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Moskau-St.Petersburg Mit Tempo 250 durch Russlands Dörfer

Russland ist stolz auf seinen Hochgeschwindigkeitszug deutscher Bauart - doch der Hightech-Flitzer gefährdet das Leben von Menschen an der Strecke Moskau-St. Petersburg. Die Bahnanlagen ihrer Dörfer sind veraltet. Wenn Moderne auf Marodes trifft: SPIEGEL TV besuchte die Betroffenen.

Sankt Petersburg - Auf dem Bahnsteig sind Blutspuren. Das jüngste Opfer des "Sapsan" treibt im Teich neben den Gleisen. Diesmal hat der Hochgeschwindigkeitszug einen Hund aus einem Dorf erwischt.

Der russische ICE rast mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde zwischen Moskau und Sankt Petersburg - über ungesicherte Bahnübergänge. Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. Denn oft führt die Bahnstrecke mitten durch die Dörfer.

"Sapsan", Wanderfalke, nennen die Russen den Schnellzug, der seit Dezember 2009 zwischen den Metropolen pendelt. Er schafft die knapp 700 Kilometer in weniger als vier Stunden. Der Velaro Rus, wie der Zug eigentlich heißt, ist eine an die russische Breitspur angepasste Variante des ICE - entwickelt und gebaut von Siemens.

"Der 'Sapsan' symbolisiert alles Neue und Fortschrittliche", sagt der russische Bahnchef Wladimir Jakunin. Doch in den Dörfern entlang der Strecke wird an der Modernisierung der Gleisanlagen und Bahnübergänge gespart - mit fatalen Folgen, wie eine SPIEGEL-TV-Reportage zeigt, die am Sonntagabend auf RTL ausgestrahlt wird.

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"Sapsan": Gefährlicher Hochgeschwindigkeitszug

Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/ AFP

"Man ist hier ständig in Lebensgefahr", sagt Rita aus einem Dorf entlang der Strecke. Sie überquere schon seit Jahrzehnten problemlos den Bahnübergang. Doch der Schnellzug habe sie letztens fast erwischt. Zwar ertönt am Bahnsteig ein schrilles Alarmsignal - doch meist schon eine halbe Stunde vor der Durchfahrt. Wann genau oder aus welcher Richtung der "Sapsan" kommt, wissen die Menschen nicht. Ein genauer Fahrplan fehlt.

Selbst in Orten, in denen es Schranken gibt, bereitet der Hochgeschwindigkeitszug Probleme. Weil alles auf dessen ungebremste Durchfahrt ausgelegt ist, müssen Autofahrer bis zu vier Stunden Wartezeit an den Übergängen in Kauf nehmen - Ausnahmen für Rettungswagen oder Feuerwehr gibt es nicht. Ein Mann sei deshalb schon gestorben, erzählt ein Dorfbewohner. Ein Haus brannte nieder, weil der Löschtrupp an den Gleisen warten musste.

Wo es keine Schranken gibt, sollen Männer in orangefarbenen Westen den Übergang bewachen. Doch sie lassen sich oft nur einmal am Tag blicken - wobei der Zug bis zu zwölfmal täglich durch den Ort fahre, erzählt ein Mann.

Nicht immer geht es so glimpflich aus wie bei Rita. Im April erfasste der "Sapsan" den 15-jährigen Aljoscha Bogdanowa, als er auf dem Heimweg war. Entschädigung für den Tod ihres Sohnes bekam Ludmilla Bogdanowa keine. Der Zugführer habe vorschriftsmäßig das Warnsignal betätigt, sagt die Verkehrsstaatsanwaltschaft Sankt Petersburg.

Nichts soll den Zug in die Zukunft stoppen. Die Einführung der deutschen Fahrzeuge gilt in Russland als das erfolgreichste Geschäftsprojekt des Jahres. Eine Fahrt in der ersten Klasse kostet 120 Euro - dafür gibt es einen Getränkeservice und eine warme Mahlzeit wie im Flugzeug. Wer hier sitzt, bekommt von den Problemen der mangelnden Modernisierung entlang der Strecke kaum etwas mit.

Immer öfters jedoch knallt es unterwegs. Die Dorfbewohner haben angefangen, sich gegen den modernen Wanderfalken zu wehren. Mit Steinen als Wurfgeschossen.

Mehr bei SPIEGEL TV, Sonntag, 05.09., 22.25 Uhr, RTL

ank