Libyen Die Quelle der Rebellion

Wasserfälle statt Sanddünen, grüne Berge statt Trockenheit: Die Kyrenaika ist ganz anders als der Rest Libyens. Die Menschen der Region sind berüchtigt für ihren Widerstandsgeist. Unter der rotbraunen Erde liegen die Leichen Tausender deutscher Soldaten.

Von Florian Harms


"Schaut euch dieses Gesindel an! Alles Arbeitslose, Diebe und Zuhälter. Dieses Pack isst sogar auf dem Boden – und die libyschen Jugendlichen machen es ihm nach. Es ist entsetzlich, die Stadt und unsere ganze Gesellschaft verkommen. Unheil ist über uns gekommen!"

Der junge Mann spricht nicht, er spuckt Worte aus. Seine Augen über dem kurzen Bart sind hasserfüllt, seine Gestik gleicht Hieben. In sein Redestakkato flechtet er Koranverse, auf der Stirn hat er das Erkennungszeichen demonstrativ strenggläubiger Muslime: einen dunklen Fleck, der daher rührt, dass sie beim Beten den Kopf besonders inbrünstig auf den Boden drücken. Der Mann ereifert sich so laut, dass andere Einkäufer auf dem überwiegend von Schwarzafrikanern besuchten Daqaduq-Flohmarkt im Stadtzentrum von Benghasi stehen bleiben und mit einer Mischung aus Respekt, Abscheu und Furcht lauschen. Was dieser Mann tut, ist in Libyen nicht nur ungewöhnlich, sondern gefährlich: Er schimpft in aller Öffentlichkeit laut auf die Verhältnisse und die Staatsführung.

"Unsere Jugend hat keine Zukunft", ruft er. "So viele Jugendliche haben keine Arbeit, und was tut der Staat dagegen? Nichts! Überall wimmelt es von Polizei, aber außer dass sie uns permanent überwacht, tut die Regierung nichts für uns. Libyen ist im Unheil!" Er verwendet den arabischen Begriff Sulm, den islamische Theologen seit Jahrhunderten als Antonym zu Adl, zur "gerechten Herrschaft", verwenden, der aber im 20. Jahrhundert von islamistischen Gruppierungen okkupiert wurde, um Gegner zu stigmatisieren. "Diese Regierung und ihre Handlanger sind Hunde. Sie nennen uns und die islamischen Kämpfer Terroristen, dabei sind sie die wahren Terroristen!"

Jetzt hat der Mann sich so in Rage geredet, dass er seinem Gegenüber bei jedem dritten Wort auf die Brust klopft. "Aber wisst ihr, was das Schlimmste ist? Diese Banditen in der Regierung haben einen Staat der Angst geschaffen. Auf der Straße müssen die Menschen Zustimmung heucheln, weil sie fürchten, verhaftet zu werden. Schaut euch doch nur einmal auf diesem Markt hier um: überall Verängstigte! Die Libyer haben ihre Würde und ihren Glauben verloren. Wir sind im Unheil!" Und dann, nach einer kurzen Pause: "Aber ich fürchte nichts mehr! Ich handle." Während er dies ruft, zittern seine Hände. Dann ist er ebenso rasch in der Menschenmenge verschwunden, wie er aufgetaucht ist.

Freundlich, aber aufsässig

Seit eh und je ist die fruchtbare Region Kyrenaika im Nordosten Libyens die Heimat von Oppositionellen und Rebellen. Hier hatten es Machthaber immer schon schwer, ihre Herrschaft durchzusetzen, egal, ob sie aus einem anderen Teil des Landes oder aus dem Ausland kamen. Die Bewohner gelten zwar als besonders freundlich, aber auch als extrem aufsässig, sobald sie ihre Rechte verletzt sehen. Es heißt, man könne sie gar nicht dauerhaft beherrschen. Von dieser Region aus operierten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Aktivisten der islamischen Sanussi-Bruderschaft und später die antikolonialen Partisanen des Widerstandskämpfers Umar al-Muchtar. Von hier aus koordinieren die hartnäckigsten Gegner der Gaddafi-Herrschaft, seien es Islamisten oder Säkulare, bis heute ihre Aktionen - mal als subversive Agitation, mal als bewaffneten Aufstand.

Möglicherweise sind die Bewohner der Kyrenaika, die rund ein Drittel der libyschen Bevölkerung stellen, auch deshalb so eigensinnig, weil die Landschaft hier völlig anders aussieht als im Rest des Landes. Kurz hinter der Küste erhebt sich der von schroffen Tälern zerklüftete Al-Dschabal al-Achdar, der "Grüne Berg". An diesem bis zu 880 Meter aufragenden Höhenzug regnen die vom Mittelmeer heranziehenden Wolken ab – und zwar selbst im Sommer fast täglich, da die Berge nah an die Küste reichen.

Der Kontrast zur 200 Kilometer südlich beginnenden Libyschen Wüste könnte kaum krasser sein. Binnen drei Stunden Fahrzeit gerät man als Reisender aus der flirrenden Hitze im ewigen Sand in Regenschauer und Nebelschwaden auf den grünen Bergen. An den Hängen gedeihen Mandeln, Trauben, Granatäpfel und sogar Wassermelonen. Auf einen Beduinen muss so eine Landschaft wie ein Paradies wirken. Zwischen Bäumen und Äckern sprießen Oleanderbüsche, vom Meer weht meist ein frischer Wind. Die Landschaft erinnert stellenweise an Oberitalien, nicht zuletzt wegen der Ruinen italienischer Herrenhäuser und Bauernhöfe, die in hellroten Pastelltönen verputzt sind.

