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17. Februar 2007, 12:03 Uhr

Neujahr in Vietnam

Schweine, Karpfen und ein Pfirsichbaum

Von David Frogier de Ponlevoy, Hanoi

Ganz Vietnam steht Kopf: Zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt wird an diesem Wochenende das Neujahrsfest Têt gefeiert. Wer sich in den Trubel stürzt, findet erstaunliche Parallelen zu Weihnachten - sogar Christbaumkugeln. Eher ungewöhnlich dagegen: Auch Tote feiern mit.

Der Weihnachtsbaum steht bei Familie Nguyen im Wohnzimmer. Man muss sich die roten Pfirsichblüten weg- und ein paar grüne Nadeln hinzudenken, aber der Pfirsichbaum mit seinen zahlreichen Anhängern, auf denen "Frohes Neues Jahr" steht, erinnert tatsächlich ein wenig an das Utensil in deutschen Weihnachtsstuben.

Farbenfroh muss es sein. Rot und orange sind die Farben des vietnamesischen Neujahrfests Têt. Pfirsich- oder Kumquatbäume im Norden, Aprikosen oder Mandarinen in Südvietnam. Auf den Straßen Hanois sind die Mopeds vor Têt mit Bäumen beladen, die mehrere Meter hoch sein können. Wenn es darum geht, scheinbar unmögliches Gepäck auf einem Moped zu transportieren, macht den Vietnamesen niemand etwas vor.

Plötzlich ist Platz - dank Têt

Der Vergleich mit Weihnachten wird beiden Festen allerdings nicht ganz gerecht. Aber er hilft Vietnam-Besuchern, die gerade zum unzähligen Male einen orangefarbenen Kumquat-Baum an sich vorbeiziehen sehen, mitten in einem Verkehr, der noch chaotischer, noch überlaufener ist, als während des Restes des Jahres, zu verstehen, in welcher Ausnahmesituation sie sich befinden. Têt ist nicht einfach nur Neujahr. Têt ist das höchste Fest des Jahres. Es ist Familienfeier und kollektiver Heimurlaub. Ein ganzes Land lebt in den Tagen zuvor darauf hin, um anschließend gemeinsam in einen Ruheschlaf zu fallen, der mehrere Wochen dauern kann.

Eine problematische Zeit für Touristen. Flüge nach und innerhalb Vietnams sind restlos ausgebucht, Museen geschlossen, niemand will arbeiten. Jeder fährt, fliegt nach Hause. Auch das Hausmädchen der Nguyens. Wie viele vietnamesische Mittelstandsfamilien, in denen beide Eltern arbeiten, beschäftigen Nguyens eine junge Frau, das sich um den Haushalt kümmert. "Wir wissen nicht, wann sie wiederkommt", sagt Mutter My Nguyen. "Macht nichts. Wir sind ja an Têt ohnehin zu Hause und können den Haushalt selbst schmeißen."

Neujahr ist Familienzeit. Für alle. Am Neujahrsmorgen hat sich die Innenstadt von Hanoi in eine Flaniermeile für Touristen verwandelt: Sie ist buchstäblich leergefegt. Kein Sonntag, kein Feiertag kann während des Jahres verhindern, dass sich durch die engen Gassen Mopeds und Menschen laut hupend quetschen, drängeln und schieben. Têt schafft das. Plötzlich ist Platz, die kleinen Verkaufsläden sind geschlossen. Gedränge herrscht nur rund um die Tempel und Pagoden der Stadt. Têt hat eine stark religiöse Komponente: Zum Start des neuen Jahres wird um Glück gebetet.

Essen, Familie und alles neu

Selbst die Straßenverkäufer scheinen zu ruhen. Ein paar Cyclo-Fahrer mit ihren Fahrradrikschas drehen ihre Runden: "Heute lässt sich mehr verdienen, weil alle Kollegen feiern", sagt der 41-jährige Lanh verschmitzt. Wer an den ersten Tagen des neuen Jahres arbeitet, schlägt außerdem einen Têt-Zuschlag drauf. Das gilt auch für Lebensmittel. My Nguyen hat deswegen am bereits am Donnerstag eingekauft. Für die nächsten drei Wochen. Man weiß ja nie. "Wir sollten uns einen neuen Kühlschrank kaufen", sagt sie stirnrunzelnd, als sie feststellt, dass zehn komplette Hähnchen nicht in das Eisfach passen. Andererseits reiche der derzeitige Kühlschrank eigentlich aus. Nur einmal im Jahr eben nicht. Essen ist wichtig an Têt.

