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25. September 2006, 07:13 Uhr

Milliardärsjacht "Sea Cloud"

Lady zwischen Dienstboten

Von Klaus Ahrens

Unter Segeln reist es sich am schönsten - das wissen auch die Wirtschaftskapitäne, die auf der Milliardärsjacht "Sea Cloud" eine Kreuzfahrt buchen. Die Viermastbark ist die Grand Old Lady unter den Kreuzfahrtschiffen. Ihre erste Eignerin ließ sie als Familienrefugium durch die Karibik kreuzen.

Koordinaten: 37 Grad, 54 Minuten Nord, 23 Grad, 2 Minuten Ost. Das Schiff liegt, ganz prätentiöse Dame, unnahbar in der Bucht vor Korinth, weit draußen auf Reede, umgeben von rostigen Tankschiffen und verdreckten Frachtern - ein weißer Rumpf, hölzerne Aufbauten, vier Masten mit ausladenden Rahen, die weit in den Himmel über Isthmia ragen. Eine Lady zwischen lauter Dienstboten.

Zwei klimatisierte Reisebusse auf der Hafenmole spucken gut 50 Reisende mitsamt Gepäck aus, die zuvor von Athen aus den Burghügel von Mykene besucht haben und nun eine Woche lang zwischen den Kykladen-Inseln kreuzen werden. Finnen, Deutsche, ein paar Schweizer, ein paar Amerikaner, zumeist Paare. Die Jüngsten wohl Mitte 40, die Ältesten um 75 Jahre, alle in Festtagslaune und sichtlich aufgekratzt, schon wegen der bevorstehenden Überfahrt zum Schiff im heftig schwankenden Tender.

Aus Angst vor Seekrankheit tragen etliche bunte Akupunkturbänder am Handgelenk, die sollen die gefürchtete Spuckerei verhindern helfen. Man ist gerüstet. Alle drängen an Bord, voller Erwartungen. Der Kurs heißt: Kythera, Santorin, Naxos, Mykonos, Landgänge in neuzeitliche Shopping-Malls und zu jahrhundertealten Klostermauern. Zu Preisen zwischen 2690 und 4830 Euro, je nach Art der Kabine, azurblauer Himmel und smaragdgrünes Meer inklusive. Das reine Entzücken.

Ähnlich muss es der ersten Eignerin ergangen sein. Als die verwöhnte Milliardärstochter Marjorie Merriweather Post, Erbin einer amerikanischen Food Company und Gattin wechselnder hochmögender Geschäftsleute, vor 75 Jahren ihres frisch eingelaufenen Schiffes ansichtig wurde, notierte sie: "Saw ship first time Nov. 30, 1931. She was lying in harbour and before we could see her we saw the great masts and yards." Begeistert fügt sie an: "Great Kick!! She came up to all our expectations."

High-End-Cruising

Solche Erwartungen erfüllt die "Sea Cloud" bis auf den heutigen Tag. Wenn auch in Jahren, hat die Bark, immer wieder aufs Feinste restauriert und in der Ausstattung weitgehend originalgetreu erhalten, nichts vom Glamour ihrer Frühzeit verloren. Sodass sie noch immer weltweit als Inbegriff der Fünf-Sterne-Seefahrt dahinsegelt. Und für passionierte Kreuzfahrer von diesseits und jenseits des Atlantiks als das ultimative Erlebnis gilt. High-End-Cruising - danach kann nichts mehr kommen.

Kein Wunder, dass die Jacht auch immer wieder illustre Gäste an Bord hat: Männer der Wirtschaft, die nicht genannt sein wollen, Societygrößen wie Florian Langenscheidt oder Sabine Christiansen; unlängst gar den Bestsellerautor Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt"), der seinen Reisebericht bei einem Gesellschaftsblatt ablieferte.

Oder das Schiff wird komplett gechartert von Leuten, die gern unter sich bleiben. Wie kürzlich eine Reisegesellschaft von Managern der BASF und der Gazprom oder die Treffen der Familien Pritzker oder Marriott, beide Protagonisten der internationalen Hotellerie. Charterpreis pro Nacht: 25.265 Euro in der Karibik, 29.495 Euro im Mittelmeer.

