Neues Sitzkonzept Rückwärts über den Wolken

Fenster, Gang oder rückwärts? Bald könnten Flugzeuge auch in der Economy Class rückwärtsgerichtete Sitze anbieten. Das soll mehr Komfort bringen und trotzdem Platz für zusätzliche Passagiere schaffen – SPIEGEL ONLINE durfte probesitzen.

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Hamburg - Im Tetrisspiel der perfekten Raumausnutzung im Flugzeuginnenraum stellt eine britische Firma ein neues Konzept vor. Ihre Sitzgruppe funktioniert nach dem Yin-und-Yang-Prinzip – wenn nebeneinandersitzende Fluggäste in entgegengesetzte Richtungen blicken, verbrauchen sie weniger Platz als herkömmliche Sitzreihen im Flugzeug.

Fünf Zentimeter werden so zwischen zwei Sitzen eingespart. "Wir können in einer Boeing 777 damit 21 zusätzliche Sitzplätze unterbringen", sagt Ben Bettell, Business Development Director der britischen Premium Aircraft Interiors Group (PAIG), zu SPIEGEL ONLINE. In einem Airbus A380 seien es sogar 50 Sitzplätze.

Das Prinzip, das die Firma auf der Fachmesse Aircraft Interiors Expo 2007 in Hamburg vorstellte, ist an sich nicht neu – in der Business Class vieler Fluglinien sind bereits einige Sitze oder Schlafsessel rückwärts ausgerichtet, um den vorhandenen Platz optimal auszunutzen. Auch in Militärflugzeugen sind solche Konzepte keine Seltenheit. In der Economy Class von Passagiermaschinen dagegen sitzen Fluggäste bislang immer Schulter an Schulter – und liefern sich oft schweigende Kämpfe um den knappen Platz auf der Armlehne.

Keine Berührungsängste zum Nachbarn

Damit soll es vorbei sein, wenn sich die Schultern des einen Passagiers neben den Knien seines Nachbarn befinden. Beim Probesitzen zeigt sich, dass tatsächlich beide Nachbarn Platz für ihre Arme auf der Lehne haben. Ohne Berührung geht das jedoch auch nicht – so ausufernd, wie der Projektname "Freedom" vorgaukelt, ist die Bewegungsfreiheit nicht. Würde man die Zahl der Sitze in der Kabine beibehalten, könnten aber immerhin im Vergleich zu Economy-Class-Standards zehn Zentimeter zusätzlicher Platz für die Beine gewonnen werden.

Nun wird manchem schon in Zug oder U-Bahn schlecht, wenn er mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt – wie soll das erst im Flugzeug werden, zumal auf einem Langstreckenflug von bis zu 15 Stunden? "In 8000 Meter Höhe merkt man überhaupt nicht, in welche Richtung man fliegt", sagt Bettell. Der einzige Unterschied sei bei Start und Landung zu spüren – doch auch hier versuchen die Tüftler, die Unannehmlichkeiten in Grenzen zu halten: "Beim Start gleicht der Rückwärts-Sitz die Neigung des Fliegers aus, indem er sich vorne anhebt."

Boeing und Airbus haben das Design bereits geprüft und für realisierbar befunden – jetzt laufen Verhandlungen mit zahlreichen Fluglinien. Am Ende hängt es von der Akzeptanz der Passagiere ab, ob das neue Kabinenlayout ein Erfolg wird – viele halten möglicherweise gerne am traditionellen Aufbau fest, und manche könnten es als störend empfinden, im Blickfeld eines Gegenübers zu sitzen.

