Ölkrise Bye-bye, Billigflieger

Die extremen Spritpreise sind Gift für die Fluggesellschaften, jetzt sind die Konzerne auf kreative Ideen angewiesen: Manche lassen ihre Jets langsamer fliegen, andere erfinden immer neue Zusatzgebühren für Passagiere.


Die Spritpreise steigen und steigen - und die Fluggesellschaften geben das direkt an ihre Kunden weiter: Jeder Koffer kostet seit dieser Woche beim Billigflieger Germanwings extra: "Damit soll angesichts der Rekordölpreise das Gesamtgewicht der Flugzeuge verringert werden und der Kerosinverbrauch sinken", heißt es beim Billigflieger aus Köln/Bonn, der in seiner Gebührenstrategie der irischen Fluggesellschaft Ryanair folgt. Auch viele andere Airlines erfinden angesichts der explodierenden Spritpreise Extraeinnahmequellen: TUIfly verlangt 25 Euro für die Reservierung eines Sitzes am Notausgang mit mehr Beinfreiheit. Und Lufthansa hat erst Mitte Mai erneut die Kerosinzuschläge erhöht.

Germanwings und TUIfly: "Die Margen sind sehr gering"
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Germanwings und TUIfly: "Die Margen sind sehr gering"

Das Geschäftsmodell vor allem der Billigflieger wie TUIfly, aber auch Air Berlin gerät durch die extremen Spritpreise ins Wanken. "Deren Margen sind ohnehin schon sehr gering, und die Kerosinzuschläge allein sorgen da auch oft nicht für genügend Einnahmen", sagt Luftfahrt-Analyst Jürgen Pieper vom Frankfurter Bankhaus Metzler zu SPIEGEL ONLINE.

Zumal diese Sprit-Aufschläge nicht beliebig erhöht werden können, "die meist privat reisenden Kunden der Billiganbieter sind sehr viel preissensibler als die oft geschäftlich fliegenden Passagiere von Liniengesellschaften", sagt Pieper. Da griffen die Airline-Manager lieber zu Maßnahmen wie der Germanwings-Koffergebühr, "das erhöht scheinbar die Entscheidungsfreiheit für den Kunden, ist tatsächlich aber eine verkappte Preiserhöhung", so Pieper.

Billigflieger sind nicht gut abgesichert

Eines der Hauptprobleme der Billigflieger im Vergleich zu großen Liniengesellschaften ist, dass sie sich im geringeren Maße vor den Folgen bei Ölpreisschwankungen schützen, etwa durch Kurssicherungsgeschäfte und Terminkontrakte, dem sogenannten Hedging. Die Lufthansa etwa beschäftigt dafür eine ganze Abteilung von Spezialisten. "Wir sind aktuell zu rund 85 Prozent beim Sprit preislich abgesichert", sagt Lufthansa-Sprecherin Stefanie Stotz.

"Das ist ein guter Wert", meint Analyst Jürgen Pieper, die Absicherung liege bei Liniengesellschaften üblicherweise zwischen 80 und 100 Prozent, "das verschafft ihnen mehr Planungssicherheit, während Billigflieger da sparen und meist bei Absicherungen von unter 50 Prozent liegen", so Pieper. Die aktuellen Maßnahmen zur Einführung diverser Extra-Gebühren gerade bei Billigfliegern "ist ein Ausdruck der Not, in der viele von ihnen deshalb jetzt kommen".

Während die Lufthansa betont, eine Erhöhung der Kerosinzuschläge sei aktuell ebensowenig geplant wie die Einführung zusätzlicher Gebühren wie etwa beim Gepäck, prophezeit Analyst Jürgen Pieper den Kunden von Billigairlines weiteres Ungemach: "Die Passagiere können sich schon mal darauf einstellen, dass denen noch weitere Dinge einfallen, für die sie extra zur Kasse bitten können."

