Luftfahrtsicherheit Großbritannien will Profile von Fluggästen erstellen

Die britische Regierung führt eine Art Rasterfahndung für Flugreisende ein. Künftig sollen deren persönliche Daten vorab auf bestimmte Merkmale überprüft werden - wer etwa sehr kurzfristig bucht und bar zahlt, macht sich verdächtig.

Britische Innenministerin Theresa May: Umsetzung der Labour-Pläne
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Britische Innenministerin Theresa May: Umsetzung der Labour-Pläne


London - Großbritannien macht ernst: Passagierdaten sollen künftig umfassender erhoben, gespeichert und bereits vor dem Flug automatisch auf definierte Kriterien geprüft werden. Wer diesen Merkmalen - oder einer Kombination davon - entspricht, wird bei dieser als "Profiling" bekannten Methode eingehender untersucht. Das hat die konservative Innenministerin Theresa May nach Berichten der britischen Tageszeitungen "Daily Telegraph" und "The Guardian" angekündigt.

Bereits im Januar hatte die Labour-Vorgängerregierung die Einführung von Fluggastprofilen ins Auge gefasst. Kurz zuvor - an Weihnachten vergangenen Jahres - war ein Anschlagsversuch des sogenannten "Detroit-Bombers" nur knapp gescheitert. Umar Farouk Abdulmutallab stand bereits seit längerem auf einer Liste von Terrorismusverdächtigen - war aber dennoch problemlos an Bord eines Flugzeuges mit Ziel USA gelangt. Ähnliches will die Tory-Innenministerin durch die Profilerstellung von Fluggästen zukünftig verhindern.

Die Methode erinnert stark an die in den späten siebziger Jahren in Deutschland entwickelte Rasterfahndung - damals diente das Instrument dem Kampf gegen die RAF. Kern des Verfahrens ist die Vernetzung von Datenbeständen und die Suche nach Merkmalen, um verdächtige Personen herauszufiltern.

In Großbritannien sollen künftig etwa die Daten, die Passagiere den Fluggesellschaften bei der Buchung mitteilen, mit der bereits bestehenden "border watch list" abgeglichen werden. Wer hierbei auffällig wird, darf erst nach einer intensiven Überprüfung fliegen.

Hautfarbe und Religion fließen nicht in die Profile ein

Auch diese Liste soll nun erweitert und zielgenauer organisiert werden: Bislang waren in ihr alle unerwünschten Personen zusammengefasst - egal, ob wegen kleinerer Verstöße gegen Einwanderungsbestimmungen oder wegen massiven Terror-Verdachts. Künftig sollen laut "Guardian" potentielle Terroristen gesondert erfasst werden.

Im britischen Innenministerium wird unterdessen an der Definition der Merkmale gefeilt. Innenministerin May stellte vor dem britischen Parlament jedoch bereits klar, dass Eigenschaften wie Religion oder Rasse ausdrücklich nicht zur Profilbildung herangezogen werden. Denkbar sind jedoch Merkmale wie besonders kurzfristige Flugbuchungen, Reisen ohne Gepäck oder die Bezahlung mit Bargeld.

Das Instrument der Rasterfahndung ist umstritten. Einerseits ist es durchaus eine Möglichkeit, in einer großen, anonymen Masse Verdächtige zu identifizieren - andererseits bleiben immer relativ viele Menschen im Raster hängen, die vollkommen unschuldig sind.

Zudem verweisen Experten auf die Fehleranfälligkeit der Methode. So berichtet der "Guardian" von einem Vorfall aus der vergangenen Woche: Eine US-Neurowissenschaftlerin wurde an einem britischen Flughafen bei einem Zwischenstopp zu einer Konferenz in Israel vom Sicherheitspersonal der Fluggesellschaft El Al als Terrorverdächtige identifiziert. Erst eine Woche später bemerkten die Behörden ihren Irrtum: Die Forscherin trägt den gleichen Namen wie eine prominente proiranische Aktivistin.

