Moore auf Studentenbesuch Delirium Nocturnum

Michael Moore tourt durch die USA, um Wähler für Kerry zu mobilisieren. Jetzt war er in der University of Southern California in Los Angeles zu Gast. Er bekam 50.000 Dollar Honorar, für die Studenten gab es am Ende Fertignudeln aus der Tüte.

Von Henryk M. Broder, Los Angeles


Verteilt falsche Dollars: Moore-Groupie Schlesinger
Henryk M. Broder

Verteilt falsche Dollars: Moore-Groupie Schlesinger

Los Angeles - David Schlesinger, 54, aus Baltimore ist ein Michael-Moore-Groupie. Wo immer Michael Moore auftritt, ist auch David Schlesinger dabei. Gestern in Florida, heute in Kalifornien, morgen in Ohio. Er reist ihm auf eigene Kosten hinterher und verteilt an die Besucher der Moore-Auftritte selbstgedruckte Dollarnoten. Es ist ein "9/11"-Dollar, auf der einen Seite steht "Project For A New American Century", auf der anderen "The New Pearl Harbor", aus der Mitte, wo sonst George Washington würdevoll in die Welt schaut, grinst einem George W. Bush entgegen, flankiert von seinem Vize Cheney und Donald Rumsfeld. Darunter steht: "International Terrorists".

Außerdem findet man auf dem falschen Greenbuck die Internet-Adressen von 22 Websites, die nach dem 11. September eingerichtet wurden, um die Wahrheit über den 11. September zu verbreiten: www.911forthetruth.com; www.ny911truth.org, www.911inquiry.org, www.911sharethetruth.com, www.septembereleventh.org, www.911truth.org - erstaunlich, wie viele Wahrheiten es über den 11. September 2001 gibt. Für David Schlesinger jedenfalls steht fest: "Bush was probably involved" und "Bush is a fascist", der 11. 9. war ein "cover-up".

Er nutzt die Stunde vor Moores Auftritt, um seine "Deception"-Dollar zu verteilen und einige der T-Shirts zu verkaufen, mit denen er seine Reisen finanziert: Unter den Köpfen von Bush sen. und Bush. jun. stehen die Worte: "Dumb & Dumber", dumm und dümmer. Auf der anderen Seite des McCarthy Quad, mitten auf dem Campus der University of Southern California, stehen die "Young Republicans" und demonstrieren für Bush und gegen Moore. Sie halten Plakate hoch und rufen: "Moore - War Profitter", "No Moore Lies" und "Muck Foore", ein subtiles Wortspiel nach der Art von "Kentucky schreit ficken!".

Moore auf der Leinwand vor 5000 Studenten: "Etwas Nettes über Bush"
Henryk M. Broder

Moore auf der Leinwand vor 5000 Studenten: "Etwas Nettes über Bush"

Robert, 24, trägt ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck "Real Men Like Bush". Moore mag er eigentlich auch. Dessen Film "Roger and Me" war "great", auch "Bowling for Columbine" war "fine", aber "Fahrenheit 911" ist "propaganda, absolutely disgusting". Und außerdem möchte Robert nicht, dass Moores Auftritte aus den Studenten-Gebühren finanziert werden. "It's our money."

Moore bekommt für seine Vorstellung 50.000 Dollar, eingeladen hat ihn der Program Board der University of Southern California. Gleich neben den "Young Republicans" stehen die Mitglieder der "Progressive Coalition". Sie demonstrieren auch für Bush, aber auf ihre Art, indem sie die Bush-Parolen auf den Kopf stellen. Sie schreien "Four More Wars!" (statt: Four More Years!), "Blood For Oil!" und "Fascist For Bush!"

Ein paar Meter weiter wird ein Riesenposter entrollt: "Dick Cheney Eats Live Lesbian Babies". Ich will wissen, wie der Satz gemeint ist. "Cheney ist ein Monster", sagt Dan, 24, "seit er im Amt ist, hat er mehrere Herzinfarkte überlebt, er braucht frisches Blut".

Kurz nach Acht wird Moore angekündigt. "Nur wenige haben noch vor drei Jahren seinen Namen gekannt, heute ist er ein Superstar!" Und schon betritt der Superstar die Bühne, wie immer angezogen wie ein Sozialhilfeempfänger, der seine Kleider im "99-Cent-Store" kauft: schlabberige Jeans, braune Windjacke, nur die rote USC-Kappe ist neu.

"Muck Foore": Bush-Anhänger demonstrieren gegen Moore
Henryk M. Broder

"Muck Foore": Bush-Anhänger demonstrieren gegen Moore

Er breitet die Arme aus und ruft den rund 5000 Studenten entgegen: "Wenn GWB das hier sehen könnte...", der Rest des Satzes geht im Jubel unter, Moore hat sich den ersten Punkt gegen Bush geholt. Dann sagt er, er hatte "so much fun" während er die TV-Debatten verfolgte und macht Bush nach: "It's hard work to be a president..." Es steht zwei zu null für Moore. Dann sagt Moore, er möchte ein paar "nette Dinge" über die Republikaner sagen und schweigt, bis die Zuhörer die Pointe kapieren. Drei zu null für Moore.

Es sieht nach klarem Punktsieg aus. Es ist die 27. Station auf Moores USA-Tour und wie fast überall ein Heimspiel. Mit Moore treten auf: Tom Morello, Ex-Gitarrist der Gruppe "Rage Against The Machine", er singt "Freedom Songs" und klingt wie Dieter Dehm ("Lerryn") vor 30 Jahren auf einer DKP-Fete, Dante, der Bruder eines im Irak gefallenen US-Soldaten und ein junger Mann, der sich freiwillig zur Armee gemeldet hat und es nie wieder tun würde.

Dann liest Moore aus seinem neuen Buch "Letters From The War Zone" vor, es sind Briefe, die ihm US-Soldaten von der Front im Irak geschrieben haben. Seine Bücher, erzählt er, seien die Lieblingslektüre der GIs: "Anything by Michael Moore." Die Veranstaltung wird gefilmt, Moores nächster Film wird den Einsatz von Moore im Wahlkampf dokumentieren. "Schlaft bis zum Mittag", ruft er den Komparsen zu, "trinkt Bier und wählt Kerry!" Ralph Nader wird nicht einmal erwähnt.

Zur Feier des Tages: Bier aus Belgien
Henryk M. Broder

Zur Feier des Tages: Bier aus Belgien

Dann wirft Moore "Instant Noodle"- Tüten in die Menge, Studentenfutter, als wären es "Kamelle" am Rosenmontag. Ich sitze neben Elisabeth und Sherry, die "Communication" studieren. Sie machen Picknick, haben zwei Taschen mit Essen und Trinken mitgebracht, weißen Cheddar, Parmesan, Cracker, Mandeln und einen indischen Gemüseeintopf, alles von "Whole Foods", einem Öko-Markt. Ein Sixpack Michelob-Bier ("Low Carb") bleibt unausgepackt, Elisabeth und Sherry gönnen sich zur Feier des Tages ein Bier, das aus Belgien importiert wurde. Es heißt: "Delirium Nocturnum". So wie der ganze Abend.



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