Motorradtour in Vietnam Wer aus dem Reisebus schaut, kann nie auf Augenhöhe sein

Der Ha-Giang-Loop ist eine dieser Jetzt-noch-machen-bevor-alle-kommen-Reisen. Was ist das Besondere an dieser Motorradtour? Stephan Orth war im Norden Vietnams unterwegs.

YongL/ Shutterstock

In keinem Land der Welt lässt sich die Wahl des angebrachtesten Verkehrsmittels für die Reise so eindeutig beantworten wie in Vietnam: per Motorrad. 43 Millionen Maschinen kommen hier auf 90 Millionen Einwohner. Jeder, der schon mal in Hanoi oder Ho-Chi-Minh-Stadt war, kennt das gartensägenartige Knattern, den Spritgeruch und die Ameisenhaftigkeit, mit der in jede noch so kleine Lücke vorgeprescht wird. Eindrücke, die sich so unauslöschlich in die Erinnerung jedes Vietnam-Reisenden einfräsen wie der Duft eines Pho-Suppen-Straßenstandes. Also hinein in den halsbrecherischen Verkehrsirrsinn!

Wegen der hohen Feinstaubwerte in Hanoi entscheide ich mich dafür, das Motorrad in Ha Giang zu leihen und in die Berge zu fahren. Ein Bus mit Liegesitzen bringt mich in sechs Stunden in die Stadt im Norden. Hier beginnt eine Rundtour, die etwas weniger bekannt ist als der Sapa-Loop im Nordwesten oder die legendäre "Mae Hong Song"-Tour in Thailand.

Der Angestellte in der Verleihstation lässt mich mit einer blitzblanken Honda Blade, 110 Kubikzentimeter, ein paar Runden auf der Hauptstraße drehen, um mit der Gangschaltung vertraut zu werden. Den Führerschein prüft er so flüchtig, dass ich ihm auch einen Bibliotheksausweis hätte hinhalten können.

Ich bekomme eine regendichte Plastiktüte für den Rucksack, hebe im Ortszentrum noch ein paar Millionen Dong am Geldautomaten ab, und fahre los.

(In der Fotostrecke geben wir die besten Tipps für das Motorrad-Abenteuer in Vietnam.)

Fotostrecke

17  Bilder
Vietnam: Tipps für die Motorradtour

Zunächst ist die Straße gut geteert und flach - perfekt für die ersten Kilometer. Mit 30 km/h passiere ich grüne Terrassenreisfelder, die von Bauern mit Rinderpflügen bewirtschaftet werden. Dann geht es in Serpentinen hoch zum Quan-Ba-Pass. Zehn Prozent Steigung steht immer auf den Warnschildern, egal ob es in Wahrheit acht oder zwölf Prozent sind. Quan Ba heißt Himmelstor, die vor mir liegenden Karstfelsen wurden von der Unesco zum schützenswerten Geopark erklärt. Bestimmt ist die Aussicht spitze. Doch heute ist es so neblig, dass sich 30 Tonkin-Stumpfnasenaffen neben mir durchs Geäst hangeln könnten, und ich würde sie nicht sehen.

Zwei Stunden später sitze ich bei Hong Thu und Hi im Wohnzimmer und bekomme zusammen mit vier Holländern Reis mit Hühnerfleisch serviert und reichlich "Happy Water", selbstgebrannten Maisschnaps. 200.000 Dong (knapp acht Euro) kostet die Nacht im "Hong Thu Homestay", einem zweistöckigen Holzhaus, den 45-prozentigen Rachenputzer gibt's gratis dazu. Genauso wie die anschließende Karaoke-Runde, bei der niederländische Gassenhauer auf vietnamesische Schmachtfetzen treffen.

So hatte ich mir eine authentische Unterkunft bei Angehörigen der Dao-Volksgruppe nicht vorgestellt. Aber wer "authentisch" mit "urig-altmodisch" verwechselt, hat halt nicht kapiert, dass auch jemand, der bei der Feldarbeit dieselbe bunte Tracht wie die Urgroßeltern trägt, durchaus Smartphones und dicke Musikboxen schätzen kann.

