Milliardärsjacht "Sea Cloud" Lady zwischen Dienstboten

Unter Segeln reist es sich am schönsten - das wissen auch die Wirtschaftskapitäne, die auf der Milliardärsjacht "Sea Cloud" eine Kreuzfahrt buchen. Die Viermastbark ist die Grand Old Lady unter den Kreuzfahrtschiffen. Ihre erste Eignerin ließ sie als Familienrefugium durch die Karibik kreuzen.

Von Klaus Ahrens


Koordinaten: 37 Grad, 54 Minuten Nord, 23 Grad, 2 Minuten Ost. Das Schiff liegt, ganz prätentiöse Dame, unnahbar in der Bucht vor Korinth, weit draußen auf Reede, umgeben von rostigen Tankschiffen und verdreckten Frachtern - ein weißer Rumpf, hölzerne Aufbauten, vier Masten mit ausladenden Rahen, die weit in den Himmel über Isthmia ragen. Eine Lady zwischen lauter Dienstboten.

Zwei klimatisierte Reisebusse auf der Hafenmole spucken gut 50 Reisende mitsamt Gepäck aus, die zuvor von Athen aus den Burghügel von Mykene besucht haben und nun eine Woche lang zwischen den Kykladen-Inseln kreuzen werden. Finnen, Deutsche, ein paar Schweizer, ein paar Amerikaner, zumeist Paare. Die Jüngsten wohl Mitte 40, die Ältesten um 75 Jahre, alle in Festtagslaune und sichtlich aufgekratzt, schon wegen der bevorstehenden Überfahrt zum Schiff im heftig schwankenden Tender.

Aus Angst vor Seekrankheit tragen etliche bunte Akupunkturbänder am Handgelenk, die sollen die gefürchtete Spuckerei verhindern helfen. Man ist gerüstet. Alle drängen an Bord, voller Erwartungen. Der Kurs heißt: Kythera, Santorin, Naxos, Mykonos, Landgänge in neuzeitliche Shopping-Malls und zu jahrhundertealten Klostermauern. Zu Preisen zwischen 2690 und 4830 Euro, je nach Art der Kabine, azurblauer Himmel und smaragdgrünes Meer inklusive. Das reine Entzücken.

Ähnlich muss es der ersten Eignerin ergangen sein. Als die verwöhnte Milliardärstochter Marjorie Merriweather Post, Erbin einer amerikanischen Food Company und Gattin wechselnder hochmögender Geschäftsleute, vor 75 Jahren ihres frisch eingelaufenen Schiffes ansichtig wurde, notierte sie: "Saw ship first time Nov. 30, 1931. She was lying in harbour and before we could see her we saw the great masts and yards." Begeistert fügt sie an: "Great Kick!! She came up to all our expectations."

High-End-Cruising

Solche Erwartungen erfüllt die "Sea Cloud" bis auf den heutigen Tag. Wenn auch in Jahren, hat die Bark, immer wieder aufs Feinste restauriert und in der Ausstattung weitgehend originalgetreu erhalten, nichts vom Glamour ihrer Frühzeit verloren. Sodass sie noch immer weltweit als Inbegriff der Fünf-Sterne-Seefahrt dahinsegelt. Und für passionierte Kreuzfahrer von diesseits und jenseits des Atlantiks als das ultimative Erlebnis gilt. High-End-Cruising - danach kann nichts mehr kommen.

Kein Wunder, dass die Jacht auch immer wieder illustre Gäste an Bord hat: Männer der Wirtschaft, die nicht genannt sein wollen, Societygrößen wie Florian Langenscheidt oder Sabine Christiansen; unlängst gar den Bestsellerautor Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt"), der seinen Reisebericht bei einem Gesellschaftsblatt ablieferte.

Oder das Schiff wird komplett gechartert von Leuten, die gern unter sich bleiben. Wie kürzlich eine Reisegesellschaft von Managern der BASF und der Gazprom oder die Treffen der Familien Pritzker oder Marriott, beide Protagonisten der internationalen Hotellerie. Charterpreis pro Nacht: 25.265 Euro in der Karibik, 29.495 Euro im Mittelmeer.

