Pauschalreisen Last Minute heißt spontan, nicht billig

Mit gepackten Koffern zum Flughafen, Kreditkarte auf den Tisch und günstig in den Urlaub - das war vor Jahren noch möglich. Zwar kommt man auch heute spontan weg vom Fleck, aber billig ist das meistens nicht. Kann man überhaupt noch Reiseschnäppchen buchen?
Last-Minute-Reisebüro am Frankfurter Flughafen: "Der Kunde ist schnäppchengetrieben"

Last-Minute-Reisebüro am Frankfurter Flughafen: "Der Kunde ist schnäppchengetrieben"

Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Egal, ob man morgens zur Arbeit geht oder abends nach Hause kommt. Im grauen Herbst tut der Tag oft so, als wäre er tiefe Nacht. Kommt auch noch Nässe und Kälte dazu, kann einem schon mal die Idee kommen, kurzfristig Urlaub einzureichen und die Koffer zu packen. Last Minute buchen. Spontan sein. Ein Schnäppchen machen.

Doch beim Suchen nach günstigen Angeboten merkt man schnell: Wunsch und Wirklichkeit passen nicht zusammen, vieles ist teurer als gedacht. Denn Last Minute ist nicht mehr das, was es einmal war. Der designierte Präsident der Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW), der TUI-Chef Michael Frenzel, prophezeit sogar ein baldiges Ende der billigen Last-Minute-Reise.

Trotzdem finden sich überall im Internet sogenannte Last-Minute-Angebote. Ist das Etikettenschwindel? "Heute steht der Begriff nicht mehr ausschließlich für das preisgünstigste Angebot", sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband (DRV). Last Minute bedeute heute schlicht: "Dass man auch spontan eine Reise buchen kann" - und die könne sowohl dem Katalogpreis entsprechen als auch teurer oder billiger sein.

Früher hätten die Veranstalter tatsächlich umfangreiche Flug- und Bettenkontingente in den Urlaubsgebieten aufgekauft und überschüssige Kapazitäten zum Ende der Saison mit enormen Preisnachlässen angeboten. "Aber heute verramschen die Unternehmen keine Reisen mehr." Die Anbieter würden zwar auch künftig dafür sorgen, dass ihre Kunden Tausende Optionen für kurzfristiges Verreisen haben. "Was sich aber verändert hat, sind die Konditionen." Und die haben sich für Kurzentschlossene in den letzten Jahren tendenziell verschlechtert.

Spontanbucher müssen flexibel sein

Wer seinen Urlaub erst wenige Wochen oder Tage vor der Abreise buchen will, der müsse in manchen Fällen und bei stark nachgefragten Reisezielen einen deutlich höheren Preis in Kauf nehmen als jemand, der bereits sechs Monate vor dem Abflug gebucht habe. "Außerdem muss er flexibel sein und das nehmen, was noch zu haben ist", sagt DRV-Sprecher Schäfer. Vielleicht ist im Hotel kein Zimmer mit Meerblick mehr frei, und der Flug startete nicht in der Heimatstadt, sondern nur noch von einem weiter entfernen Flughafen. "Wer langfristig bucht, hat in der Regel mehr Wahlmöglichkeiten - und profitiert sogar noch von Frühbucherrabatten, die bis zu 30 Prozent betragen können."

Es scheint, als würde sich der Spieß langsam umdrehen. Während Frühbucher vor Jahren damit rechnen mussten, dass sie ihre Reise kurz vor Urlaubsbeginn günstiger bekommen hätten, sind sie heute zunehmend im Vorteil. Warum hat sich diese Preispolitik geändert? "In der Wirtschaftskrise haben die Unternehmen angefangen, konservativer zu planen", erklärt DRV-Sprecher Schäfer. "Sie kaufen ihre Kontingente vorsichtiger und minimieren so das Risiko, auf Betten und Flügen sitzen zu bleiben oder sie später mit Verlust zu verkaufen."

Zugleich hat sich die Technik verändert und bietet heute neue Möglichkeiten. "Der Trend geht in Richtung dynamischer Reisepakete", sagt Anja Braun, Sprecherin von TUI Deutschland. Bei diesen Angeboten stellt eine Software tagesaktuelle Preise für Flug und Hotel zusammen und bietet diese Kombination als Pauschalreise an. Der Preis kann sich stündlich verändern - was nicht heißt, dass er immer günstiger ist als bei einer "klassischen Pauschalreise". Der größte deutsche Reiseveranstalter bietet dies auch selber unter dem Namen XTUI an.

