Milliardärsjacht "Sea Cloud" Lady zwischen Dienstboten

Von Klaus Ahrens

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Der Hochsee-Hotelmanager spinnt Seemannsgarn


Derweil erschüttert ein sanftes Vibrieren das Schiff; die "Sea Cloud" hat die Anker gelichtet und steuert in die Nacht hinaus, Richtung Südost. Und Simon Kwinta, der bullige Hotelmanager, spinnt zum Dessert sein Seemannsgarn. Der Fahrensmann, gebürtig aus der Gegend von Krakau und seit 1994 an Bord, überwacht den Einkauf von Weinen und Lebensmitteln; vor allem aber sorgt er mit Geschichten aus seinem Seefahrerleben für heftigste Lacher unter den Passagieren.

Etwa über jene reiche Dame, die ihren an Bord verblichenen Gatten im nächsten Hafen schleunigst an Land schaffen ließ, um sogleich die Kreuzfahrt zu verlängern und sich umso hemmungsloser den Lustbarkeiten der klassischen Seefahrt hinzugeben.

Die sind Legende, seit Kleopatra, die Göttin des Orients, auf ihrer Barke den Feldherrn Antonius verführte.

Kwinta hütet auch ein kleines Archiv mit Berichten über die legendäre Lebedame Marjorie, die die "Sea Cloud" trotz Weltwirtschaftskrise 1931 bei Krupp in Kiel bauen ließ. Sie ließ dann das Schiff mit Mann - dem Börsenmakler Edward Francis Hutton - und Kind als feines Familienrefugium durch die Karibik kreuzen, nicht zuletzt aus Furcht vor einem Kidnapping, die seit dem Lindbergh-Fall grassierte.

Und bald darauf - gerade hatte Marjorie den Diplomaten Joseph E. Davies geheiratet - ließ sie die "Sea Cloud" quasi als kapitalistischen Schiffsgruß der US-Botschaft an der Pier des roten Leningrads festmachen, um Männer wie Molotow oder Litwinow zu bewirten. Und sie schickte es schließlich - die Zeiten waren nicht mehr nach Lustreisen - als Wetterdienstschiff der US-Marine in den Zweiten Weltkrieg.

Hamburger Reeder takelten die alte Dame auf

1955 verkaufte Marjorie das Schiff an den dominikanischen Diktator Trujillo, dessen Sohn es zu seiner luxuriösen Studentenbude an der Pier des kalifornischen Santa Monica machte. Bis 1961 die Party für die Trujillo-Bande vorüber war.

Nach dieser Episode begann für die "Sea Cloud" eine Schreckenszeit der Eignerwechsel und Irrfahrten, an deren Ende sie, fast ein Wrack, in Panama gestrandet war. Bis eine Gruppe Hamburger Reeder auf die Dame stieß und sie auftakelte für eine neue Karriere als Traumschiff unter Segeln.

Koordinaten: 34 Grad, 58 Minuten Nord, 23 Grad, 35 Minuten Ost. Die "Sea Cloud" läuft mit der Kraft ihrer Diesel Richtung Kreta. Als gegen zehn Uhr östlich des Peloponnes der Wind von Nordwest aufbriest - das Frühstück ist heil hinunter, die Einweisung an den Schwimmwesten abgeschlossen -, lässt Kapitän Ryszard Choinski Segel setzen.

Der Mann in den 60ern, Silberblondschopf, tiefschwarze Sonnenbrille, einer von der stillen Sorte, gibt von der Brücke aus ein paar knappe Kommandos an seine vier Offiziere.

Schon zurren Winden am Tauwerk, werden Leinen gestrafft, 23 Mann, Philippinos und Osteuropäer, sowie die vielleicht 20-jährige Katrin aus Kopenhagen entern auf zu den Rahen, wo sie Segel aus ihren Fesseln befreien; auf der "Sea Cloud" wird - anders als auf vielen schauderhaften Neubauten - noch von Hand gesegelt. Sechs Seeleute pro Mast, der größte 54 Meter hoch, geben 24 Drei- und Rechtecke aus derbem Segeltuch dem Wind preis. Und der bläst, dass es eine Wonne ist. Mit knapp neun Knoten zieht der Windjammer durch die gischtige See. Die Diesel schweigen, Ruhe breitet sich über dem Schiff aus. Und eine Ahnung von Abenteuern und den Verheißungen unbekannter Meere.