Fluggesellschaften werden erfinderisch, wenn es darum geht, Sprit zu sparen. So hat die skandinavische SAS in dieser Woche angekündigt, mit nur noch rund 780 km/h als bisher mit 860 km/h langsamer zu fliegen. Bereits seit 2006 wurde das Verfahren in Norwegen getestet und hat seitdem bereits zu Einsparungen von zwölf Millionen Dollar geführt, teilte SAS mit.

Ein 360 Kilometer langer Flug zwischen Oslo und Bergen hätte mit der geringeren Geschwindigkeit 130 Kilo Kerosin und 420 Kilo CO2 eingespart und nur drei Minuten länger gedauert, von Oslo nach Paris oder London dauere der Flug nun etwa zehn Minuten länger. Zum Ausgleich bemühe sich SAS, früher loszufliegen, wenn alle Passagiere rechtzeitig an Bord seien. Außerdem werde am Boden nur noch mit einem laufenden Triebwerk gerollt.

Swiss spart mit leichteren Sitzen

Auch Brussels Airlines hatte vor einem Monat angekündigt, nach hundert Wegen zu suchen, um effizienter zu fliegen. Die 30 in Europa eingesetzten Avro-Jets sollen 10 km/h langsamer unterwegs sein und dabei im Jahr eine Million Euro einsparen, außerdem würden sie weniger Wasser an Bord nehmen, so die belgische Gesellschaft. Swiss hat in dieser Woche neue Business-Class-Sitze für ihre Langstreckenflotte vorgestellt, die ab Frühjahr 2009 angeboten werden. "Der neue Sitz ist jeweils vier Kilogramm leichter als sein Vorgänger, damit wollen wir jährlich über 650 Tonnen Kerosin einsparen", sagte Swiss-Chef Christoph Franz in Zürich.

British Airways (BA) und Finnair planen, im kommenden Winter Teile ihrer Flotten stillzulegen. "Sie können damit rechnen, dass wir das im Winter machen", sagte BA-Chef Willie Walsh jetzt der "Sunday Times". Betroffen sein werden nach seinen Worten die ältesten Flugzeuge mit dem größten Verbrauch, die Boeing-Muster 737, 767 und 747.

USA: "Absolutes Chaos an Ticketschaltern"

Noch viel drastischere Maßnahmen allerdings müssen US-Airlines ergreifen. Im Gegensatz zu den Europäern, die den hohen Ölpreis durch den starken Euro noch abfedern können, schlägt der Anstieg in Nordamerika direkt auf die Bilanzen durch. Und die US-Fluggesellschaften sind dem Problem auch noch erheblich stärker ausgeliefert, weil sie über viel ältere und ineffizientere Flugzeuge verfügen als die europäische Konkurrenz.

American Airlines will jetzt 75 Maschinen stilllegen, darunter vor allem die bis zu 24 Jahre alten Zweistrahler der Reihe MD-82- und -83. Gleichzeitig wird American ab 15. Juni bereits für das erste aufgegebene Gepäckstück 15 Dollar berechnen und für das zweite wie bisher schon 25 Dollar verlangen. Ausgenommen davon sind Reisende auf internationalen Strecken sowie Kunden mit teureren Tickets.

"Ich erwarte, dass die anderen großen Gesellschaften dem mit Lichtgeschwindigkeit folgen werden", sagt Joe Brancatelli, Herausgeber eines Newsletters für Vielflieger, "und, ehrlich gesagt, erwarte ich, dass das zu absolutem Chaos an den Ticketschaltern im ganzen Land führen wird."

