Spielzeug aus dem Odenwald Die Letzten der Gäulschesmacher

Ob traditionsreiches Holzspielzeug oder Weihnachtsschmuck, heute wird meist in Fernost gefertigt. Nur Ausnahmen bestätigen die Regel: Ein letzter Betrieb in Hessen produziert Schaukelpferde noch in Handarbeit.

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Es riecht nach frisch gesägtem Holz in der Werkstatt von Annette Krämer und Harald Boos. Ausgesägte Kufen, Köpfe und Körper künftiger Schaukelpferde liegen ordentlich gestapelt auf der Werkbank. "Bestellungen kommen heutzutage recht kurzfristig rein, da müssen wir flexibel sein", sagt Boos. 57 Jahre alt ist der "Gäulschesmacher" aus Reichelsheim im hessischen Odenwald. Er und seine Frau Annette sind in der Region die Letzten ihrer Art.

Früher gab es im Odenwald mehr als 20 Werkstätten, die Schaukelpferde hergestellt und verkauft haben. Gegen die niedrigen Kosten in der industriellen Fertigung und veränderte Spielgewohnheiten konnten die meisten nicht ankommen und gingen unter. Anders der 1899 gegründete Betrieb Holzspielwaren A. Krämer. Die Eheleute bauen Schaukelpferdchen - in der vierten Generation. Die Muster stammen noch vom Urgroßvater.

In einem Raum stehen zusammengebaute Pferde, Schimmelmuster und schwarze Mähne werden hier mit dem Pinsel aufgemalt. Die Holzpferde gibt es in neun Größen, das kleinste mit zehn Zentimetern, das größte mit 55 Zentimetern Stockmaß. Die Preise liegen zwischen 8 und 140 Euro. Das Spielzeugmuseum Singapur hat ein solches Pferd. Auch nach Japan zu Kaiser Akihito wurde ein Exemplar geliefert.

In der Werkstatt - zwischen Drechsel- und Sägemaschine - erkennt der Betrachter schnell, dass die Arbeit an Schaukelpferden keine triviale Angelegenheit ist. Trockenes und leichtes Pappelholz wird für die handgedrechselten Körper verbaut; die Pferde sollen nicht zu schwer werden. Festes Buchenholz wird für Beine und Kufen benötigt, aus Kieferholz fertigt Boos den Kopf des kleinen Gauls an.

Einfach ist das Geschäft nicht. Flugdrohnen, Spielkonsolen oder Hoverboards sind in diesem Jahr angesagt. Wer also kauft ein Schaukelpferd im Jahr 2016?

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Odenwald: Der letzte Schaukelpferdmacher

"Es gibt viele Eltern, die Vorteile in einem solchen Spielzeug sehen", sagt Boos, der früher einmal in der IT-Branche gearbeitet hat. Ein Vorteil sei, dass Kinder mit einem solchen Spielzeug ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Bei Computerspielen etwa sei vieles vorgegeben. Wenn Kinder hingegen auf eigene Ideen kämen, bringe das die übliche Routine durcheinander. Das sei gut für die Entwicklung, sagt Boos. "Manche Kinder bringen das Schaukelpferd am Abend ins Bett und decken es zu. Warum auch nicht?"

Wolfgang Schühle, Vorsitzender der Fachgruppe Holzspielzeug im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie, sagt, viele Eltern entdeckten die Qualität von Holzspielzeugen neu. "Solide verarbeitetes Holz ist ein nachhaltiger Werkstoff, der oftmals von Generation zu Generation weitergegeben wird", sagt Schühle, der auch Geschäftsführer des Spielwarenunternehmens "Margarete Ostheimer" in der baden-württembergischen Gemeinde Zell unter Aichelberg ist.

Schühle rechnet in seinem Unternehmen mit einem Umsatzplus von fünf bis sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. "Ich habe mich mit Kollegen unterhalten und gehe davon aus, dass es vielen Herstellern von Holzspielzeug ähnlich geht", sagt er. Allgemeine Zahlen gebe es nicht, da Holzspielzeug aus einem Materialmix bestehe. Die Hersteller würden folglich nicht als gesonderte Branche aufgeführt.

Um die Pferdchen in einem halbwegs akzeptablen Kostenrahmen herzustellen, arbeitet das Ehepaar aus Reichelsheim Hand in Hand. Angestellte gibt es nicht. "Wir sind relativ anspruchslos und können damit leben, dass es auf und ab geht", sagt Boos. Es sei einfach schön, als "Gäulschesmacher" zu arbeiten. Darin ist sich das Paar einig. "Es gibt eben Zeiten, da muss man den Gürtel enger schnallen", sagt Annette Krämer. Bessert sich die Auftragslage wieder - etwa vor Weihnachten - dann könne man sich wieder mehr leisten.

Stephen Wolf, dpa

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