"Ich kenne jedes Staubkorn hier"

Hi nimmt uns dann auch noch mit zu einer traditionellen Hochzeit zwei Schotterwege weiter, wo genug Happy Water serviert wird, dass ich mich nachher nur noch an die farbenfrohe Festkleidung der Gäste, die zerfurchten Gesichter der Alten und an ein Gespräch mit Anh, dem Easy Rider, erinnere.

"Es kommen immer mehr Touristen", sagt er. "Easy Rider" nennen sich hier Motorradfahrer, die Touristen auf dem Rücksitz durch die Gegend kutschieren. Nach dem vierten Schnaps gibt er zu, dass sich nach fünf Jahren in dem Job die Region ein bisschen abnutzt, zumal meistens exakt die gleiche Vier-Tages-Route auf dem Programm steht. "Ich kenne jedes Staubkorn hier", sagt er. "Aber die Straßen haben sich verbessert in den letzten Jahren."

Ein Glücksfall für mich, der vorher keine hundert Stunden Motorroller-Erfahrung hatte. Schlaglöcher hier sind zwar eher die Regel als die Ausnahme, und oft geht es an den nächsten Tagen über Schotterpisten. Doch der Schwierigkeitsgrad steigt langsam genug an, um diese Herausforderungen bewältigen zu können.

Das Hauptproblem besteht ab dem zweiten Tag eher darin, die Augen auf die Straße zu richten und sich nicht ablenken lassen: Es geht über grüne Karstfelsen und durch Hunderte Meter tiefe Canyons, die sich durchs Tal ziehen. Zwischen Dong Van und Meo Vac wartet hinter jeder Kurve ein Aussichtspunkt, einer spektakulärer als der andere.

Motorrad fahren - und die Menschen verstehen

Ich übernachte teils in einfachen Holzhaus-Homestays und teils in Hotels aus Beton. Gespräche finden mit Händen und Füßen statt, da ich kein Vietnamesisch spreche. Trotzdem habe ich das Gefühl, den Menschen näher zu sein als auf anderen Reisen, wo mehr geredet wurde. Warum? Weil ich das Verkehrsmittel benutze, das alle benutzen.

Ich sortiere mich dadurch in diesen knatternden Fluss des Alltagslebens ein und werde zum Novizen in einer Kunst, die einheimische Fahrer so gut beherrschen, dass sie mühelos bis zu vier wache oder bis zu zwei schlafende Familienmitglieder auf ihrem Gefährt unterbringen. Ein wichtiger Teil des Lebens findet in Vietnam auf dem Motorrad statt. Wer aus einem Reisebus herabschaut, kann nie auf Augenhöhe sein.

Der Ha-Giang-Loop ist eine dieser Jetzt-noch-machen-bevor-der-Massentourismus-kommt-Reisen. Neue Hotels werden schon gebaut, es herrscht Goldgräberstimmung.

Schon jetzt lohnt es sich, von der Standardroute abzuweichen, zum Beispiel in der Gegend um Du Gia, um noch ein paar besonders ursprüngliche Dörfer zu sehen. In der Region leben mehr als 20 verschiedene Volksgruppen, unter anderem die Kinh, H'Mong, Tay, Dao und Nung.

Die Modernisierung wird kommen, doch zumindest als Fahrsicherheitstraining für ausländische Motorradfahrer wird der Loop sicher noch eine Weile taugen - nach sechs Tagen Nordvietnam fühle ich mich bereit für den Stadtverkehr von Hanoi.

Nach anfänglicher Empörung über die dortigen Verhältnisse folgt nämlich die Erkenntnis, dass Chaos tatsächlich funktionieren kann. Und schließlich entwickelt man philosophische Bewunderung für diesen Blechfluss, bei dem die Verkehrsteilnehmer zu einem einzigen Organismus zu verschmelzen scheinen und nur zwei Regeln gelten: Der Mutige hat Vorfahrt. Der Klügere gibt Gas.

