Nabu zur "Mein Schiff 2"-Taufe "Jeder ist für seinen Dreck verantwortlich"

Am Hamburger Hafen wird wieder die Sektflasche geschwungen - TUI Cruises tauft ihr neues "Mein Schiff 2". Das glamouröse Event nimmt der Naturschutzbund Deutschland zum Anlass, für eine sauberere Kreuzfahrt zu plädieren. Sein Verkehrsexperte Dietmar Oeliger erklärt, was im Argen liegt.  

"Mein Schiff 2": Für 50 Millionen Euro renoviert, aber ein Rußfilter war nicht dabei
TMN

"Mein Schiff 2": Für 50 Millionen Euro renoviert, aber ein Rußfilter war nicht dabei


SPIEGEL ONLINE: Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) greift mit seiner Kampagne "Mir stinkt's! Kreuzfahrtschiffe sauber machen!" explizit TUI Cruises an. Warum gerade die Hamburger Reederei?

Oeliger: Alle Reedereien sind gleich schlecht, was die Umwelt-Performance betrifft. Doch TUI Cruises stellt am Samstag mit "Mein Schiff 2" ein weiteres Kreuzfahrtschiff in den Dienst, das keine wirksame Abgastechnik an Bord hat und immer noch den allerdreckigsten Treibstoff verbraucht.

SPIEGEL ONLINE: Dabei gelten doch Kreuzfahrtreedereien in der Schiffsbranche als die Musterknaben?

Oeliger: Was Abwasser und Abfall an Bord betrifft, ist zum Beispiel die Reederei Aida Cruises fortschrittlich - das fällt ihnen leicht, weil sie neue Schiffe haben. Sie haben ein relativ gut funktionierendes System der Abwasserversorgung und -entsorgung an Bord und auch der Abfallkreislaufwirtschaft. Allerdings im Bereich des Treibstoffs und des Abgases sind diese Schiffe genauso dreckig wie Containerschiffe.

SPIEGEL ONLINE: Wie dreckig? Immerhin gilt nach dem internationalen Marpol-Abkommen in Häfen ein Schwefelgehalt von 0,1 Prozent in den Abgasen, in Ost- und Nordsee von einem Prozent.

Oeliger: Reeder machen nur, was gesetzlich vorgeschrieben ist, und das ist bisher sehr wenig. Auf hoher See wird nach wie vor Schweröl verwendet, im Normalfall mit einem Schwefelanteil von im Durchschnitt 2,7 Prozent, erlaubt sind bis zu 4,5 Prozent. Zum Vergleich: Der Diesel an der Tankstelle hat 0,01 Prozent - also ist auf hoher See bis zum 4500fachen erlaubt. Aber auch im Hafen bläst ein Schiff wie "Mein Schiff 2" jeden Tag ebenso viel in die Luft wie 50.000 Autos - und das ist sehr konservativ gerechnet und über alle Schadstoffe wie CO2, Stickoxide oder Ruß gemittelt. Wenn Sie nur die Schwefeloxide nehmen, dann ist es allein bei diesem Schiff mindestens so viel wie bei allen Autos in Hamburg zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie?

Oeliger: Wir fordern, dass Kreuzfahrtschiffe auch auf hoher See Schiffsdiesel einsetzen, der höchstens 0,5 Prozent Schwefel enthält. Das ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Rußfilter an Bord funktionieren. Wenn Schweröl verwendet würde, dann würden die Filter sich sofort zusetzen und kaputtgehen. Wir wollen eigentlich nur ein Abgasnachbehandlungssystem, wie es bei jedem Lkw und bei jedem Pkw eingesetzt wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben an, dass die 15 größten Seeschiffe weltweit mehr schädliche Schwefeloxide ausstoßen als alle 760 Millionen Autos weltweit. Das sind doch aber Containerschiffe, nicht Kreuzfahrtschiffe?

Oeliger: Ja, wir wissen, dass die Frachtschifffahrt absolut gesehen das größere Problem darstellt. Es gibt weltweit gesehen nur 500 bis 600 Kreuzfahrtschiffe. Aber die Öffentlichkeit ist bei Kreuzfahrtschiffen sehr viel mehr sensibilisiert: Immer mehr Menschen verbringen ihren Urlaub auf dem Wasser, die Schiffe legen mitten in den Städten an. Wenn schnell etwas passieren kann, dann bei den Kreuzfahrtreedereien - und wenn diese erst mal umgestellt haben, gibt es keine Ausreden mehr für die Frachtschifffahrt.

SPIEGEL ONLINE: Die Reeder sagen, dass die Technik noch nicht ausgereift sei. Wie sollen sie Ihre Forderungen erfüllen?

Oeliger: Rußfilter sind auch bei sehr großen Schiffen schon im Einsatz, nur bisher bei keinem einzigen Kreuzfahrtschiff. Rußfilter-Hersteller und Werften sagen, der Einbau sei kein Problem. Solange die Landstromversorgung noch nicht funktioniert, sei es sogar das beste System, wenn eine effiziente, saubere Technologie an Bord ist. Die Reedereien haben sich bisher verweigert, weil es auch keine gesetzliche Vorgabe dafür gab.

