Oman Duftfabrik de luxe

Oman ist denkbar einfach zu bereisen: immer der Nase nach. Dann trifft man Menschen, die ihr Geschäft mit betörenden Düften machen. Ein Besuch bei Rosenzüchtern und Weihrauchbauern.

Wolfgang Veit

Von Wolfgang Veit


Tarposh - so heißt die kleine Kordel an der schneeweißen Dishdasha, der omanischen Männertracht. Der Tarposh mag winzig sein. Doch für den Omaner ist er mindestens so wichtig wie der Landcruiser hinterm Haus. Nach Sonnenaufgang taucht er die Quaste in einen Flakon mit seinem Lieblingsduft - ob Sandelholz oder Oudh, Rosenwasser oder Al-Hojari-Weihrauchöl. Die Düfte begleiten die Omaner auf dem Weg zur Arbeit, in die Mittagspause und den Feierabend. Und zwar jeden: vom Bankberater in Maskat über den Autovermieter in Salalah bis zum Hotelmanager in Nizwa.

Im April ist Rosenernte in Oman. Und so führt der Weg von der Hauptstadt Maskat aus viele Serpentinen hinauf zu Nasser Abdullah Issa al Amri. "Al-Amri", also "vom echten Amri-Stamm", wie der 78-Jährige stolz betont. Stolz, weil ohne die fünf Clans der Al-Amri nichts geht hier im Ort Sayq , das wie ein Schwalbennest an den Felsterrassen des zweitausend Meter hohen Plateaus Jabal Akhdar klebt.

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Rosenwasser und Weihrauch: Dufte Reise durch Oman

Seit Menschengedenken gehört den Amri jenes fruchtbare Land, auf dem die süßlich duftenden Damaszener Rosen im kühlen Klima prächtig wachsen.

Al-Ammu Nasser, "Onkel Nasser", wie ihn hier oben alle liebevoll nennen, schwenkt die Arme mit ausladenden Gesten, wenn er erklärt, wie er gerade in seinem selbst gebauten Steinofen Rosenwasser destilliert: drei Handvoll Rosenblätter pro Metall-Destille, zwei Liter Wasser hinzugeben, sechs Stunden aufkochen. Und dann tropft es vom gekühlten Metall in einen Behälter.

Fertig ist das Rosenwasser, das Omans berühmte Luxusmarke Amouage für die Düfte "Rose" oder "Blossom Love" verwendet - ein Flakon ist für 250 bis 300 Euro erhältlich. Auch kleinere Parfümerie wie Lootah und Duftwerkstätten wie Juanid und D&P Perfumes kaufen bei Al-Ammu Nasser ein.

Rosenwasser auf dem Souk

Am liebsten sieht er morgens nach seinen Feldern in Al Shiraja, einem der drei Ortsteile von Sayq. Während er zeigt, wie man Daumen und Zeigefinger gekonnt zur Gartenschere umfunktioniert und mühelos die Blüten abknipst - eigentlich eine Arbeit, die die Frauen erledigen -, gerät er ins Grübeln. Die Zeiten würden schwieriger in Oman.

Er verdient zwar mit seinen rund tausend Litern Rosenwasser pro Saison mehr als 5000 omanische Rial (umgerechnet rund 12.500 Euro). Aber was, wenn die Regierung unter König Sultan Qaboos ibn Said tatsächlich die angedrohte Mehrwertsteuer einführt? Oder die Taxe auf Tabak, die das Rauchen um 200 Prozent verteuern wird? Wenn die Benzinpreise weiter explodieren? "Inschallah". Wer weiß schon, was wird.

Doch spätestens mittags - es gibt Datteln und Orangen zum Dessert - sind die Sorgen verflogen. Beim gemeinsamen Essen mit seinen Söhnen und den Männern des Dorfes bilanziert Al-Ammu Nasser: 60 Kilogramm Tagesernte. Und seine Erwartungen fürs Frühjahr sind groß.