"Die 'Sea Cloud'", schwelgt der Kreuzfahrtkritiker Douglas Ward im maßgeblichen Berlitz-Schiffs-Brevier, "ist das älteste und schönste Segelschiff der Welt, und sie ist die größte Privat-Yacht, die jemals gebaut wurde. Dreimal so groß wie Captain Cooks 'Endeavour'."

Besser kann ein Lob nicht ausfallen.

Verschont von den Segnungen der Zivilisation

Der Tender hat längsseits festgemacht, die Gäste erklimmen übers Fallreep die Schiffsplanken und werden empfangen von einer geschniegelten Schiffsmannschaft, schneeweiß gekleidet und goldbetresst die Offiziere, in dunkelblauem Tuch die Stewards, in den Händen Tabletts mit Champagnergläsern und heißen Tüchern zur Erfrischung. Man prostet sich zu, wünscht sich eine schöne Seefahrt, die ersten Bekanntschaften werden geschlossen, die ersten Abneigungen gefasst.

Und das Schönste: Hier, beim Schiffsempfang, gibt man für die Dauer der Reise nahezu jede eigene Initiative und Verantwortung ab; für viele macht es den Reiz einer Kreuzfahrt aus - Essenszeiten, Ausflüge, Tag- und Nachtzeit, alles ist organisiert. Und obendrein bleibt man weithin verschont von den Segnungen der Zivilisation: Kein Fernsehen, Telefonieren gestaltet sich schwierig, Mailen geht nur während enger Zeitfenster, eine Bordzeitung informiert - äußerst knapp - über das Geschehen draußen in der Welt. Aber man hat ja das Schiff.

Der nächste Kick heißt: Ab in die Kabinen. Ein freundlicher philippinischer Steward führt den Gast die Stiege hinunter aufs Hauptdeck, das Allerheiligste der "Sea Cloud", wo entlang einer eleganten Lobby die zehn Eignerkajüten ihren Platz haben.

Die Nummer 3 ist ein stuckverzierter, weißer Raum hinter zwei Bullaugen, versehen mit ausgesuchtem Stilmobiliar und einem Kamin, dazu gehört ein Marmorbad mit goldenen Lüstern und Armaturen. Größer und schöner sind nur die Kabinen 2 und 1. In denen einst Marjorie und ihr jeweiliger Ehemann prunkvoll nächtigten.

Am Tag sind alle Gäste gleich

Aber es gibt auch kleinere und weniger aufwändige Kajüten, bis hin zu den Nummern 14 bis 17, in denen zweistöckig geschlafen wird. Die "Sea Cloud" beherbergt eine Gesellschaft von maximal 68 Passagieren in acht Kabinenklassen, doch das gilt nur bei Nacht. Am Tag, an Deck und im Restaurant sind alle Gäste gleich. Und weil das so ist, gibt es auch keine Schlüssel für die Kabinen, alle Türen bleiben unverschlossen. Tresore hüten allerdings die unerlässlichen Preziosen und Geschmeide.

Die werden reichlich getragen, als die Schiffsglocke zum ersten Abendessen in das Restaurant ruft. Nach kurzem Getänzel und ein paar ungelenken Höflichkeiten hat jeder seinen Platz an den langen, damastgedeckten Tafeln gefunden. Zum Kennenlerngeplauder werden Wasser und Wein serviert, gleich darauf als Entrée ein Caesar's Salad. Es folgen eine Gemüsesuppe, sodann wunderbare Rotbarbenfilets, darauf ein Schokoladenkuchen mit Früchten, alles vom Küchenchef Alexander Hausherr aufs Beste bereitet.

Vier-Gänge-Menüs sind die Regel, das Essen ist erste Kreuzfahrerpflicht. Vom Frühstücksbuffet ab 7.30 Uhr bis zum Abendimbiss um 23 Uhr sind es fünf Mahlzeiten, die dem Lustreisenden angedient werden. Die kleinen Extras nicht gerechnet.

