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Kreuzberger Proteste: "Hilfe, die Touristen kommen"

Foto: Kathrin Streckenbach/ dpa

Kult-Stadtteil Berlin-Kreuzberg Kampf den Touristen

Ein Stadtteil verliert sein Gesicht: Billigtourismus verändert den Kreuzberger Kiez in Berlin. In Mietshäusern werden Ferienwohnungen eingerichtet, Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll - und steigende Preise. Der Bezirk ringt um seinen toleranten Ruf.

Berlin - Die Sonne scheint mit aller Kraft auf den Spreewaldplatz. Die Cafés haben ihre Stühle herausgestellt, aber noch sitzt niemand dort. Es ist kurz vor elf Uhr vormittags.

Die Touristen der Hauptstadt, die Backpacker aus Spanien, Italien, aus Norwegen und Schweden - sie schlafen noch.

Kreuzberg

Ob ihnen bewusst ist, welche Aufregung sie auslösen? In Berlin- wird über die Besucher, die in Scharen in den Multikulti-Bezirk strömen, diskutiert und gestritten. Die Zahl der Übernachtungen hat sich nach Angaben der Grünen in den vergangenen Jahren fast verdreifacht - auf 2,37 Millionen im Jahr 2009. Immer mehr Billig-Hostels schießen aus dem Boden, in den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl von 30 auf 50. Wohnungen werden nicht mehr an Berliner vermietet, sondern nächteweise an Touristen.

Gentrifizierung

Die Kreuzberger plagt - genau wie die Menschen in anderen Teilen der Hauptstadt, Prenzlauer Berg, in Friedrichshain, in Mitte - ein Problem: Teile des Bezirks sind in den vergangenen Jahren aufgestiegen, die schreitet weiter rasant voran. Und jetzt treibt der Touristenzustrom die Mieten zusätzlich in die Höhe.

Ausgerechnet in dem Bezirk, in dem Toleranz um jeden Preis als erste Bürgertugend galt, blasen die Anwohner jetzt zum Aufstand. Die Grünen haben im Kreuzberger Wrangelkiez, einer eigentlich sozial schwachen Gegend mit vielen Arbeitslosen und vielen Migranten, zu einer Gesprächsrunde geladen. Der Titel der Veranstaltung: "Hilfe, die Touris kommen". Das Feedback war gewaltig.

Wie im Zoo

Rund um die U-Bahn-Haltestelle Schlesisches Tor ist die Partyszene in den letzten Jahren geradezu explodiert. Abends ist kaum ein Durchkommen. Der Reiseführer "Lonely Planet" verspricht jungen Reisenden: "Für Partytiere: Geht in die Kreuzberger Bars". Besonders das Gebiet um die Schlesische Straße wird den Touristen ans Herz gelegt: "Neue Erfahrungen in den alternativen Kneipen" würden dort auf die Touristen warten.

Von dem unvergleichbaren "Nightlife" spricht auch Bülent E., der in der Gegend das "36 Rooms Hostel" betreibt. Bis zu 150 Reisende können hier unterkommen, ein Bett im Schlafsaal gibt es ab 10 Euro. Auf den Sofas neben der Rezeption hängen am Morgen ein paar junge Frauen herum, die Finger müde auf ihren iPhones. In einem Kühlschrank steht Bier.

Hostel-Betreiber Bülent E. steckt mitten drin im Tourismus-Kampf: "Wir werden von den Behörden attackiert", sagt er. Ständig, jede Woche gebe es Anzeigen wegen Ruhestörungen. Die Ämter spielten mit der Existenz der Leute. Er verstehe, dass der Lärm für die Bewohner zum Teil unerträglich geworden sei. Deshalb müssten die rechtlichen Bedingungen für Hostels klarer geregelt werden. "Es herrscht Chaos, keiner blickt richtig durch", sagt er.

In den umliegenden Straßen reihen sich Imbisse an Cafés an Tapas-Bars. Ständig gibt es Neueröffnungen. Inmitten der Touristen fühle sie sich schon manchmal wie im Zoo, sagt eine blonde Frau mit Sonnenbrille. An sich habe sie aber natürlich nichts gegen die Besucher.

"Ziehen Sie doch in ein anderes Viertel"

Die Kreuzberger sind gespalten. Berlin ist eine arme Stadt - arm an Industrie, aber reich an Touristen. Laut dem Berliner "Tagesspiegel" kamen 2010 mehr als neun Millionen Gäste, die 20,8 Millionen Übernachtungen in den Hotels der Hauptstadt buchten. Neun Milliarden Euro an Steuern wurden dadurch in die Landeskasse gespült. Wirtschaftssenator Harald Wolf warnt deshalb auch vor einer neuen Tourismusfeindlichkeit.