Nasser ist nicht nur Rosenbauer, sondern hat auch ein Amt, das vergleichbar ist mit dem des Bürgermeisters: Er ist Wakir und damit für die quellengespeisten Aini-Aflaj-Bewässserungskanäle zuständig. Diese bedient er nach einem speziellen System. Frühmorgens und spätabends öffnet er die Schleusen des Staubeckens oben an den Bergen, um alle Felder der 15 Rosenbauern im Jabal Akhdar-Gebiet kontrolliert zu fluten - über Falaj, betonierte Wasserkanäle, die zu den jeweiligen Beeten führen.

Wenn die Wasserröhren gut funktionieren, liefern die Bauern jedes Jahr mehr als 10.000 Literflaschen Rosenwasser nach Maskat. Auf dem dortigen Souk wird es dann zu Höchstpreisen an Besucher aus Qatar und den Vereinigten Emiraten verkauft.

250 Euro für ein Kilogramm Weihrauch

Viel Geld zahlen die Kunden auch für Al-Hojari, den berühmten omanischen Weihrauch aus der Tropenprovinz Dhofar an der Grenze zum Jemen. Im April, kurz vor Beginn der Erntezeit, ist der Andrang im ältesten Weihrauchladen des Landes so groß, dass Besitzer Faisal Abdul Qawi Al Yafai seine drei Brüder zur Hilfe holen muss. Die Kunden kommen von der ganzen Arabischen Halbinsel in das Geschäft in der Provinzhauptstadt Salalah.

80 oder 100 Omanische Rial pro Kilo, umgerechnet mehr als 250 Euro, das sei selbst beim Resteverkauf mühelos drin, sagt der Geschäftsmann. Die meisten Omaner lassen pro Monat bis zu zwei Kilogramm des Boswellia-Sacra-Harzes in duftenden Rauch aufgehen. Der Weihrauchhandel ist - neben dem Tourismus - ein extrem wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region. Und für Mohammed Musallam.

Der 65-jährige Bauer lebt in Sadah, einer Stadt in dem Weihrauchanbaugebiet, das die Unesco im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe ernannte. Musallam hat schon sein Munchaf, sein Erntemesser, geschärft. Und natürlich darf, wie seit 57 Jahren, seine Stoffmütze nicht fehlen, denn "ohne Mütze wird die Ernte nicht gut".

Lieber Jeep-Tour statt Harz-Ernte

An diesem Tag im April wird Mohammed die Bäume "markieren" - ein großer Moment in jeder Saison. Es gilt, die Borke des Boswellia-Sacra-Baums vorsichtig anzuritzen, damit an der Stelle das kostbare Harz austreten kann. Schneidet Musallam zu tief, kann die Borke nicht mehr nachwachsen, der Baum trocknet aus.

Läuft alles wie geplant, kann das Harz nach 25 Tagen Trocknung vom Baum genommen werden - und das Prozedere beginnt von vorne. Bis zu zwei Kilogramm erhofft sich Musallam dieses Jahr pro Baum bis zum Beginn der Regenzeit Ende Juni.

Das Geschäft läuft gut, doch Musallam macht sich Sorgen um die Zukunft seines jahrhundertealten Betriebs. Ob wohl einer seiner Söhne eines Tages übernehmen möchte? Der Bauer schiebt seine Mütze auf die Stirn und winkt ab. Viel lieber wollen die Jungen "mit ihren Jeeps für Touristen durch die Rub-al-Khali-Wüste rasen", sagt er, "oder studieren".

Musallam muss ohnehin umdenken. Der Klimawandel ist längst in Oman angekommen und die Bäume müssen immer tiefer wurzeln, um noch an Grundwasseradern in den Wadis zu gelangen. Die Ernte wird mühsamer. Außerdem würden Schmuggler aus dem Sudan den Markt mit ihrer Ware verderben und Diebe nachts den Luxusweihrauch stehlen, der in Oman Luban genannt wird. "Dem Luban gehört meine Liebe, inschallah", sagt Musallam. "Aber um überleben zu können, dafür züchte ich Kamele."



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eunegin 03.06.2019
1. Oman. Vorbild für die Region.
Anders als in sämtlichen Nachbarländern kann man im Oman sehen, wie man auch in dieser Region maßvoll einen Staat führen kann und die Menschen ein gutes Leben führen. Die große Ausnahme.
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