Laut einem Bericht der britischen "Times" ist ein um 180 Grad gedrehter Flugzeugsitz sogar sicherer – etwa im Fall einer Crashlandung, wo das Polster den Aufprall dämpft. "Dazu haben wir keine Daten", sagt Bettell. "Wenn ich Ihnen das bestätige, hätten ja auf einen Schlag sämtliche Airlines ein riesiges Problem, weil Passagiere nur noch rückwärts fliegen möchten."



insgesamt 27 Beiträge
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Axelino, 18.04.2007
1. ungemütlich
Ich kanns mir nicht vorstellen, so zu fliegen. Vielleicht möchte man ja seinem Sitznachbarn nicht ausweichen. Was machen die Menschen, die neben Partnerin oder Partner sitzen wollen, oder Familien, die ihre Kinder neben sich sitzen haben. Die haben vielleicht kein Problem mit den Schultern des Nachbarn, im Gegenteil. Hallo Airlines, ich bezahle lieber ein paar Euro mehr fürs Flugticket und habe dafür Platz. Gerade auch bei Urlaubsreisen.
Flachländer, 18.04.2007
2. Optimiert? Da geht noch mehr!
Man könnte doch noch eine obere Passagier-Ebene einführen, die den nutzlosen Raum bis zur Decke füllt. "In 8000 Meter Höhe merkt man überhaupt nicht, ob man kopfüber fliegt." Höchstens vielleicht am Blick auf den Bauch den Gegenübers, der als Tetris-Gegenpart in der unteren Ebene sitzt. Auf Thrombose-Strümpfe könnten die Passagiere der Kopfüber-Ebene auch verzichten. Haben sich da Kaufleute als Ingenieure versucht? Wer sich sowas einfallen lässt, sollte sich was schämen!
Hans58 18.04.2007
3. Nix Neues..
Die Idee ist nichts wirkliche Neues. Vor etwa 30 Jahren hat man ähnliche Überlegungen angestellt und zwar aus Sicherheitsgründen. Angeblich würden rückwärts fliegende Paxe bei Crash-Landungen eine höhere Überlebenschance haben. Die Pläne sind aber seinerzeit auch deshalb wieder in der Schublade verschwunden, weil Befragungen ergeben haben, dass Passagiere sich mit einem "Rückwärtsflug" nicht anfreunden würden. Im neuen A 380 kann man jedoch beim Streckenflug in den "Lounges" in allen Richtungen sitzend fliegen. Und in Transportmaschinen der Streitkräfte sitzt man z.B. seitlich zur Flugrichtung (z.B. C-160 Transall). Also, wahrlich nichts revolutionäres, was das vorgestellt wurde (aber wie immer gut für ein SpON-Forum).
RuleBritannia, 18.04.2007
4. Rueckwaertsiszten im Flugzeug
British Airways hat das Konzept seit mehreren Jahren in der World Club Class (Business Class) Die Haelfte der Sitze, die sich in 100% falchen 1.80 langen Betten verwandeln, sind nach hinten ausgerichtet. Bin damit oft geflogen und macht gar kein Unterschied, denn man will sich lang legen und schlafen. Ausserdem wird die Sicht zum Nachbarn mittels einer klappbaren Trenwand versperrt. http://msnbcmedia4.msn.com/j/msnbc/Components/Photos/070109/070109_firstClassFlight_hmed_11a.hmedium.jpg http://www.britishairways.com/travel/cwexp/public/en_gb Virgin Atlantic Business Class (Upper Class) sind die Sitze diagonal ausgerichtet, es sind mehr eigene Kabinen als Sitze, und man darf bei Landung und Start mit zurueckgelehntem Sitz, und Fuessen auf dem Fussablage/Besuschersitzt, sitzen. Man wird nur seitlich gezogen beim Bremsvorgang. http://www.virgin-atlantic.com/en/gb/whatsonboard/upperclass/cabin/index.jsp
stefgol 18.04.2007
5. Face to Face - Nein Danke!
Ich teile mir lieber die Armlehne mit jemandem, als während eines vielleicht Langstreckenfluges in den mehrstündiges Genuss zu kommen, einem mir wildfremden Menschen ins Gesicht zu starren. Im vollbesetzten ICE nehme ich jedenfalls lieber den Sitz im Großraumwagen, wo man hintereinander sitzt. Bein- und sonstige Freiheiten machen nur Spass, wo es kein Gegenüber gibt.
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