"Die 'Sea Cloud'", schwelgt der Kreuzfahrtkritiker Douglas Ward im maßgeblichen Berlitz-Schiffs-Brevier, "ist das älteste und schönste Segelschiff der Welt, und sie ist die größte Privat-Yacht, die jemals gebaut wurde. Dreimal so groß wie Captain Cooks 'Endeavour'."

Besser kann ein Lob nicht ausfallen.

Verschont von den Segnungen der Zivilisation

Der Tender hat längsseits festgemacht, die Gäste erklimmen übers Fallreep die Schiffsplanken und werden empfangen von einer geschniegelten Schiffsmannschaft, schneeweiß gekleidet und goldbetresst die Offiziere, in dunkelblauem Tuch die Stewards, in den Händen Tabletts mit Champagnergläsern und heißen Tüchern zur Erfrischung. Man prostet sich zu, wünscht sich eine schöne Seefahrt, die ersten Bekanntschaften werden geschlossen, die ersten Abneigungen gefasst.

Und das Schönste: Hier, beim Schiffsempfang, gibt man für die Dauer der Reise nahezu jede eigene Initiative und Verantwortung ab; für viele macht es den Reiz einer Kreuzfahrt aus - Essenszeiten, Ausflüge, Tag- und Nachtzeit, alles ist organisiert. Und obendrein bleibt man weithin verschont von den Segnungen der Zivilisation: Kein Fernsehen, Telefonieren gestaltet sich schwierig, Mailen geht nur während enger Zeitfenster, eine Bordzeitung informiert - äußerst knapp - über das Geschehen draußen in der Welt. Aber man hat ja das Schiff.

Der nächste Kick heißt: Ab in die Kabinen. Ein freundlicher philippinischer Steward führt den Gast die Stiege hinunter aufs Hauptdeck, das Allerheiligste der "Sea Cloud", wo entlang einer eleganten Lobby die zehn Eignerkajüten ihren Platz haben.

Die Nummer 3 ist ein stuckverzierter, weißer Raum hinter zwei Bullaugen, versehen mit ausgesuchtem Stilmobiliar und einem Kamin, dazu gehört ein Marmorbad mit goldenen Lüstern und Armaturen. Größer und schöner sind nur die Kabinen 2 und 1. In denen einst Marjorie und ihr jeweiliger Ehemann prunkvoll nächtigten.

Am Tag sind alle Gäste gleich

Aber es gibt auch kleinere und weniger aufwändige Kajüten, bis hin zu den Nummern 14 bis 17, in denen zweistöckig geschlafen wird. Die "Sea Cloud" beherbergt eine Gesellschaft von maximal 68 Passagieren in acht Kabinenklassen, doch das gilt nur bei Nacht. Am Tag, an Deck und im Restaurant sind alle Gäste gleich. Und weil das so ist, gibt es auch keine Schlüssel für die Kabinen, alle Türen bleiben unverschlossen. Tresore hüten allerdings die unerlässlichen Preziosen und Geschmeide.

Die werden reichlich getragen, als die Schiffsglocke zum ersten Abendessen in das Restaurant ruft. Nach kurzem Getänzel und ein paar ungelenken Höflichkeiten hat jeder seinen Platz an den langen, damastgedeckten Tafeln gefunden. Zum Kennenlerngeplauder werden Wasser und Wein serviert, gleich darauf als Entrée ein Caesar's Salad. Es folgen eine Gemüsesuppe, sodann wunderbare Rotbarbenfilets, darauf ein Schokoladenkuchen mit Früchten, alles vom Küchenchef Alexander Hausherr aufs Beste bereitet.

Vier-Gänge-Menüs sind die Regel, das Essen ist erste Kreuzfahrerpflicht. Vom Frühstücksbuffet ab 7.30 Uhr bis zum Abendimbiss um 23 Uhr sind es fünf Mahlzeiten, die dem Lustreisenden angedient werden. Die kleinen Extras nicht gerechnet.



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