Luftfahrt-Sicherheit Verfluchter Flug AI 136

29 Stunden Verspätung, Probleme mit Passagierlisten, dubioses Gepäck an Bord: Das Chaos um einen Air-India-Jumbo am Frankfurter Flughafen weckt Zweifel an der Luftfahrt-Sicherheit - auch auf Lufthansa-Kooperationsflügen.

Das Steigenberger Airport Hotel am Frankfurter Flughafen braucht sich derzeit um seine Auslastung keine Sorgen zu machen: Seit Sonntag kommen hier Nacht für Nacht gestrandete Passagiere unter. Nicht einige versprengte, die ihren Flug verpasst haben, sondern Hunderte genervte Reisende. Sie alle sind Geschädigte der Air India: Nebel in Delhi, ein beschädigtes Flugzeug, Sicherheitspannen – für die staatliche indische Fluglinie kommt es zurzeit knüppeldick. Und das Chaos war nicht von kurzer Dauer: Der für vorgestern um 14 Uhr geplante Flug AI 137 nach Los Angeles hob erst gestern Abend gegen 19 Uhr ab. Mit nicht weniger als 29 Stunden Verspätung.

Vorgestern war der eigentlich für Sonntag geplante Flug nach Delhi unter der Nummer AI 136 zunächst mit 21 Stunden Verspätung gestartet – doch kurz nach dem Abflug kehrte er nach Frankfurt zurück. "Für den heutigen Los-Angeles-Flug ist dasselbe Flugzeug vorgesehen, das gestern Probleme hatte", hieß es gestern bei Air India. "Wir haben keine Ersatzmaschinen." Und man räumt kleinlaut ein: "Nach solchen Verzögerungen kann es eine Woche dauern, bis der Flugplan wieder eingehalten wird."

Grund für die erzwungene Rückkehr vorgestern war eine eklatante Sicherheitslücke bei der Abfertigung am Frankfurter Flughafen. Die Geschichte dieses Zwischenfalls liest sich wie das Drehbuch für eine Tragikomödie.

"Wir suchen dringend zwei deutsche Passagiere"

Nachdem der Jumbo Jet mittags endlich startbereit war, bemerkte das Kabinenpersonal ein Problem: Zwei Transit-Gäste des ursprünglich aus Los Angeles kommenden Flugs waren spurlos verschwunden - obwohl ihr Gepäck schon in die Maschine geladen worden war. Klarer Fall: So durfte der 16 Jahre alte Jet nicht starten. Das regelt eine EU-Sicherheitsverordnung aus dem Jahr 2002 verbindlich für alle Flüge aus der Staatengemeinschaft.

Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis die Koffer der nicht erschienenen Kunden ausgeladen und die Container wieder verstaut waren. Um 13.10 Uhr, knapp 21 Stunden nach der vorgesehenen Abflugzeit, hob die Maschine ab. Gerade hatten sich die Passagiere in ihren Sitzen zurückgelehnt und fast die erste Stunde Flugzeit hinter sich gebracht, da meldete sich die Crew per Durchsage: "Wir suchen dringend zwei deutsche Passagiere." Anschließend verkündete sie die Namen der Vermissten.

Was war passiert?

Der Besatzung war aufgefallen, dass die Plätze der beiden Fluggäste, die laut Passagierliste an Bord hätten sein müssen, auf dem Oberdeck leer waren. Dann der Gegencheck: Das Bodenpersonal in Frankfurt bestand bei der Funknachfrage darauf, dass die beiden Personen auf jeden Fall an Bord seien. Aber da waren sie nicht. Nur ihre Koffer. Die waren laut Gepäckliste definitiv im Frachtraum. Eine eklatante Sicherheitslücke. Und das an einem Tag, an dem bei einem Anschlag auf einen Schnellzug in Indien fast 70 Menschen getötet wurden. Alles hätte in den Koffern sein können - auch eine Bombe.

"Auf diesem Flugzeug liegt ein Fluch"

Der Pilot reagierte prompt: In 12.000 Metern Flughöhe, irgendwo über Ungarn, informierte er die Passagiere: "Wir müssen umkehren und fliegen zurück nach Frankfurt." Zunächst musste er allerdings rund 80 Tonnen Kerosin ablassen, weil die Maschine sonst zu schwer für die vorzeitige Landung gewesen wäre.

Gegen 16.50 Uhr schwebte der Jumbo mit dem indischen Namen "Sunderbans" ("Schönheit") wieder in Frankfurt ein. An Bord herrschte auf dem Rückflug eine fast gelöste Atmosphäre, das gebündelte Chaos schweißte die Passagiere zusammen. "Auf diesem Flugzeug liegt ein Fluch", verkündete der Kabinenchef in die Runde der umstehenden Passagiere im Oberdeck. "Die Besatzungen beten jedes Mal, bevor sie mit der 'Schönheit' fliegen, dass nicht wieder irgendein Durcheinander entsteht." Dann beeilte er sich zu versichern, dass es keine Sicherheitsprobleme mit diesem Jumbo gebe.

Tatsächlich hat Air India seit einem Bombenanschlag im Jahr 1985 keinen Unfall mit Toten zu beklagen, der letzte Zwischenfall geschah im Januar 1999 auf dem Frankfurter Flughafen, als ein Air-India-Jumbo bei einem missglückten Landeanflug aufgrund von Pilotenfehlern 22 Lampen der Anflugbefeuerung mit sich riss und nach Expertenmeinung nur knapp einer Katastrophe entkam.