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Hercules Rockefeller, 23.05.2008
1. Keine Panik
Als Expertenexperte der Bundesregierung ehrenhalber sage ich Ihnen, nix davon, was im Artikel steht wird so eintreten. Was die Möchtegernexperten nämlich völlig ausser Acht lassen ist, dass es durchaus nicht beim Status Quo bleiben muss und die ein oder andere bahnbrechende Efindung im Energiegewinnungsbereich anfallen könnte. Die Solartechbranche ist doch nur eine Bastelgruppe für Ökogören, keine relevante Energietechnik. Da werden noch andere Dinge hinzukommen. Auch das Auto wird sich noch auf Jahrzehnte jeder leisten können, és wird nur weniger gefahren. Ganz aufgegeben werden muss da garnix, alleine weil bei sehr vielen der Arbeitgeber zuschießen wird-andernfalls fahren die Arbeitskräfte eben bei der Konkurrenz auf den Hof. Alle können nicht in der Stadt wohnen. Mieten werden steigen, aber nicht explodieren. Der Markt macht den Preis. Und da die Leute nicht mehr verdienen, kann man sich dann als Vermieter aussuchen, ob man die Immobilie leer haben will oder wenigstens so vermietet, das man nahe Null bei den Kosten wieder rauskommt. Immobilien taugen schon heute nicht mehr als Anlage, das wird sich nicht mehr ändern und hat mit der Energieproblematik so garnix zu tun. Wärmepumpenpreise werden auch nicht explodieren. Glauben die Experten wirklich, ein ganzes Volk würde lieber erfrieren, als einfach ein Patent zu brechen? Selber machen geht immer und das wird auch passieren. Bis zu einem gewissen Grad kann man den Preis hochdrehen, danach wird man selber höher gehängt! Und so weiter... Im Gegenteil, es wird schön werden. Regionale Wirtschaft wird aufblühen, Verkehr wird zurückgehen und damit die Ruhe und Entspannung, es wird mehr miteinander geben und das Wetter wird endlich auch wärmer in Deutschland. Wir gewinnen auf der ganzen Linie!
apira 23.05.2008
2.
Zitat von sysopDer Ölpreis steigt und steigt, und trotz wachsender Nachfrage kommen die Konzerne bei der Förderung nicht hinterher. Geht das fossile Zeitalter zu Ende? Und wenn ja: Was heißt das für Deutschland?
Es ist toll. Ökonomen und pragmatische Umweltpolitiker erzählen das seit 20 Jahren, aber auf einmal ists für alle ne große Überraschung. Wurden Befürworter einer Ökosteuer einst verlacht, dringt die Erkenntnis heute in den letzten Winkel vor, dass ein vernünftiges Modell einer solchen Abgabe die Zukunft sichert, während ich die großen Verschwender untergehen sehe. Klar, über kurz oder lang wird der Markt sich auf die veränderte Situation einstellen, und sich anpassen. Gewinnen werden aber diejenigen, die heute die Rahmenbedingungen des Marktes vorausschauend setzen. Entsprechend halte ich Ideen, gerade jetzt mit einer staatlichen Senkung der Energiepreise zu reagieren für den ganz falschen Ansatz. In diesen sauren Apfel werden wir beissen müssen, wenn unsere Gesellschaft verhältnismäßig weich landen will.
Eiermann 23.05.2008
3. Steigende Ölnachfrage aus Schwellenländern
Zwischen beidem muß kein Gegensatz bestehen. Die Unterschiede der Schwellenländer zu den etablierten Industrieländern sind natürlich insgesamt nach wie vor gewaltig. Was daran liegt, dass der beschleunigte Aufstieg dieser Länder gerade erst ein, zwei Jahrzehnte währt. Sie heißen schließlich nicht umsonst Schwellenländer. Was China angeht, habe ich neulich glaube ich sogar in einer Fernsehsendung von einem Rückgang oder gar Umkehr dieses Auswanderungsdrangs von Studenten gehört. Also dass chinesische Studenten, die im Ausland studieren, bereits viel weniger als früher im Ausland bleiben wollen, sondern viel bereitwilliger wieder nach China zurückkehren. Die nach wie vor bestehenden großen Unterschiede zwischen Schwellen- und Indusstrieländern ändern nichts