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Langzeitbelichtung im Urlaub: Von wegen kitschig!

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Langzeitbelichtung für Anfänger Spiel auf Zeit

Meerwasser, das wie Nebel aussieht, soll kitschig sein? Von wegen! Für Melanie John ist Langzeitbelichtung ein mächtiges Werkzeug. Die Fotografin gibt Tipps für Einsteiger und zeigt ihre schönsten Bilder.
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Melanie John, 41, durchstreift die Welt auf der Suche nach den schönsten Häuserschluchten und Landschaften. Ihr liebstes Motiv: die Skyline von Frankfurt, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dabei setzt sie oft das Stilmittel der Langzeitbelichtung ein.Website:Fototante.de 


SPIEGEL ONLINE: Frau John, was reizt Sie an der Langzeitbelichtung?

John: Für mich ist es ein mächtiges Werkzeug. Ich kann damit Bewegungen zeigen, die das Auge so nicht wahrnimmt. Wie ein Maler kann ich alles, was ich sehe, neu interpretieren. Will ich, dass die Meeresbrandung wie Nebel aussieht, nehme ich einen Graufilter. Man könnte auch noch einen Farbfilter einsetzen und sagen: Ich hätte es gerne rosa.

SPIEGEL ONLINE: Manche nennen das Ergebnis kitschig…

John: Ich halte es für abwegig, alles auf den einen Punkt "kitschig" zu reduzieren. Es bringt so viel Flair mit sich. Manche mögen es Kitsch nennen, ich nenne es eine besondere Stimmung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Motive eignen sich für Langzeitbelichtungen?

John: Alle, bei denen Bewegung im Spiel ist. Am schönsten ist fließendes Wasser - Flüsse und Wasserfälle beispielsweise. Oder Wellen, die an Buhnen oder Felsen klatschen. Vorbeiziehende Wolken, die im Bild wie Schleier über den Himmel ziehen. Mit einer Langzeitbelichtung kann man auch vorbeigehende Menschen vor einer Sehenswürdigkeit verschwinden lassen. Wenn Leute davor stehenbleiben, sieht man sie nur noch als verschwommenen Schatten, während das Objekt gestochen scharf ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ausrüstung braucht ein Einsteiger?

John: Ein stabiles Stativ und einen Fernauslöser, damit die Kamera nicht wackelt, wenn man den Auslöser drückt. Eine Spiegelreflex-, System- oder eine Kompaktkamera, bei der man Blende und Belichtungszeit manuell einstellen kann. Zusätzlich empfehle ich zwei Filter für den Einstieg, mit denen man die Belichtungszeit künstlich verlängern kann. Zum einen den 64-fachen Graufilter, der so etwas wie eine dunkle Sonnenbrille für die Kamera ist. Er eignet sich zum Beispiel gut für Aufnahmen in der Dämmerung. Und den 1000-fachen Graufilter für Aufnahmen bei hellem Tageslicht - das ist die Schweißerbrille unter den Filtern. Da sieht man auch absolut nichts mehr durch den Sucher - es sei denn mit Live View.

SPIEGEL ONLINE: Es ist zwei Uhr nachmittags am Strand, ein paar Schäfchenwolken ziehen vorbei. Wie belichtet man am besten?

John: Das hängt vom Gestaltungswunsch ab. Will man Wolken und Wellen noch als deutliche Struktur erkennen, bietet sich ein 64er-Filter an. Damit kann man bei diesen Lichtverhältnissen und geschlossener Blende vermutlich eine viertel bis eine halbe Sekunde belichten. Will man, dass Wellen und Wolken stark verwischt aussehen wie Nebel, empfiehlt sich ein 1000er-Filter. Damit kann man die Belichtung künstlich auf drei bis vier Sekunden verlängern.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt alles sehr technisch. Ist es schwierig, alles richtig zu berechnen?

John: Es gibt auch Apps als Hilfsmittel. NDCalc berechnet zum Beispiel die korrekten Belichtungszeiten mit Graufiltern. Aber auch durch Ausprobieren kann man Schritt für Schritt ein besseres Gespür dafür entwickeln: Wenn du feststellst, das Bild ist mit vier Sekunden Belichtungszeit zu dunkel, dann versuchst du es eben mit fünf Sekunden.

SPIEGEL ONLINE: Zu welchen Uhrzeiten sind die Lichtverhältnisse besonders schön?

John: Die Morgen- und Abenddämmerung finde ich es besonders interessant. Auf Reisen plane ich meine Fotostandorte auch nach Himmelsrichtungen: Wo ist Osten, wo geht die Sonne auf? Zusätzlich schaue ich mir vorher schon Bilder dazu im Internet an und überlege mir, wie ich die Szenerie gestalten möchte.

SPIEGEL ONLINE: Geht mit der Langzeitbelichtung eigentlich auch eine seelische Entschleunigung einher?

John: Nein, ich fotografiere ja auch sehr raue Stimmungen. Bei einem Sturm auf Sylt hat der Wind mir zweimal fast Stativ und Kamera umgeweht. Aber es hat sich gelohnt: Bei einer Belichtungszeit von drei bis vier Sekunden sah man bereits, wie irre sich die Gräser im Sturm bewegten. Eine beeindruckende Szenerie.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder zeigen oft die Lofoten - was mögen Sie an diesem Nordland?

John: Weiße Sandstrände wie in der Karibik, das glasklare Wasser, die Berge. Zudem ist das Wetter schön wechselhaft: kein öder blauer Himmel oder Windstille, sondern viele tolle Wolkenformationen - das raubt mir jedes Mal wieder den Atem. Zuletzt war ich während der Polarnacht in Fredvang. Es war 20 Stunden am Tag stockdunkel und hat gestürmt, geregnet und geschneit.

SPIEGEL ONLINE: Was war bisher Ihre längste Belichtungszeit?

John: Fünf Minuten. Nicht sehr lang. Die Bewegung der Sterne über mehrere Stunden einzufangen - sogenannte Startrails - das steht noch auf meiner Wunschliste.

Leseraufruf: "Mit Instagram um die Welt"

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