Sicherheitskontrollen bei Passagierflügen
Was wird schon jetzt routinemäßig kontrolliert?
Bei den Sicherheits-Checks geht es um die Kontrolle des Fluggasts und seines Handgepäcks. Das für den Flug am Schalter aufgegebene Gepäck wird grundsätzlich getrennt davon kontrolliert, wobei es auch zu Stichproben in Abwesenheit des Passagiers kommen kann. Gesucht wird nach verbotenen Gegenständen, die entweder die Sicherheit an Bord gefährden - zum Beispiel Campinggaskartuschen, Streichhölzer, radioaktive Substanzen - oder die für einen Anschlag benutzt werden können - etwa Waffen, Sprengstoff und spitze Gegenstände.

Zur Kontrolle der Fluggäste und ihres Handgepäcks werden in den Sicherheitsschleusen jeweils Metalldetektoren für die Personen und Röntgenscanner für das Handgepäck eingesetzt.

Ist ein Gegenstand nicht genau zu erkennen, sind die Sicherheitskräfte berechtigt, die Gepäckstücke zu öffnen und nachzusehen. Laptops müssen deshalb manchmal kurz eingeschaltet werden. Mit einer Wischprobe, die dann in einem Gaschromatografen untersucht wird, kann Gepäck auf Sprengstoff untersucht werden. Auch wenn bei der Personenkontrolle der Metalldetektor anschlägt, zieht das in der Regel eine Nachkontrolle durch die Sicherheitskräfte nach sich.
Was kann nicht kontrolliert werden?
Die Technik der Sicherheitsschleusen kann viel - doch einige Substanzen, die für Anschläge verwendet werden könnten, sind bei Routinekontrollen per Metalldetektor, Röntgengerät und Abtasten nicht zu entdecken. Darunter fällt zum Beispiel Flüssigsprengstoff, wie er beispielsweise 2006 bei geplanten Attentaten in London verwendet werden sollte. Röntgenstrahlen können Mineralwasser nicht von Nitroglyzerin unterscheiden. Geräte, die verlässlich flüssigen Sprengstoff anzeigen, sind bisher nicht auf dem Markt.

Die Europäische Kommission hat die Menge erlaubter Flüssigkeiten auf 100 Millimeter, extra verpackt in Ein-Liter-Plastiktüten, begrenzt. Die Folge ist ein erheblicher Mehraufwand bei Passagieren und Kontrolleuren - und täglich tonnenweise Abfall durch konfiszierte Wasserflaschen, Deostifte und Parfumflaschen.

Der Sinn dieser Maßnahme ist umstritten. Denn verhindert wird so nur die Mitnahme größerer Mengen von Sprengstoff, und auch nur bei Einzeltätern. Mehrere Täter könnten theoretisch den Inhalt verschiedener Fläschchen nach der Kontrolle zusammenschütten und so eine explosive Menge ins Flugzeug schmuggeln.

Das Problem der Durchgangsmetalldetektoren zeigt sich am Fall des sogenannten Weihnachtsattentäters Farouk Abdulmutallab: Das Pulver und die Flüssigkeit zum Bau seiner Bombe trug der Nigerianer am Körper, der Detektor schlug demzufolge nicht an. Auch Plastiksprengstoff kann ein solches Gerät nicht erkennen. Was entschlossene Terroristen außerdem innerhalb ihres Körpers verstecken, kann bisher kein praxistaugliches Gerät überprüfen.
Welche Rolle spielt der Faktor Mensch?
Gesetze, Verordnungen und Geräte können nur dort wirksam werden, wo die Kontrollen sorgsam durchgeführt werden - und wo im Zweifel Sicherheitsleute beherzt ein- und zugreifen. Im Fall von Farouk Abdulmutallab hatten die US-Behörden den verhinderten Attentäter zwar in ihren Datenbanken - doch die Zusammenführung der Fakten, die Zusammenarbeit der Behörden funktionierte nicht.

