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Hurtigruten-Neubau: So sieht die "Roald Amundsen" aus

Foto: Hurtigruten/ Espen Mills

Nachhaltige Kreuzfahrt Einmal Arktis per Akku, bitte, zumindest ein kleines Stück

Ein neues Expeditionsschiff von Hurtigruten soll Kunden locken, die mit gutem Gewissen eine Kreuzfahrt machen wollen. Aber geht das überhaupt?
Von Julia Stanek

Ein 17,5 Meter hoher LED-Bildschirm empfängt die Besucher der MS "Roald Amundsen", darauf Berge, Fjorde und Norwegens Küste. Der Star an Bord des Hurtigruten-Neubaus ist die Natur, dieser Eindruck entsteht.

Dieser Eindruck soll auch entstehen. Denn: Mit der 140 Meter langen "Roald Amundsen" hat die norwegische Reederei ein Kreuzfahrtschiff auf die Reise geschickt, das zu den umweltfreundlichsten der Welt gehören soll. Es verfügt sowohl über einen Elektro- als auch über einen Verbrennungsmotor - und ist damit das erste Kreuzfahrtschiff mit Hybridantrieb .

Es sei ein gutes Gefühl, auf der Brücke stehen zu dürfen, sagt Kapitän Kai Albrigtsen, 55. Seit 39 Jahren arbeitet er für Hurtigruten, seit 16 Jahren fährt er in die Arktis, er hat viel Erfahrung mit alten Schiffen, die umgerüstet wurden. Doch nun präsentiert er am Cruise Center in Hamburg-Altona diesen Neubau, bei dem "alles dafür designt" sei, die "Kreuzfahrt sauberer zu machen". Oder zumindest "so nachhaltig wie nie zuvor", wie Hurtigruten-Chef Daniel Skjeldam es ausdrückt. Einschränkende Worte sind auch angemessen, denn dem Traum von der Bio-Kreuzfahrt sind Grenzen gesetzt.

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Hurtigruten-Neubau: So sieht die "Roald Amundsen" aus

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Ganz ohne Umweltverschmutzung gehe es leider nicht, räumt Kapitän Albrigtsen ein. "Aber dieses Schiff vereint die modernste Technik, die man mit Geld kaufen kann." Was macht dieses Schiff so besonders? Es sei der schwarze Qualm, von dem die MS "Roald Amundsen" nur beim Anwerfen der Maschinen ein bisschen in die Luft puste. Und von dem später, auf ihrer Fahrt über die Weltmeere, nicht mehr viel zu sehen sei.

Die "Roald Amundsen" kann laut Hurtigruten zumindest auf kurzen Strecken emissionsfrei übers Meer gleiten. Dafür müssen die vier Schiffsschrauben zunächst Strom erzeugen, der in 120 Lithium-Ionen-Akkus unter Deck gespeichert wird. Sobald genug Energie verfügbar ist, fährt der Computer die Leistung der Dieselmotoren zurück - dann wird es still im Maschinenraum.

"Wann die Akkus anspringen, entscheiden weder die Maschinisten noch ich", sagt Kapitän Albrigtsen. Dafür sorge das sogenannte Power Management System, es steuert, wie viel Energie erzeugt und wieder verbraucht wird.

Hurtigruten prescht damit voran in einer Branche, die extrem gefragt, aber auch höchst umstritten ist. Millionen Menschen wollen jedes Jahr im schwimmenden Hotel die Welt entdecken. Dabei ist diese Reiseform extrem umweltschädlich. Der Einsatz von Schweröl - auf vielen Kreuzfahrtschiffen ist das Standard - hat klimaschädliche Emissionen von Schwefel, Rußpartikel, Stickoxiden und Kohlendioxid zur Folge. Noch dazu birgt eine Kreuzfahrt wegen der Feinstaubbelastung an Bord auch Gefahren für die Gesundheit.

Es ist also nachvollziehbar, dass händeringend nach einer Lösung für das Problem gesucht wird: Wie wird die Kreuzfahrt ökologisch vertretbar?

20 Prozent weniger Schadstoffe

Gerade einmal eine gute halbe Stunde könne die "Roald Amundsen" batteriebetrieben fahren, sagt Chef-Maschinist Jan Andreas Grønås. Danach braucht sie wieder Marinediesel. Unterm Strich will Hurtigruten mit dem Hybrid-Antrieb trotzdem den Kraftstoffverbrauch und die Emissionen verringern: Das Ziel seien 20 Prozent weniger Schadstoffe.

Die Wasseraufbereitungsanlage solle außerdem dafür sorgen, dass nur "absolut reines Wasser" ins Meer abgelassen wird, sagt Grønås bei einer Führung durch die Katakomben im Schiffsrumpf. Er hält ein Glas mit gefiltertem transparenten Wasser hoch und grinst in die Kameras der Journalisten.

Ansonsten glänzt das Expeditionsschiff ökologisch vor allem mit Dingen, die fehlen: Es gibt zum Beispiel keine Plastikbecher an Bord. Und eben nicht diese Rußwolken, die aus den Schornsteinen anderer Kreuzfahrtschiffe qualmen.