Doch auch der Zwischenfall vorgestern wirft ernste Fragen auf: "Warum gab es keinen definitiven Abgleich zwischen vermeintlich und tatsächlich eingestiegenen Passagieren?", fragt Tim Würfel, Lufthansa-Flugkapitän und Präsident der Pilotenvereinigung Cockpit, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und wie konnte der Flughafenbetreiber Fraport als Abfertiger annehmen, dass die Leute an Bord waren, wenn dem gar nicht so war?" Würfel geht von einem Einzelfall aus – jedoch einem gravierenden: "So eine Fehlabstimmung zwischen Gepäck und Passagieren habe ich noch nicht erlebt. Als Pilot muss man konsequent auf einem Abgleich bestehen."

Beim Flughafenbetreiber und Air-India-Abfertiger Fraport verweist man auf den speziell für Frankfurt entwickelten Automatismus, der solche Fälle eigentlich verhindern soll. "Wenn es da Diskrepanzen gibt, findet das der Rechner automatisch heraus", sagte Fraport-Sprecher Wolfgang Schwalm zu SPIEGEL ONLINE. "Aber wenn die Eingaben ins System chaotisch sind, wird es schwierig. Man muss sich auf die Eingaben verlassen können." Air India in Frankfurt erklärte auf Nachfrage, dass Fraport sich bereits für den Fehler entschuldigt habe und für die Kosten der Flugumkehr mit einem fünfstelligen Euro-Betrag aufkommen werde.

Landung in Frankfurt: Auch Lufthansa-Kooperationsflüge gefährdet?

Landung in Frankfurt: Auch Lufthansa-Kooperationsflüge gefährdet?

Foto: DDP

Selbst wenn es sich um einen Einzelfall gehandelt hat: Passagiere von Air India wissen, dass sie bei der einstmals führenden Fluglinie heutzutage keinen "Himmelspalast" mehr erwarten dürfen. Stattdessen bietet Air India in allen Klassen günstige Preise und einen annehmbaren Service - bei mäßigem Komfort in betagten Flugzeugen. Das Niveau ist offenbar auch solide genug für die Lufthansa, die unter eigener Flugnummer im sogenannten Code Sharing Plätze an Bord von Air-India-Flügen verkauft – und damit auch von dem jetzigen Sicherheitsproblem indirekt betroffen ist.

Erstmals seit 20 Jahren erhält Air India derzeit neue Jets, die aber frühestens ab Juli in Frankfurt eingesetzt werden. Immer noch aber wirbt Air India im Stil der glorreichen alten Zeiten mit dem Slogan "Your Palace in the Sky" sowie einem Maharadscha als Maskottchen, die Flugzeuge sind im Stil eines Palastes bemalt.

Jene Passagiere, die Anfang dieser Woche mit den Indern von Frankfurt nach Delhi oder Los Angeles fliegen wollten, konnten sich nun davon überzeugen, was Fliegen "im Stil eines Palastes" bedeuten kann - mehr als ihnen lieb war: Flug AI 136 hatte bereits am Sonntagnachmittag um 16.25 Uhr in Frankfurt nach Delhi starten sollen, Flugzeit sieben Stunden. Doch bereits am Vortag wurde klar, dass es dazu nicht kommen würde. Im Februar herrscht in Delhi notorisch dichter Smog und Nebel, daher verzögern sich die Starts am vollkommen überlasteten Indira Gandhi International Airport oft um mehrere Stunden. Besonders betroffen davon ist Air India, die einen Großteil der internationalen Abflüge von ihrem Drehkreuz in Delhi unterhält. So begann der gesamte Umlauf des Fluges AI 137 von Delhi über Frankfurt nach Los Angeles am vergangenen Samstag bereits mit rund vierstündiger Verspätung.

Das Chaos nahm seinen Lauf

Dasselbe Bild am Sonntag: Flug AI 136 sollte statt am Nachmittag erst um 22.40 Uhr zur Rückreise nach Delhi starten, die Fluggäste, die mehrheitlich pünktlich eincheckten, weil sie nicht vorab informiert worden waren, wurden in Tageszimmern im Steigenberger Hotel am Flughafen untergebracht und verpflegt.

Abends gegen 23 Uhr dann die nächste Hiobsbotschaft für die am Flugsteig wartenden Passagiere: Die endlich eingetroffene Maschine war kaputt und konnte nicht weiterfliegen. In einer Vorflügel-Klappe prangte eine große Beule, sie musste von Lufthansa-Technikern ausgetauscht werden. Das nötige Ersatzteil musste über Nacht aus Hamburg angeliefert werden. Erwartete Verzögerung: Mindestens weitere zwölf Stunden. Das Chaos nahm seinen Lauf. Einfach wieder alle Gäste ins Hotel zurück zu bringen, wo man auf solche Fälle vorbereitet ist, ging auch nicht: Viele der zumeist indischstämmigen Transit-Reisenden aus Los Angeles hatten kein Visum für Deutschland.

Es dauerte bis ein Uhr nachts, bis die Fluggesellschaft die nötigen Transitvisa besorgt hatte. Dann wurden die Passagiere zurück ins Hotel gefahren - um weiter zu warten. Bis sie wieder zum Flughafen gebracht wurden.

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