Lesen Sie im zweiten Teil: Der Hochsee-Hotelmanager spinnt Seemannsgarn

Derweil erschüttert ein sanftes Vibrieren das Schiff; die "Sea Cloud" hat die Anker gelichtet und steuert in die Nacht hinaus, Richtung Südost. Und Simon Kwinta, der bullige Hotelmanager, spinnt zum Dessert sein Seemannsgarn. Der Fahrensmann, gebürtig aus der Gegend von Krakau und seit 1994 an Bord, überwacht den Einkauf von Weinen und Lebensmitteln; vor allem aber sorgt er mit Geschichten aus seinem Seefahrerleben für heftigste Lacher unter den Passagieren.

Etwa über jene reiche Dame, die ihren an Bord verblichenen Gatten im nächsten Hafen schleunigst an Land schaffen ließ, um sogleich die Kreuzfahrt zu verlängern und sich umso hemmungsloser den Lustbarkeiten der klassischen Seefahrt hinzugeben.

Die sind Legende, seit Kleopatra, die Göttin des Orients, auf ihrer Barke den Feldherrn Antonius verführte.

Kwinta hütet auch ein kleines Archiv mit Berichten über die legendäre Lebedame Marjorie, die die "Sea Cloud" trotz Weltwirtschaftskrise 1931 bei Krupp in Kiel bauen ließ. Sie ließ dann das Schiff mit Mann - dem Börsenmakler Edward Francis Hutton - und Kind als feines Familienrefugium durch die Karibik kreuzen, nicht zuletzt aus Furcht vor einem Kidnapping, die seit dem Lindbergh-Fall grassierte.

Und bald darauf - gerade hatte Marjorie den Diplomaten Joseph E. Davies geheiratet - ließ sie die "Sea Cloud" quasi als kapitalistischen Schiffsgruß der US-Botschaft an der Pier des roten Leningrads festmachen, um Männer wie Molotow oder Litwinow zu bewirten. Und sie schickte es schließlich - die Zeiten waren nicht mehr nach Lustreisen - als Wetterdienstschiff der US-Marine in den Zweiten Weltkrieg.

Hamburger Reeder takelten die alte Dame auf

1955 verkaufte Marjorie das Schiff an den dominikanischen Diktator Trujillo, dessen Sohn es zu seiner luxuriösen Studentenbude an der Pier des kalifornischen Santa Monica machte. Bis 1961 die Party für die Trujillo-Bande vorüber war.

Nach dieser Episode begann für die "Sea Cloud" eine Schreckenszeit der Eignerwechsel und Irrfahrten, an deren Ende sie, fast ein Wrack, in Panama gestrandet war. Bis eine Gruppe Hamburger Reeder auf die Dame stieß und sie auftakelte für eine neue Karriere als Traumschiff unter Segeln.

Koordinaten: 34 Grad, 58 Minuten Nord, 23 Grad, 35 Minuten Ost. Die "Sea Cloud" läuft mit der Kraft ihrer Diesel Richtung Kreta. Als gegen zehn Uhr östlich des Peloponnes der Wind von Nordwest aufbriest - das Frühstück ist heil hinunter, die Einweisung an den Schwimmwesten abgeschlossen -, lässt Kapitän Ryszard Choinski Segel setzen.

Der Mann in den 60ern, Silberblondschopf, tiefschwarze Sonnenbrille, einer von der stillen Sorte, gibt von der Brücke aus ein paar knappe Kommandos an seine vier Offiziere.

Schon zurren Winden am Tauwerk, werden Leinen gestrafft, 23 Mann, Philippinos und Osteuropäer, sowie die vielleicht 20-jährige Katrin aus Kopenhagen entern auf zu den Rahen, wo sie Segel aus ihren Fesseln befreien; auf der "Sea Cloud" wird - anders als auf vielen schauderhaften Neubauten - noch von Hand gesegelt. Sechs Seeleute pro Mast, der größte 54 Meter hoch, geben 24 Drei- und Rechtecke aus derbem Segeltuch dem Wind preis. Und der bläst, dass es eine Wonne ist. Mit knapp neun Knoten zieht der Windjammer durch die gischtige See. Die Diesel schweigen, Ruhe breitet sich über dem Schiff aus. Und eine Ahnung von Abenteuern und den Verheißungen unbekannter Meere.