Heute wohnen Schafe darin. Rotbraune Kühe trotten gemächlich über ein Feld, auf dem junge Männer Tomaten pflücken. Hält man als Reisender an, um nach dem Weg zu fragen, wird man sogleich zum geselligen Beisammensein eingeladen, egal woher man kommt. "Itfaddalu" ("Bitteschön, gesellt euch dazu!") und "Ayya chidma" ("Jeden Dienst wollen wir euch erweisen") sind hier mehr als die üblichen arabischen Höflichkeitsfloskeln und oft wörtlich gemeint. Der Widerwille gegen jede Fremdherrschaft beeinträchtigt nicht die Gastfreundschaft.

Die zweitwichtigste griechische Stadt nach Athen

Dabei haben die Menschen hier seit über 2000 Jahren Erfahrung mit Eindringlingen, die sie zu unterdrücken oder zu verdrängen trachten. Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. wurde die Kyrenaika durch griechische Kolonisten von der Insel Thera, dem heutigen Santorin, besiedelt. An einem spektakulären Felsabhang gründeten sie die Stadt Kyrene, die später der Region Kyrenaika ihren Namen gab. Im 4. Jahrhundert v. Chr. wurde die Region zur Kornkammer Griechenlands, die Stadt Kyrene stieg zur zweitwichtigsten griechischen Stadt nach Athen auf. Immer neue Kolonisten ließen sich in der fruchtbaren Region nieder und verdrängten die lokale Bevölkerung rücksichtslos in die Randgebiete der Wüste – nicht anders als die italienischen Kolonisten rund 2500 Jahre später.

Kurz vor der Zeitenwende fiel die Kyrenaika an das Römische Reich, weshalb sich die prachtvolle Ruinenstadt Kyrene heute als eine faszinierende architektonische Mischung aus griechischen und römischen Baustilen präsentiert. Italienische Archäologen haben bislang erst Teile des Stadtgebietes ausgegraben, aber schon diese Tempel, Theater, Wohn- und Badehäuser versetzen Besucher in Begeisterung. Die in einem Museum ausgestellten Skulpturen zählen weltweit zu den bedeutendsten Funden aus der Antike.

Die Unterstadt wird vom zentralen Tempel des Gottes Apollon dominiert, dem Gott der prophetischen Weissagung und der schönen Künste, der eine wichtige Rolle in der Mythologie der Stadt spielte. Das Gesicht der Oberstadt bestimmt das Caesareon, eine riesige römische Kultstätte zu Ehren des göttlich verehrten Julius Cäsar. Nebenan liegen die Ruinen der Villen wohlhabender Bürger. In einigen Häuserresten haben die Archäologen fantastische Mosaiken und bunte Marmorböden ausgegraben, etwa im Anwesen des Jason Magnus. Als Oberpriester des Apollon-Heiligtums bekleidete er eines der höchsten Ämter in der Stadt, vergleichbar einem heutigen Bundespräsidenten.

Griechische Pop-Musik über Mittelwelle

"Ja, das war ein wichtiger Mann, dieser Jason", sagt Schamsaddin lachend. "Aber jetzt ist er tot und ich krieche auf seinem Fußboden herum. Ist das nicht komisch?" Der 25-Jährige, der in Jeans und aufgekrempeltem Oberhemd zwischen Erdhaufen kniet, studiert an der Universität Al-Beidha und opfert seine Semesterferien, um zusammen mit zwei italienischen Archäologen und drei weiteren libyschen Studenten Kyrene weiter auszugraben.

"Nach der Schule habe ich mich nach einem Job umgeschaut, und da lagen die antiken Ruinen quasi direkt vor meiner Haustür", erzählt er. "Also habe ich ein Archäologie-Studium begonnen. Diese Arbeit ist wirklich etwas Besonderes und außerdem sehr vielseitig. Manchmal ist es leicht, wenn man zum Beispiel einen verschütteten Brunnen ausgräbt. Ein anderes Mal ist es hart, etwa wenn man in der Septembersonne mit Spitzhacke und Schaufel nach einem römischen Mosaik sucht, aber nicht genau weiß, in welcher Tiefe es sich befindet. Dann stocherst du dort eeewig rum".

So wie heute. Aber Schamsaddin lässt sich von den Mühen der Arbeit nicht entmutigen. "Grundsätzlich ist der Beruf des Archäologen klasse. Aber hier in Libyen kann man ihn nur schwierig erreichen, weil die Ausbildung nicht so gut ist", sagt er. "In Europa lernt man dafür Latein, Französisch und Englisch und zudem die griechische, römische und byzantinische Geschichte. Hier dagegen gibt es noch nicht einmal genügend Englisch-Kurse. Aber ich mache trotzdem weiter." Dann nickt er seinem Kommilitonen Abdurrahman aufmunternd zu und beugt sich wieder über die Erdhaufen.

Der griechische Einfluss ist in der Kyrenaika bis heute zu spüren. Manche Menschen sprechen Griechisch als Zweitsprache, hellhäutige Physiognomien sind keine Seltenheit, und über Mittelwelle hören viele Jugendliche griechische Pop-Musik.



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