Das anachronistische Erlebnis, der Mix aus Luxus und Seefahrerromantik, freut die Passagiere - und ernährt den Reeder.

Santorin: Weiße Hauswände, blaue Kuppeldächer

Hermann Ebel, dessen Hansa Treuhand rund 70 Frachtschiffe auf den Weltmeeren laufen und zwölf im Bau hat, residiert in einem kühlen Glasbau am Hamburger Hafen, gegenüber ein rühriger Containerterminal. In das Kreuzfahrtgeschäft ist er 1994 eingestiegen, mit der frisch renovierten "Sea Cloud", um sogleich einen weiteren Segler auf Kiel zu legen, die "Sea Cloud II". Liebend gern würde er noch einen weiteren Segler bauen lassen - nur sind die Werftkosten, geschuldet der derzeit hohen Schiffsraumnachfrage, so teuer, dass sich das Geschäft nicht rechnen würde.

"Der Preis für so ein Schiff", sagt Ebel, "hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt." Der schlanke, weißbärtige Reeder, selbst Segler seit Jugendtagen, ist vor allem hanseatischer Kaufmann, also jeder Art von Geschäftsabenteuer abhold. Und so lässt er die Pläne für einen neuen Segler erst einmal in der Schublade, getreu seiner Maxime: "Unser Antrieb ist nicht, Kreuzfahrtschiffe zu betreiben, um den Urlaub gut situierter Bürger zu subventionieren."

Koordinaten: 36 Grad, 24 Minuten Nord, 25 Grad, 25 Minuten Ost. Das Schiff hat in der Frühe vor Thira, dem Hauptort der Kraterinsel Santorin, festgemacht, hoch über sich auf dem Fels den wohl am meisten fotografierten Touristenort der Ägäis, weiße Hauswände, blaue Kuppeldächer.

Tagsüber sind die Gäste ausgeschwärmt, für den Abend ist griechisches Barbecue angekündigt, anschließend Folklore.

Reißverschluss im Schritt

Nach drei Tagen Bordleben sind sich die Gäste näher gekommen, haben Gruppen gebildet oder sich vereinzelt, je nach Geschmack. Zwei Ehepaare aus Stuttgart bleiben unter sich, die Amerikaner aus Dallas, Texas, üben ebenfalls Splendid Isolation, die Finnen feilen an ihrer klassischen Bildung. Aus Deutschland und der Schweiz haben sich Kreuzfahrer in einer Runde zusammengefunden, überragt von einem Hamburger Unternehmer vom Typ normannischer Kleiderschrank, dazu ein Steuerberater aus Düsseldorf, ein Schuhhändler aus Basel und ein Wirtschaftsprofessor aus Duisburg, allesamt mit Gattinnen.

Für die ist der Aufreger an diesem lauen Grillabend vor kykladischem Sonnenuntergang, dass ausgerechnet die attraktive junge Kreuzfahrtdirektorin in einem segelweißen Overall erscheint, den im Schritt - unerhört - ein Reißverschluss ziert.

Koordinaten: 38 Grad, 19 Minuten Nord, 26 Grad, 46 Minuten Ost. Die "Sea Cloud" hat um acht Uhr morgens im kleinen türkischen Hafen von Dikili festgemacht. Der letzte Kick heißt noch einmal Kultur; jeder Landausflug ist willkommene Abwechslung zur Luxusschwelgerei, die Tempel und Kirchen sind weit mehr als fotografische Pflichttermine. Was hätte man sonst nach getaner Kreuzfahrt zu Hause vorzuzeigen?

An der Pier warten zwei Busse, die die Gäste vor dem Rückflug noch durch die blühenden Landschaften des alten Lydiens kutschieren, hinauf zum Götterberg von Pergamon. Unten im Hafen werden Lieferungen entladen - Schiffszehr für die nächste Woche.



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