Das Schiff hat jüngst mit einem Jahr Verspätung seine Jungfernfahrt von Tromsø nach Hamburg absolviert. Es soll Kunden locken, die nicht allein wegen der Unterhaltung an Bord gehen: Wasserrutschen, Kletterparks oder ein Spielcasino werden sie hier vergeblich suchen.

Kabine 537 der MS "Roald Amundsen": Bettkopfteil in Wellenoptik

Kabine 537 der MS "Roald Amundsen": Bettkopfteil in Wellenoptik

Foto: Hurtigruten/ Espen Mills

Die 265 Kabinen sind geschmackvoll gestaltet - mit Details in Holzoptik, wellenförmigen Wandpaneelen und Sesseln und Teppichen in Erdtönen. Auf den Gängen hängen großformatige Kunstwerke, die stilisierte Meerespflanzen und Fische zeigen. Im Restaurant Aune auf Deck 6 sind Husky-Holzschnitte hinter Glas ausgestellt.

"Eine schwimmende Forschungsstation"

"Unter unseren Kunden sind pensionierte Lehrer, Bibliothekare, aber auch Leute, die sich einfach sehr für die Natur interessieren", sagt Wayne Brown. Der Mann aus Kalifornien - 66 Jahre, Karo-Flanell-Hemd, grauer Schnauzer - arbeitet im Expeditionsteam der "Roald Amundsen". Er hält Vorträge über Plankton und Seegras, holt Meerespflanzen aus dem Wasser und schaut sie mit Passagieren unterm Mikroskop an.

"Das Schiff ist eine schwimmende Forschungsstation", sagt Brown. Das Team werde in Zukunft den Ozean auf Mikroplastik untersuchen oder die Wassertemperaturen in bestimmten Gebieten messen.

Expeditionen für jedermann; das Gefühl, einen relevanten Urlaub auf See zu verbringen - es ist der Schwerpunkt, mit dem Hurtigruten Erfolg hat. "Wir bieten Kreuzfahrten an für Leute, die sonst nicht auf Kreuzfahrt gehen", sagt Pressereferent Arne Karstens. Die "Roald Amundsen" wird vor allem in arktischen Gewässern, aber auch in der Antarktis unterwegs sein. Je nach Route sollen Botaniker, Geologen und Biologen mitfahren, um dem Publikum Wissen zu vermitteln.

Mikroskope im Science Lab: Kreuzfahrt für Amateurforscher

Mikroskope im Science Lab: Kreuzfahrt für Amateurforscher

Foto: Julia Stanek/ Spiegel Online

So ein Erlebnis hat seinen Preis. Eine zweiwöchige Reise vom kanadischen Vancouver bis nach Anchorage in Alaska kostet ab 4790 Euro. Für das 29-tägige "Abenteuer Nordwest-Passage" muss der Kunde mindestens 18.990 Euro zahlen - für Luxus wie eine Außenkabine oder eine Suite noch mehr.

"Der Gestank liegt wie ein Teppich über der Stadt"

"Wir freuen uns auf dieses brandneue Schiff", sagt Grete Skjold Borge. Die Norwegerin steht mit Rollkoffern, Ehemann Tor und ihren zwei Söhnen, 30 und 27, vor einem Fischbrötchenstand im Hamburger Hafen. Die Familie ist aus Bergen hergeflogen, um an Bord der "Roald Amundsen" zu gehen.

Ihr Reiseplan: die Nordsee hoch, die norwegische Küste entlang bis nach Kirkenes und zurück nach Tromsø. Von dort aus werden sie zurück nach Bergen fliegen. Der ökologische Fußabdruck der vierköpfigen Familie wird beachtlich sein - Hybridantrieb hin oder her.

Familie Borge in Hamburg

Familie Borge in Hamburg

Foto: Julia Stanek/ Spiegel Online

"Wir haben uns diese Reise zu unserem 40. Hochzeitstag geschenkt", sagt Borge. Einmal noch mit den erwachsenen Söhnen verreisen. Sich etwas gönnen. Im Pool baden, gut essen, Sauna, Fitnessraum und Wellnessangebote genießen.

Ob sie auch die Lesungen zu Naturthemen besuchen wollen? Das bordeigene Science Center mit Gesteinsproben, in dem Wildlife-Enthusiast Wayne Brown die Passagiere zu "Botschaftern für den Umweltschutz" machen will? Grete Skjold Borge zögert ein bisschen. "In den elf Tagen an Bord schauen wir uns ganz sicher alles mal an", sagt sie schließlich.

Das von Hurtigruten so angepriesene Umweltthema ist für die Borges nicht der Hauptgrund für ihre Reise mit der "Roald Amunsen". Die Schattenseiten von Seereisen sind ihnen jedoch bewusst. "In Bergen liegen manchmal bis zu acht Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen", sagt Tor van Pelt Borge. "Sie verpesten die Luft, oft liegt der Gestank wie ein Teppich über der Stadt."

Auf der "Roald Amundsen" kann er nun erleben, dass Urlaub auf dem Wasser auch nachhaltig sein kann. Zumindest ein kleines bisschen.

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