Das anachronistische Erlebnis, der Mix aus Luxus und Seefahrerromantik, freut die Passagiere - und ernährt den Reeder.

Santorin: Weiße Hauswände, blaue Kuppeldächer

Hermann Ebel, dessen Hansa Treuhand rund 70 Frachtschiffe auf den Weltmeeren laufen und zwölf im Bau hat, residiert in einem kühlen Glasbau am Hamburger Hafen, gegenüber ein rühriger Containerterminal. In das Kreuzfahrtgeschäft ist er 1994 eingestiegen, mit der frisch renovierten "Sea Cloud", um sogleich einen weiteren Segler auf Kiel zu legen, die "Sea Cloud II". Liebend gern würde er noch einen weiteren Segler bauen lassen - nur sind die Werftkosten, geschuldet der derzeit hohen Schiffsraumnachfrage, so teuer, dass sich das Geschäft nicht rechnen würde.

"Der Preis für so ein Schiff", sagt Ebel, "hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt." Der schlanke, weißbärtige Reeder, selbst Segler seit Jugendtagen, ist vor allem hanseatischer Kaufmann, also jeder Art von Geschäftsabenteuer abhold. Und so lässt er die Pläne für einen neuen Segler erst einmal in der Schublade, getreu seiner Maxime: "Unser Antrieb ist nicht, Kreuzfahrtschiffe zu betreiben, um den Urlaub gut situierter Bürger zu subventionieren."

Koordinaten: 36 Grad, 24 Minuten Nord, 25 Grad, 25 Minuten Ost. Das Schiff hat in der Frühe vor Thira, dem Hauptort der Kraterinsel Santorin, festgemacht, hoch über sich auf dem Fels den wohl am meisten fotografierten Touristenort der Ägäis, weiße Hauswände, blaue Kuppeldächer.

Tagsüber sind die Gäste ausgeschwärmt, für den Abend ist griechisches Barbecue angekündigt, anschließend Folklore.

Reißverschluss im Schritt

Nach drei Tagen Bordleben sind sich die Gäste näher gekommen, haben Gruppen gebildet oder sich vereinzelt, je nach Geschmack. Zwei Ehepaare aus Stuttgart bleiben unter sich, die Amerikaner aus Dallas, Texas, üben ebenfalls Splendid Isolation, die Finnen feilen an ihrer klassischen Bildung. Aus Deutschland und der Schweiz haben sich Kreuzfahrer in einer Runde zusammengefunden, überragt von einem Hamburger Unternehmer vom Typ normannischer Kleiderschrank, dazu ein Steuerberater aus Düsseldorf, ein Schuhhändler aus Basel und ein Wirtschaftsprofessor aus Duisburg, allesamt mit Gattinnen.

Für die ist der Aufreger an diesem lauen Grillabend vor kykladischem Sonnenuntergang, dass ausgerechnet die attraktive junge Kreuzfahrtdirektorin in einem segelweißen Overall erscheint, den im Schritt - unerhört - ein Reißverschluss ziert.

Koordinaten: 38 Grad, 19 Minuten Nord, 26 Grad, 46 Minuten Ost. Die "Sea Cloud" hat um acht Uhr morgens im kleinen türkischen Hafen von Dikili festgemacht. Der letzte Kick heißt noch einmal Kultur; jeder Landausflug ist willkommene Abwechslung zur Luxusschwelgerei, die Tempel und Kirchen sind weit mehr als fotografische Pflichttermine. Was hätte man sonst nach getaner Kreuzfahrt zu Hause vorzuzeigen?

An der Pier warten zwei Busse, die die Gäste vor dem Rückflug noch durch die blühenden Landschaften des alten Lydiens kutschieren, hinauf zum Götterberg von Pergamon. Unten im Hafen werden Lieferungen entladen - Schiffszehr für die nächste Woche.

Lesen Sie im dritten Teil: Armada der Wogen - die internationale Flotte der Fünf-Sterne-Schiffe

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