SPIEGEL ONLINE: Nun schreibt die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO vor, dass ab 2020 nur noch Kraftstoff mit 0,5 Prozent Schwefelgehalt verwendet werden darf…

Oeliger: Das ist aber nicht schnell genug. Der Grund für unsere Kampagne war die neue Erkenntnis, dass Rußpartikel ein wesentlicher Klimatreiber sind. Seit zwei Jahren versuchen wir, gemeinsam mit anderen Umweltverbänden, gegen jede Quelle der Partikel Maßnahmen zu veranlassen - bei Auto- und Bahnverkehr auch schon mit Erfolg: Für Lkw wird ab 2014 die Euro-Abgasnorm 6 eingeführt, und gerade hat Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube 300 neue Dieselloks mit Partikelfilter bestellt. Jetzt muss auch die Schifffahrt ihren Beitrag leisten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei den Kreuzfahrtreedereien einen Vorreiter?

Oeliger: Wir wissen, dass ein großes Kreuzfahrtunternehmen in Deutschland sich die Umstellung auf Schiffsdiesel ernsthaft überlegt. Es wird aber noch von den anderen Reedereien dazu genötigt, keinen Schritt mehr als nötig zu machen. Denn wenn klar ist, dass die Technik funktioniert und nicht unbezahlbar ist, dann wären die anderen unter Zugzwang.

SPIEGEL ONLINE: TUI-Cruises-Chef Richard J. Vogel sagt, dass man vielleicht irgendwann nur noch mit Marinediesel fahren werde. Die Kunden müssten aber auch bereit sein, für die umweltbewusstere Reiseform mehr zu zahlen. Wie teuer würde es?

Oeliger: Eine zweiwöchige Kreuzfahrt etwa würde rund 50 Euro teurer werden, wenn die Reedereien die höheren Kosten für den Marinediesel komplett an die Kunden weitergeben würden.

SPIEGEL ONLINE: Nicht mehr?

Oeliger: Nein, der Kraftstoff ist ja nicht Kostenpunkt Nummer eins auf einer Kreuzfahrt. An Bord haben Sie als enormen Kostenfaktor oft genauso viel Personal wie Passagiere, das Schiff muss abbezahlt werden, die Verpflegung eingekauft und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch wenn nur noch Schiffsdiesel eingesetzt wird, wird sich an der CO2-Belastung durch die Kreuzfahrtschifffahrt nichts ändern...

Oeliger: Wir wollen niemandem vorschreiben, auf Kreuzfahrten zu verzichten. Die Leute würden ja auch sonst mit dem Flugzeug nach Spanien fliegen und CO2 produzieren, das tun sie sogar bei einem Fahrradurlaub in Deutschland. Aber jeder ist für den Dreck verantwortlich, den er verursacht. Und dieser Verantwortung haben sich die Reeder bisher nicht gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie denn von TUI Cruises konkret?

Oeliger: Dass deren Schiffe künftig nur Schiffsdiesel mit höchstens 0,5 Prozent Schwefelanteil verwenden. Und bei dem 50 Millionen teuren Relaunch des gebrauchten Schiffs hätte man auch einen Partikelfilter einbauen können - immerhin kostet, glaube ich, die Hebebühne eines Schiffstheaters auch drei Millionen Euro, ein Rußfilter eine Million.

SPIEGEL ONLINE: Dafür ist es natürlich jetzt zu spät...

Oeliger: Ja, aber es gibt ja auch Gerüchte, dass TUI Cruises ein neues Schiff bauen will. Auch Aida legt jetzt jährlich ein neues Schiff auf Kiel. Und da wird man sich bald entscheiden müssen, ob es mit entsprechender Abgastechnik ausgestattet wird oder ob alles beim Alten bleibt.

Das Interview führte Antje Blinda.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
holyfetzer86 14.05.2011
1. "Dreck"
Au ja! Neue Umweltauflagen einführen, die selbstverständlich nur für die deutsche Wirtschaft gelten, während sich der Rest der Welt einen feuchten Dreck darum schert.
braincoach 14.05.2011
2. Mein Schiff 2 ist eine Dreckschleuder
...nicht erst seit fukushima gilt: "alle handlungen müssen ökologisch nachhaltig sein !" schrödinger hat das geheimnis des lebens 1943 in einfache worte gefasst:"...aus einer geeigneten umwelt >>ordnung zu trinken
Born to Boogie, 14.05.2011
3. Umweltzone
Und die Grünen wollen in Hamburg eine Umweltzone für Autos einführen . . . Wie blöd ist das denn ?
Ylex 14.05.2011
4. Wie ein Schmierfilm
Ein guter Artikel und sehr informatives Interview, das den enormen Nachholbedarf bei der Schifffahrt offenlegt - auch hier zeigt sich wieder, dass Umweltschutz gegenüber wirtschaftlichen Interessen meistens nur schwer durchzusetzten ist. An der Unterelbe wurden vor Jahren Edel-Appartements gebaut, alle mit direktem Elbblick - sie waren teuer und begehrt, ich erinnnere mich noch, wie mir jemand vorschwärmte, dass er eines davon ergattert hatte. Inzwischen sind viele Eigentümer frustriert wieder ausgezogen, oder sie versuchen, ihre Appartement wieder zu verkaufen - die Abgase und der Ruß der vielen Dampfer, die täglich vorbeifahren, legt sich wie ein Schmierfilm auf die Fenster, er verklebt die Bettwäsche, und es stinkt, es stinkt zum Himmel.
derlabbecker 14.05.2011
5. tja,
... dem kleinen Autofahrer werden immer neue Umweltauflagen aufgedrückt, die die PKW in der Anschaffung und Unterhalt immer teurer machen, und diese Kisten verfeuern immer noch den gleichen Dreck durch ihre Motoren wie vor 50 Jahren. Auch daren liegt es, dass es billiger ist Dinge des täglichen Bedarfs in China herzustellen und in Containern über die Meere zu schippern, statt diese hier im Land herzustellen.
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