Im Video: Auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad - Die gefährlichsten Straßen der Welt



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de vriend 18.07.2019
1. Verkehrsfluss
Der Mutige hat Vorfahrt. Der Klügere gibt Gas - stimmt so zum Glück nicht - wer abbiegen möchte, tastet sich langsam in den Gegenverkehr, der dann auch Platz macht - so fließt der Verkehr, ohne ins Stocken zu kommen. Funktioniert Super ohne viele Ampeln oder Verkehrszeichen! Nicht so wie in Indien/Indonesien/Sri Lanka - größeres Fahrzeug = größere Rechte, oder Südamerika Verkehrsmacho = ich fahre und parke wie ich will und muss mich durchsetzen. Wie auch in Thailand: lokaler Motorradführerschein und internationaler Führerschein bei Polizeikontrollen notwendig - Autoführerschein genügt nicht - wenn kein Motorradführerschein, dann Strafe zahlen und weiterfahren - beim Unfall kann es komplizierter werden - siehe Hinweis ausw. Amt
noshky 18.07.2019
2. Sehr schön!
"Und schließlich entwickelt man philosophische Bewunderung" - genau so ist es! Allerdings kann man das Verkehrssystem auch auf eine einzige Regel reduzieren: don't hit anyone. Hat mir ein Reiseführer verraten ;). Wenn man drüber nachdenkt, dann genügt genau diese eine Regel.
oliver.kugel 18.07.2019
3. Und wenn man glaubt Mann hat es verstanden kracht es....
Es wäre schön, mal die Unfallzahlen zu nennen, die Vietnam hat. Ich will keinen den Trip versauen, aber seit euch klar darüber was es heißt im Dreck zu liegen, erste Hilfe beschränkt sich auf, wir halten eine Plane als Sonnenschutz drüber. Der Krankenwagen, wenn selbst noch reden kann braucht mindestens 1 Std. Bei 40-80 Km/h gibt es böse Traumatische Verletzungen!!! Und Schuld hat am Ende immer der Ausländer, darüber sollte man sich im Klaren sein bei seiner Tour.
spon-facebook-10000427818 18.07.2019
4. Nicht nur auf 2 Rädern ein Erlebnis
Die Region ist umwerfend. Tatsächlich brauchen aber Reisende, die keine Motorradfreaks sind, nicht auf das Abenteuer zu verzichten. Manchmal macht es durchaus Sinn, sich die doppelte Anzahl an Rädern zu gönnen. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Unfälle mit tödlichem Ausgang auf dem Loop derart rapide angestiegen sind, dass selbst die sonst eher lockere Verkehrspolizei viel strenger kontrolliert, als in anderen Regionen des Landes. Dass man auch im Jeep eine Menge Spass haben kann und viel erlebt, hautnah sogar weil man mit Fahrer und Guide beste Kontakte zu den Locals bekommen kann könne wir bestätigen. Wie wir den Loop erlebt haben, haben wir natürlich für freunde, NAchkommen und die Ewigkeit dokumentiert, mit Verlaub und wen es interessiert: https://wegsite.net/unser-weg/suedost-asien/vietnam/loop-dong-van-plateau/
jutta_weise 18.07.2019
5. Klasse!
Zitat von spon-facebook-10000427818Die Region ist umwerfend. Tatsächlich brauchen aber Reisende, die keine Motorradfreaks sind, nicht auf das Abenteuer zu verzichten. Manchmal macht es durchaus Sinn, sich die doppelte Anzahl an Rädern zu gönnen. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Unfälle mit tödlichem Ausgang auf dem Loop derart rapide angestiegen sind, dass selbst die sonst eher lockere Verkehrspolizei viel strenger kontrolliert, als in anderen Regionen des Landes. Dass man auch im Jeep eine Menge Spass haben kann und viel erlebt, hautnah sogar weil man mit Fahrer und Guide beste Kontakte zu den Locals bekommen kann könne wir bestätigen. Wie wir den Loop erlebt haben, haben wir natürlich für freunde, NAchkommen und die Ewigkeit dokumentiert, mit Verlaub und wen es interessiert: https://wegsite.net/unser-weg/suedost-asien/vietnam/loop-dong-van-plateau/
Vielen Dank für den Link! Toller Reisebericht. Man ist förmlich mit dabei.
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