"Mare"-Fotobuch Irische Irritationen

Von Irland trägt fast jeder ein Bild mit sich herum: Urtypische Menschen, raues Wetter, volle Pubs oder James Joyce und die Dubliners. Doch die Insel hat noch ganz andere Farben, wie die Fotografin Heike Ollertz in ihrem Irland-Buch zeigt. Sie setzt auf Kontraste und Surreales.


Abgehärtet und wetterfest: Zwei Ladys nach dem morgendlichen Schnell-Bad in der irischen See bei Dublin
Heike Ollertz

Abgehärtet und wetterfest: Zwei Ladys nach dem morgendlichen Schnell-Bad in der irischen See bei Dublin

Es ist nicht alles urwüchsig, was irisch ist: Wer den leinengewandeten Fotoband "Irland. Reisen an eine sagenhafte Küste" durchblättert, der stößt bald auf Technik, Architektur, Hubschrauber und Fabriken. Aber das ist eben die neue "Grüne Insel": Europas Boom-Country, mit prosperierender Wirtschaft, Kinderreichtum, Rauchverbot in Kneipen und Restaurants. Wer hätte das noch vor einigen Jahren gedacht, als "Die Asche meiner Mutter" ein Bestseller wurde - Irland zum Heulen, das ist vorbei. Keine Angst, Heike Ollertz, die Fotografin des kontrastreichen Bilderbogens über Irland, fand auch die vermeintlich typischen Orte, die man mit dem Land von James Joyce und Guinness verbindet, doch ebenso gelang es ihr, die befürchteten Déjà-vus eines solchen Unternehmens zu vermeiden.

Spurensuche mit dem Hubschrauber

 49 Euro

49 Euro

Heike Ollertz verzichtete zunächst einmal fast völlig auf Bilder von Menschen. Keine fröhlichen Zecher, keine wettergegerbten Fischer, keine zerknirschten Literaten oder störrischen Priester. Schon gar keine rothaarigen Folk-Sängerinnen (die meisten Irinnen sind übrigens dunkelhaarig). Nur einmal, da huschen zwei ältere Damen durch ein dezembergraues Bild, auf dem Weg von einer Badestelle in Dublin zurück ins Trockene: das Lieblingsfoto der Künstlerin, die eigentlich keine reportagehaften Momentaufnahmen mag. Zwar flog sie mit dem Versorgungshubschrauber für die Leuchttürme 14 Tage kreuz und quer über die Insel, doch den entstandenen Motiven fehlt alle Hektik oder Augenblicksdramatik. Stattdessen ließ sie "die Motive auf mich wirken", wie sie sagt. "Mich interessieren zunächst mehr die Spuren, die die Menschen in der Landschaft hinterlassen."

Fotostrecke

10  Bilder
"Mare"-Fotobuch: Irische Irritationen

Und diese Spurensuche führte sie zu einsamen, scheinbar verlassenen Kneipen und Pferdekoppeln, bis hin zu mächtigen Schlossanwesen und riesigen Hafenanlagen. "Was ist an einem Ort, das ich erzählen möchte?", diese anfangs immer offene Frage prägt die Bildschöpfungen Heike Ollertz', die allesamt vor Kraft und Ausdruck schier zu platzen scheinen. Doch nie sind ihre Fotografien nachträglich bearbeitet: Die klassische Alpa-Mittelformatkamera (Format 6 x 9) fängt die Motive so ein, wie es die Fotografin will. Und das ist oft bizarr, surreal und überraschend. Bewegte Natur und von Menschen geschaffene Räume, die lebendig pulsieren, auch inmitten äußerster Stille.

Mythische Bilder und technologische Gegenwart

Heike Ollertz, "Mare"-Fotografin, lebt und lehrt in Berlin
Mathias Bothor

Heike Ollertz, "Mare"-Fotografin, lebt und lehrt in Berlin

Das ist beste Fotokunst, aber auch solides Handwerk: Heike Ollertz lernte Fotografieren an der renommierten Berliner Lette-Schule, an der sie heute den Fachbereich Fotodesign leitet. "Mit neun Jahren hielt ich meine erste Kamera in den Händen, eine Kodak Instamatic", erzählt sie. "Das war zwar das denkbar schlichteste Modell, doch ich hatte anschließend schon früh den Wunsch, Fotografin zu werden." Heike Ollertz gehörte zu den ersten Fotografen der Zeitschrift "Mare", deren Stil sie dadurch mitprägte. Kein Wunder also, dass sie von der Redaktion mit dem ersten von dem Hamburger Edelmagazin produzierten Fotobuch beauftragt wurde. Ihr "Mare"-Stil findet sich darin natürlich wieder, aber auch ihre Vorliebe für Architektur und Industrie.

Die beeindruckende Leistung jedoch ist die nahtlose Verschmelzung von archaischen Motiven mythischer Vergangenheit mit der hoch entwickelten technologischen Gegenwart Irlands. Vergleiche mit den Landschaftsaufnahmen und Technikbildern vom berühmten Kollegen Andreas Gursky drängen sich auf, aber damit fühlt sich Heike Ollertz nicht ganz wohl. "Andreas Gursky schätze ich sehr, aber ich finde ihn manchmal zu kalt und distanziert", grenzt sie sich ab. Und genau das ist die Stärke der Ollertz-Fotografien: Streng komponiert, technisch brillant und dennoch voller Emotion binden sie genau die Gegensätze und Widersprüche eines vermeintlich griffigen Sujets wie Irland zu einem schlüssigen und vor allem zeitgemäßen Gesamtporträt.

Kenmare im County Kerry: Ein Hafen, so ruhig und naturbelassen wie selten in Europa
Heike Ollertz

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"Irland" ist Heike Ollertz' erste Arbeit, in der Landschaftsfotografie eine wesentliche Rolle spielt. Zuvor waren Städte, Gebäude und künstlerische Aktion ihre Themen: 2001 dokumentierte sie akribisch und einfallsreich die Entwicklung des Berliner "WMF-Clubs" seit 1995 und seine Rolle als Katalysator und Sammelbecken für Bildende Künstler, Designer und Musiker. Ein erfolgreiches Projekt, das allerdings in solchem Umfang nicht immer möglich ist. Nur drei Monate bleiben Heike Ollertz jetzt durch die Lehrtätigkeit pro Jahr für eigene Vorhaben. Da ist Planung und Konzentration gefragt. 2002 dokumentierte sie als Fotografin "verschwindende Architektur", die Sonderbauten der ehemaligen DDR nach der Wende, was nun mit weiteren Projekten über Osteuropa fortgesetzt werden soll. Bleibt nur zu hoffen, dass sie auch weiterhin Zeit für Unternehmungen wie "Irland" findet: Erwartungen und Überraschungen versöhnlich in ein kreatives Konzept zu gießen gelingt nicht jedem.




Nikolaus Gelpke (Hrsg.), Heike Ollertz: "Irland. Reisen an eine sagenhafte Küste". Marebuchverlag, Hamburg; 128 Seiten; 49 Euro.



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