Auch ein Zwischenfall auf dem Münchner Flughafen im Januar 2010 offenbarte die Mängel im System: Bei der Kontrolle eines verdächtigen Passagiers hatte dessen Notebook den Sprengstoffalarm ausgelöst - dennoch konnte der Mann das Gerät wieder an sich nehmen und unerkannt im Sicherheitsbereich des Airports verschwinden.

Eine Kontrolleurin hielt sich nicht an Vorschriften, Sicherheitsleute waren unachtsam, und es verstrichen viele kostbare Minuten bis zur Alarmierung der Polizei. In dieser Zeit hätte der Mann sein Flugzeug erreichen können, das wohl noch hätte starten können.
Welche Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit werden diskutiert?
Seit September 2010 läuft am Hamburger Flughafen erstmals ein Körperscanner im Testbetrieb - die Geräte werden häufig auch als "Nacktscanner" bezeichnet. Nach Angaben der Sicherheitsbeamten wird die Technologie von den Passagieren positiv angenommen, da das Abtasten durch Beamte so entfällt.

Die Scanner machen mit Terahertzwellen sichtbar, was die Kontrollierten in und unter der Kleidung tragen - sei es eine Waffe oder Plastiksprengstoff. In den USA sind sie seit Ende 2009 für den Massenbetrieb zugelassen, zum Einsatz kommen sie auch in Moskau, Amsterdam und auf britischen Flughäfen.

Die Scanner der neuen Generation befreien die Geräte und die Beamten, die sie bedienen, vom Vorwurf des "Spannertums" - und beruhigen die Kritiker der Körperscanner. Denn die Konturen des Körpers werden auf den Bildschirmen nicht angezeigt.

Kontrovers diskutiert wird auch eine bessere Vernetzung der Datenbanken, um Verdächtige schon vor dem Check-in auszufiltern. Die Geheimdienste in Europa und den USA sollen künftig mehr Material austauschen.
Gibt es Alternativen zur Verschärfung der Kontrollen?
Statt weiterer Schikanen für die Passagiere durch mehr Kontrollen halten Experten einen anderen Weg für effektiver. Zum Beispiel die Methode des sogenannten Profiling. Dabei richtet sich der Blick mehr auf die Person des Täters als auf dessen Werkzeug. Angewandt wird sie von Israelis wie Rafi Ron, dem früheren Sicherheitschef auf dem Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv.

Ron bietet mit seiner Sicherheitsfirma ein Programm an, mit dem sich potentielle Attentäter am Verhalten erkennen lassen sollen. Schweiß, pochende Adern oder unruhiger Blick fallen trainierten Kontrolleuren auf - so lassen sich laut Ron Kriminelle identifizieren. Auf den Flughäfen von Boston, Phoenix und Miami ist seine Methode bereits im Einsatz, auch Großbritannien kündigte Anfang November 2010 an, künftig Profiling-Technologie einzusetzen.

Ein anderer Ansatz nennt sich "Trusted Traveller". Er sieht vor, dass Vielflieger sich registrieren lassen und nach gründlicher Überprüfung an der Sicherheitsschleuse eine Art Überholspur nutzen können. Bereits seit 2004 läuft am Frankfurter Flughafen ein derartiges Pilotprojekt mit Irisscannern, die Automatisierte Biometriegestützte Grenzkontrolle (ABG). An einer vollautomatischen Kontrollstelle geben die teilnehmenden Passagiere ihren maschinenlesbaren Ausweis ein. Daraufhin wird ein zuvor hergestelltes Muster der Iris mit dem aktuellen Foto abgeglichen.

