammamet nicht eine Glühbirne kaputtgegangen", sagt Zaafrane. Dennoch seien die Besucherzahlen 2012 um 50 Prozent eingebrochen.

Dieser Rückgang führte zu vielen Entlassungen in der Branche - und dadurch auch in die aktuelle Krise. Denn die Demonstrationen, mit denen in Tunis jetzt Tausende gegen die islamistische Regierung protestieren, sind zum großen Teil durch wirtschaftliche Sorgen motiviert. Viele Tunesier sind bitter enttäuscht, dass ihre Lebensverhältnisse nach der Revolution eher schlechter als besser geworden sind.

Von diesem Unmut getrieben, gehen die säkularen Hauptstädter auf die Straße. Andere, religiös orientierte Tunesier suchen ihr Heil in radikaleren Formen des Islam, der wiederum an seinen äußersten Rändern Extremisten hervorbringt. Einer von ihnen soll den Oppositionspolitiker Brahmi ermordet und dadurch die aktuelle Krise ausgelöst haben.

Tunesien droht ein Teufelskreis: Eine Polit-Krise verschreckt die Touristen, das löst eine Wirtschaftskrise aus, die wieder zu einer politischen Krise führt. Die Tourismusbranche versucht, sich zu helfen, indem sie ihre Produkte für immer weniger Geld anbietet. In Zaafranes Fünf-Sterne-Hotel ist die Übernachtung in der aktuellen Hauptsaison ab 75 Euro zu haben, Vollpension und Getränke - auch Alkohol - inklusive. "So billig und schön kriegt man es sonst nirgends", wirbt der Hotelier für sein Land.

Das beste Argument für Tunesien sei aber, so Zaafrane, dass der Urlaub hier nicht nur ein Vergnügen, sondern ein kleiner Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus sei: "Tourismus ist das beste Mittel gegen Extremismus."

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