Sparen mit X-Veranstaltern

Dynamische Urlaubspakete, in der Branche auch "X-Reisen" genannt, sind laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in den letzten Jahren immer beliebter geworden. Ihr Marktanteil beträgt heute 7,6 Prozent - zumindest was die Verkäufe in deutschen Reisebüros betrifft. Für das gesamte Touristikgeschäft, also auch Buchungen über das Internet oder Telefon, liegen der Marktforschungsfirma GfK nur Schätzungen vor. "Der Anteil dynamischer Reisen am gesamten Touristikgeschäft dürfte rund zehn Prozent betragen", sagt eine GfK-Mitarbeiterin.

Auch im Internet tauchen immer mehr X-Reiseveranstalter auf, die Pakete mit tagesaktuellen Preisen anbieten. Unternehmen wie vTours, BigXtra oder Tropo zeichnen sich dadurch aus, dass sie kein Kataloggeschäft haben, flexibler in der Preisgestaltung sind und daher günstiger als konventionelle Veranstalter verkaufen. "Wir haben eine schlanke Unternehmensstruktur", sagt Tropo-Geschäftsführer Frank Riecke. "Den dadurch entstehenden Kostenvorteil geben wir direkt an unsere Kunden weiter." Das Konzept scheint zu funktionieren. Im Vergleich zu 2011 habe das Unternehmen mit Sitz in Hamburg seinen Umsatz in diesem Jahr nach eigenen Angaben fast verdoppelt: von 17 auf 30 Millionen Euro.

Im Angebot sind nicht nur kurzfristige Reisen. "Wir verkaufen auch jetzt schon Pakete für den Sommer oder Herbst 2013", sagt Riecke. Bis zum letzten Moment zu warten, lohne sich meist nicht oder sei zumindest riskant. "In der Regel sind Frühbucher heutzutage gut beraten."

Große Preisunterschiede

Der Nachteil an den dynamischen Reisepaketen: "X-Veranstalter erscheinen in den Angebotslisten der Online-Reiseportale meistens ganz oben, weil sie die günstigsten Preise haben. Der Kunde muss jedoch achtsam sein, da manchmal der Transfer fehlt, die Anzahlungshöhe variiert und die Stornokosten höher ausfallen können als bei herkömmlichen Reiseveranstaltern", sagt Bettina Lemeßier, Sprecherin des Online-Reisevermittlers Opodo. Außerdem sind die Marken noch nicht so bekannt wie TUI oder Altours. "Bisher kennen eher die Online-Kunden diese Unternehmen."

Auch wer bei Opodo eine Pauschalreise sucht, bekommt im Suchergebnis verschiedene Anbieter angezeigt, die dasselbe Hotel mit passendem Flug anbieten: neben klassischen Veranstaltern wie Tjaereborg und Schauinsland auch X-Veranstalter wie JT Touristik. Der Preisunterschied zwischen konventionellen und X-Anbietern kann bei einem viertägigen Mallorca-Urlaub in einem Zweieinhalb-Sterne-Hotel schon mal 100 Euro betragen.

"Der Kunde ist schnäppchengetrieben", sagt Opodo-Sprecherin Lemeßier. Darum kämen diese Angebote gut an. Auch sie bestätigt, dass Last-Minute-Angebote nicht mehr unbedingt mit billigen Angeboten gleichzusetzen sind. Wer wirklich auf den Preis achten möchte, müsse überprüfen, wie die Angebote von Tag zu Tag variieren - und zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen.

Auch Torsten Schäfer vom DRV sagt: "Wann man eine günstige Reise buchen kann, das wird immer unvorhersehbarer." Vor allem Menschen, die aus beruflichen Gründen nicht monatelang im Voraus ihren Urlaub planen können, sind auf das tagesaktuelle Angebot angewiesen. Einen Tipp hat Schäfer für diejenigen, denen das dann zu teuer ist: "Antizyklisch buchen!" Wenn im Juli alle nach Mallorca fliegen wollen, wird es nichts Billiges geben. Aber wer im Juli nach Südafrika fliegt, wo dann Winter ist, der findet sicher gute Preise - auch in der letzten Minute.