Eine Anwohnerin des Wrangelkiezes, Sozialpädagogin, seit 15 Jahren im Viertel, sagt: "Überspitzt kann man es so ausdrücken: "Früher waren hier Türken, jetzt sind es Spanier". Diese Durchmischung sei auch schön. "Aber die ganz normalen Leute und ganz normalen Läden werden verdrängt durch die vielen Restaurants, die eben von den Touris leben." Der Kreuzberger an sich gelte als entspannt. Und wenn man sich bei der Polizei über den Lärm beschwere, dann heiße es oft nur: "Ziehen Sie doch in ein anderes Viertel." Das sei eine verstörende Antwort, "wenn man jahrelang als Mittelschichtler hier gewohnt hat". Von den Touristen erhofft sie sich für die Zukunft mehr Verständnis dafür, "dass die Leute hier auch morgens zur Arbeit und deshalb schlafen müssen."

Es ist auch ein Konflikt zwischen der Generation 20 plus und 30 plus. Zwischen den jungen, die Party machen wollen, und den etwas älteren, die inzwischen Kinder haben und ein größeres Bedürfnis nach Ruhe. Man habe die Entwicklungen in den vergangenen Jahren falsch eingeschätzt, sagt Kreuzbergs grüner Bezirksbürgermeister Franz Schulz in dem Stadtmagazin "Kreuzberger Chronik". Dass wieder Familien mit Kindern nach Kreuzberg zögen, sei begrüßenswert. Aber die Zuzügler würden "mit ganz anderen Interessen und Lebenszielen in unseren Bezirk kommen als die, die vor 30 Jahren kamen." Es könnte passieren, dass etwas dabei verloren gehe: "die Toleranz", so der Politiker.

"Die Kinder können nicht schlafen"

Der Wrangelkiez ringt um einen Umgang mit den Easyjettern, mit den Partytouristen. Ein paar Kilometer weiter westlich - im bürgerlichen Kreuzberg 61, dem Bergmannkiez, öffnet wieder ein neues Angebot für Berlin-Besucher. "Traumberg Flats - individuelle Gästezimmer im Bergmannkiez", steht auf dem Schild eines sanierten Eckhauses.

In der Gegend, rund um den Chamissoplatz etwa, sei die Zahl der Ferienwohnungen stark angestiegen. Eine Lösung für das Problem sei nicht einfach, sagt der Reisejournalist und Herausgeber des Magazins "Kreuzberger Chronik", Hans W. Korfmann. Es drohe immer mehr das verloren zu gehen, was Berlin - und besonders die Gegend um die Bergmannstraße - ausgemacht habe. "Es gab hier immer eine bunte Mischung: Intellektuelle, Politiker und Hartz-IV-Empfänger lebten hier miteinander, saßen gemeinsam in den Höfen der Häuser."

Ein Journalist, der mit seiner Familie in der Hagelberger Straße in der denkmalgeschützten Wohnanlage "Riehmers Hofgarten" im Bergmannkiez lebt, bekommt die neuen Entwicklungen hautnah mit. Die Wohnung unter ihm wird an Touristen vermietet. Junge Reisegruppen aus Frankreich, aus Italien kommen. "Besonders im Sommer ist der Lärm unerträglich, laute Technomusik bis in den frühen Morgen. Die Kinder können nicht schlafen", sagt er. Und er hört von immer mehr ähnlichen Fällen. Eine Bekannte habe in einer Nebenstraße eine Maisonettewohnung gekauft. Als sie einzog, musste sie feststellen, dass in dem Apartment unter ihr Touristen kommen und gehen.

Wie schwierig diesbezüglich die Handhabe ist, zeigt ein Antwortschreiben des Kreuzberger Bezirksbürgermeisters Schulz auf eine SPD-Anfrage aus dem vergangenen Jahr. Es geht um eben die Ferienapartments in "Riehmers Hofgarten", von denen auch der Journalist berichtet.

Die SPD-Fraktion wollte wissen, wie das Bezirksamt die Nutzung der Wohnungen als Ferienwohnung beurteilt. "Die Nutzung vieler Wohnungen als Ferienwohnungen steht dem städtebaulichen Ziel einer Belebung der Innenstadt entgegen und fördert die Verdrängung der Wohnbevölkerung." Die Rechtslage sei schwierig, denn die Nutzung der Touristen könne als Mischform zwischen einem Hotel und einer Wohnung angesehen werden - deshalb bestehe nur "eine sehr begrenzte Möglichkeit" rechtlich dagegen vorzugehen, so der Bezirksbürgermeister.

Trotzdem wird in der Politik fieberhaft überlegt, wie der Touristenansturm mit dem Wunsch der Anwohner zu vereinbaren ist - nachgedacht wird über die Wiederbelebung einer Steuer für jede Übernachtung.

Manche Kreuzberger aber bleiben sehr gelassen. Es gebe halt im Moment einen Kreuzbergboom. "Aber die Touristen werden auch irgendwann wieder weiterziehen und sich neue Quartiere suchen", sagt ein Rentner.

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