Luxusprobleme Meuterei auf der Mary

Miese Stimmung auf der Königin der Meere: Wegen eines Motorschadens stach die "Queen Mary 2" verspätet in See - und strich drei Zwischenstopps. Die verwöhnten Passagiere sind empört - die Reederei versucht nun, die Wogen zu glätten.

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Es hätte so schön sein können: eine Genussreise auf der Königin der Meere, dem Inbegriff des Luxusliners, dem zu Wasser gelassenen Konsumtraum schlechthin. Die Kreuzfahrt sollte die "Queen Mary 2" von New York nach Los Angeles bringen, mit etlichen Stopps und der Möglichkeit zu Landausflügen. Allein auf der Reise von der US-Ostküste bis nach Rio de Janeiro waren Halts in Florida geplant, auf den Karibikinseln St. Kitts und Barbados und in der brasilianischen Küstenmetropole Salvador de Bahia.

Doch aus den letzten drei Stopps wird nun nichts - die Passagiere sind empört. Da nützt auch das Angebot der US-amerikanischen Reederei, die Hälfte des Reisepreises zu erstatten. Öffentlich beschweren sie sich: "Wir wurden belogen und getäuscht", beklagt sich einer der Luxusgäste bei dem Nachrichtensender BBC. Begriffe wie "Geiselnahme" und "Gefangene" machen die Runde.

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"Queen Mary 2": Zwischen Kitsch und Kunst

Der Sprecher der deutschen Cunard-Pressestelle in Hamburg, Ingo Thiel, kann den Aufruhr der Passagiere nicht nachvollziehen. Er kenne zwar die genauen Vorgänge an Bord nicht. "Ich kann mir nur vorstellen, dass etwas in der Kommunikation schief gelaufen ist", sagte Thiel zu SPIEGEL ONLINE. Er könne nicht verstehen, warum die Passagiere sich nicht zuerst an die Reederei, sondern an die Presse gewandt haben. Nach seinen Informationen sind rund 250 deutsche Reisende an Bord. Die deutschen Kreuzfahrer sollten ihre Ansprüche nach der Reise bei der Reederei-Vertretung in Deutschland individuell geltend machen, empfiehlt er. "Cunard Deutschland hat sich bisher immer äußerst großzügig gezeigt."

Es begann mit einer Havarie

Eine Havarie im Hafen von Fort Lauderdale am Mittwoch hatte den Terminplan der "Queen Mary 2" durcheinander gebracht. Bei der Ausfahrt ging ein Zittern durch den Rumpf des größten Kreuzfahrtschiffes der Welt. Das Schiff musste in den Hafen zurückgeschleppt werden, ein Antriebsmotor war beschädigt. Pech für die 2500 Passagiere an Bord. Doch es kam noch schlimmer: Aufgrund der US-Einwanderungsgesetze, so berichtete das "Hamburger Abendblatt", konnten die Kreuzfahrer das Schiff in Florida nicht verlassen.

Erst zwei Tage später konnte die "QM2" wieder in See stechen - mit drei statt mit vier Antriebsmotoren. Nach dem Ablegen eröffnete Kapitän Ronald Warwick seinen Passagiere weitere schlechte Nachrichten: Um rechtzeitig am 26. Januar rund 1000 Passagiere in Rio de Janeiro aufnehmen zu können, müssten die Stopps in der Karibik und in Nordbrasilien ausfallen. Mit dem Zwangsaufenthalt in Fort Lauderdale wären die Kreuzfahrer dann bis Rio neun Tage ohne Stopp an Bord. Außerdem verkürze sich der Aufenthalt in Rio, so dass Reisende, die dort ausschiffen, keine Gelegenheit haben, vor ihrem Rückflug die Stadt am Zuckerhut zu besichtigen.

Schon kündigten einige Passagiere an, in Rio nicht wie eigentlich gebucht von Bord gehen zu wollen, Anwälte auf dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt organisieren sich. "Die Stimmung unter den Passagieren ist extrem aufgebracht, und sie wird immer schlechter", sagte der Passagier Alan Berg aus Manchester zum Nachrichtensender BBC.

Als Entschädigung bietet die Reederei Cunard für den ersten Reiseabschnitt bis Rio de Janeiro eine Rückzahlung von 50 Prozent des Reisepreises an. Tourist Berg sagte der BBC, "wir hätten die Option haben sollen, die Reise in Fort Lauderdale abzubrechen. Nun ist es weniger eine Kreuzfahrt als eine Seereise nach Rio". Ein Passagier hätte gesagt, er fühle sich "wie eine Geisel von Cunard und wie ein Gefangener". Die Forderung nach einem Trostpflaster in Form eines Preisnachlasses auf Getränke schlug Warwick aus.

"Der Kapitän hatte mehrere Treffen mit verschiedenen Gruppen. Manche von ihnen sagten, dass sie in Rio nicht von Bord gehen wollen", sagte der Cunard-Sprecher Eric Flounders am Sonntag zur Nachrichtenagentur AP. Nur eine kleine Anzahl von Passagieren würde protestieren, wie viele genau konnte er jedoch nicht angeben. "Sie sind an Bord, sie können alle Möglichkeiten, die die 'QM2' bietet, in Anspruch nehmen. Alle Mahlzeiten und die Animationen. Auch wenn wir es sehr bedauern, dass wir die Häfen nicht anlaufen können, sind wir der Meinung, dass 50 Prozent Entschädigung ausreichend sind." Viele Passagiere hätten das Angebot angenommen.

Cunard habe erst nach dem Auslaufen des Luxusliners feststellen können, wie schnell das Schiff mit nur drei Antriebsmotoren fahren kann, sagte Flounders, und erst dann beschlossen, dass drei Häfen aus dem Fahrplan gestrichen werden müssen. Die Passagiere sind trotzdem aufgebracht und fordern den vollen Reisepreis zurück.



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