Neu-Jahr wird in Vietnam wörtlich genommen: Alles wird neu. Die Kleidung, die Frisur, das Haus. Têt ist so gesehen ein großes Aufräum- und Putzfest. Aber nicht nur die Stube wird gereinigt, auch der Ahnenaltar. Der Glaube daran, dass die Vorfahren über die Familie wachen, ist die zentrale Religion der Vietnamesen, noch weit vor dem Buddhismus. Ein Ahnenaltar steht in jedem Haus. Am Abend vor Neujahr kocht Familie Nguyen erst ein Mehr-Gänge-Menü und trägt anschließend das beste Essen zwei Stockwerke nach oben, zum Altar - inklusive Schalen und Besteck. "Die Ahnen wollen auch essen", sagt My lächelnd. Etwa 15 Minuten später trägt die Familie feierlich das Essen wieder herunter, wärmt es auf und isst. Vietnamesen sind pragmatische Menschen.

Unzählige Traditionen ranken sich um das Neujahr: Der letzte Waschgang des Jahres, der erste Besucher des Jahres, alles verwandelt sich in symbolisch aufgeladene Ereignisse. Auch Putzen in den ersten Tagen des neuen Jahres ist tabu: Das Glück könnte hinausgefegt werden. Ein kompletter Baum im Haus ist dabei eine eher moderne Entwicklung, die auch zeigt, dass die Bevölkerung besser verdient. Für bis zu 250 Euro verkauft der 66-jährige Dac Kien auf dem Blumenmarkt in Hanoi seine Pfirsichbäume. Der Gärtner kommt damit auf umgerechnet 2000 bis 3000 Euro Jahresumsatz. Dieses Jahr aber ist Dac Kien nicht zufrieden mit dem Verkauf: Das Neujahr beginnt zu spät, die ersten heißen Tage haben in Nordvietnam bereits begonnen, und darunter leiden auch die Blüten. Das Datum des Neujahrs richtet sich nach einem lunisolaren Kalender, basiert also auf dem Mondmonat, passt sich aber mit Hilfe eines Schaltmonats dem westlichen Kalender an. Dadurch springt der Neujahrstag zwischen Januar und Februar hin und her. Wegen der unterschiedlichen Zeitzonen von China und Vietnam kommt etwa alle 25 Jahre vor, dass beide Neujahrstage nicht auf demselben Datum liegen. 2007 ist so ein Fall: Vietnam feiert am Samstag, China folgt erst am Sonntag.

Auf ins Jahr des goldenen Reichtumsschweins

Gleich sind aber die nach Jahren geordneten Tierkreiszeichen: Am 17. Februar beginnt in Vietnam "das Jahr des Schweins". Das Schwein steht für Gesundheit und Reichtum, und 2007, so sagen Astrologen, sei sogar das Jahr des "goldenen Schweins" - ein Ereignis, das nur alle 600 Jahre einträte. Demzufolge wird über einen Kinderboom in Asien spekuliert, denn ein Kind im Jahr des goldenen Reichtumsschweins, das kann ja nur Glück bedeuten. Zwischen vielen Plastikschweinchen und roten Glücksanhängern finden sich auf Hanois Märkten sogar Christbaumkugeln. Weihnachten lässt abermals grüßen.

Sogar der Karpfen taucht auf. Genauer: Er taucht ab. Bereits eine Woche vor dem Neujahrstag beginnen offiziell die Feierlichkeiten mit dem Tag der Küchenheiligen, denen zu Ehren man Fische ins Wasser lässt. Nun haben "Karpfen" und "Küche" auch nach deutschem Verständnis einiges miteinander zu tun. Die Wahrheit ist jedoch komplizierter: Die Küchenheiligen sind mythische Gestalten, die an diesem Tag im Himmel den Jahresbericht über die Familie präsentieren. Dafür brauchen sie ein Transportmittel - den Karpfen. Denn Karpfen, so weiß man hier, können sich in Drachen verwandeln.

Jede Familie pilgert also zum nächstgelegenen See, und setzt dort Fische aus. Manche würdevoll und bedächtig, andere werfen den Karpfen auch einfach in das Wasser. Alternative Varianten beinhalten stattdessen Papierfische oder anstatt eines Sees einen Topf mit Wasser. Darin wird der Fisch zu Hause "freigelassen" und anschließend der Topf auf den Herd gestellt. Essen ist wichtig an Têt, und Vietnamesen sind, wie gesagt, pragmatisch.

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