Mehr als 22.000 Fluggäste haben sich bisher registrieren lassen, etwa hundert nutzen täglich das System. Bisher bleibt die ABG jedoch im Versuchstadium, die gesetzliche Grundlage für eine Daueranwendung fehlt noch. Das Abspeichern der Daten und der Irismerkmale macht zwar Datenschützer nicht glücklich - die schnelle Abfertigung aber könnte vielen Geschäftsreisenden das Leben erleichtern.

fdi

insgesamt 4 Beiträge
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Dominik Menakker, 03.11.2010
1.
Rasterfahndung mal political correct. Religionszugehoerigkeit spielt keine Rolle. Na dann, sind eben Ali der Buddhist und Ali der Moslem im Zweifelsfall gleich verdaechtig. Mal im Ernst. Ist doch laecherlich das ganze. Entweder richtig machen oder bleiben lassen.
lalbaba 04.11.2010
2. Hase Und Igel
Immer hinterher. unendliche sicherheitschecks und immer den terrorbösen hinterher gehinkt. eigentlich logisch, wenn wir fluggäste stundenlang gefilzt und bestohlen werden (falls wir mal die zahnpasta vergassen einzuchecken), das dann die bösen terrormistkäfer paketsendungen verschicken. der fluggast oben ist durchleuchtet und abgegrabscht worden, das gepäck fliegt in zivilen maschinen mit ... es können noch so viele neuigkeiten kostenintensiv angeschafft werden, wir können stundenlang in reihen anstehen, um dann die verschiedenartigsten checks zu erleben, mal streng, mal lasch. solange post einfach mitfliegen kann ist die Sicherheit nicht gewährleistet, was eigentlich rechtlich beklagt werden müsste, denn hier wird meine sicherheit aktiv gefährdet. bei diesen unmengen an luftfracht und den unterbezahlten privat-sicherheits firmen gibt es nur eine alternative: luftfracht gehört nicht in passagiermaschinen. eine profil macht noch lange keine sicherheit, denn den bösen terrormistkäfern werden sicher "sauber" personen zu verfügung stehen, die taufrisch aus irgendeinem ausbildungslager kommen ... und wer weiss, was nach den flugzeugen kommt. sicherheit zu 100% ist nur möglich, wenn alle an den guten Gott glauben und nicht etwa einen terrorgott, wenn endlich eine weltwirtschaft entsteht, die moralisch handelt in jeglicher beziehung. das system kapitalismus erzeugt neid und gier, dollars zählen mehr als menschen ... that's the problem. kapitalismus ist ein hass-system, das nur wiederum hass erzeugt. wir menschen gehören zusammen, egoismus trennt. die menschheit ist auf dem wege sich selbst ein paradies zu zerstören. sicherheitschecks können so etwas NIE verhindern. wir brauchen eine hinwendung zu einer menschlichen ethik. die politiker machen uns so etwas nicht vor, sie bedienen sich gnadenlos und hetzen andere gegen andere auf. das C vor dieser partei steht nur auf dem papier. christlich ist so eine politik nirgendwo !!!
Riff 04.11.2010
3. Gespenstisches aus dem Land der Gespenstergeschichten
Zitat von sysopDie britische Regierung führt eine Art Rasterfahndung für Flugreisende ein. Künftig sollen deren persönliche Daten vorab auf bestimmte Merkmale überprüft werden - wer etwa sehr kurzfristig bucht und bar zahlt, macht sich verdächtig. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,727060,00.html
Ist das nun der Geist Orwells, oder der Huxleys, oder der "Ghost of Christmas Future", der da im Luftraum über der Insel schwebt? Oder bricht nur BSE wieder aus?
takeo_ischi 04.11.2010
4. .
Zitat von sysopDie britische Regierung führt eine Art Rasterfahndung für Flugreisende ein. Künftig sollen deren persönliche Daten vorab auf bestimmte Merkmale überprüft werden - wer etwa sehr kurzfristig bucht und bar zahlt, macht sich verdächtig. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,727060,00.html
Mal im Ernst, dass ist genauso albern wie unrealistisch. Die wollen also islamistische Terroristen finden indem sie weder auf Ethnie noch Religion abklopfen? Das glaubt denen doch niemand. Das ist entweder nur vordergründige PC und heimlich wird trotzdem nach Farbe und Glauben gefiltert, wenn das System erst etabliert ist, oder komplett ineffektiv. Also beides nix.
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