daran, dass mit der Globalisierung neue große ökonomische Player auf den Weltmarkt getreten sind, die mit China, Indien und weiteren asiatischen Ländern bereits ganze Industrien aus den bisherigen Industrieländern abziehen und als zusätzliche ökonomische Akteure und Konsumenten entsprechend mehr Energie, darunter Öl verbrauchen. Ein zur Neige gehender Rohstoff führt zum Ausschluß von immer mehr Konsum und Konsumenten dieses Rohstoffs über steigende Preise. Um so mehr, wenn keine gleichwertigen Alternativen bereitstehen. Die millionenfach steigende Nachfrage aus den Schwellenländern stößt hier schlicht an physische Grenzen eines nur begrenzt vorhandenen Rohstoffs. Weil das Öl von immer mehr Produzenten und Konsumenten nachgefragt wird, wird diese Nachfrage logisch einer immer größer werdenden Zahl dieser Nachfrager über steigende Preise verwehrt. Naheliegend auch, dass das die Konsumenten mit geringeren Einkommen in eben jenen Schwellenländern zuerst trifft. Die Globaliserung mit Hunderten Millionen neuen Produzenten und Konsumenten stößt hier auf den Flaschenhals einer nur begrenzt vorhandenen und förderbaren Energieflüssigkeit und deshalb steigen die Preise entsprechend. Es kommt halt nur raus aus der Pulle, was drin ist und durch kommt. Was soll sich denn bei der stetig steigenden Nachfrage nach einem zu Ende gehenden Rohstoff zum Besseren ändern? Das finde ich lustig, wenn ich Öl- und Wirtschaftsexperten nur von Gefahren für die Konjunktur reden höre, sollte der Ölpreis länger als ein halbes Jahr so hoch bleibt wie jetzt. Ich fürchte, in einem halben Jahr ist er angesichts dieser Konstellationen noch viel höher als jetzt. Beunruhigend finde ich zumindest, dass diese reale Möglichkeit von den Experten noch kaum ins Auge gefasst wird.
Triakel 23.05.2008
4.
Ja, die Verfügbarkeit von Öl auf dem Weltmarkt wird jedes Jahr deutlich zurückgehen, mit steigenden Rückgangsraten. Währenddessen gilt für ein paar Förderländer noch business as usual, denn die haben noch für wenige Jahrzehnte genug Öl zum Verschwenden. Wir als eines der vielen Habenichts-Länder werden vermutlich 2030 kaum noch Öl importieren können. Etwas zeitversetzt wird dann auch der Import von Erdgas einbrechen, beginnend mit dem Ende der nächsten Dekade. In der Folge wird auch die Kohle sich stark verteuern. Folgen: geschlossene Theater, die die Heizkosten nicht mehr bezahlen können, kalte Wohnungen von Menschen bis in den Normalverdiener-Bereich hinein, drastisch zurückgehende Mobilität, Zusammenbruch vieler industrieller Wertschöpfungsketten, die besonders stark auf Öl basieren, drastischer Rückgang des Tourismus mit Insolvenz vieler Tourismus-Einrichtungen, erheblicher Rückgang des Steueraufkommens, was praktisch einem Staatsbankrott gleichkommt. Das wiederum bewirkt einen Niedergang der staatlich finanzierten Infrastruktur, der sozialen Transferleistungen (z.B. Renten) usw. Nun ja, ich möchte keinen Roman schreiben. Die detail-Auswirkungen soll sich jeder selbst ausmalen. Aber vielleicht naht von irgendwoher die Rettung und irgendjemand stellt uns in 10 Jahren eine kompltte Solar-Infrastruktur hin, die wir eigentlich in den letzten 40 Jahren hätten errichten müssen. Inklusive der Lösung des Speicherungsproblems für Solarstrom. Dann sind wir fein raus...
slugs, 23.05.2008
5.
Zitat von sysopDer Ölpreis steigt und steigt, und trotz wachsender Nachfrage kommen die Konzerne bei der Förderung nicht hinterher. Geht das fossile Zeitalter zu Ende? Und wenn ja: Was heißt das für Deutschland?
Ist doch toll. Not macht erfinderisch. Das hat für uns Menschen schon immer gegolten. Also soll die Panikmache ruhig weiter ausgebaut werden, dann werden wir auch schneller innovativ :)
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