Online-Touristik Suchen statt Buchen

Das Internet ist für die Reisebranche bislang ein Minusgeschäft. Sämtliche großen Online-Reisebüros vom amerikanischen Weltmarktführer Travelocity.com bis zu Travel24.com in München schrieben 2000 Verluste.


Hannover - Die anfängliche Internet-Euphorie der Branche ist vorbei. Dennoch hat das Internet den Reisemarkt erobert. Fast alle großen Fluggesellschaften und Veranstalter sind präsent und schmieden Internet-Bündnisse. Die Reiseanbieter arbeiten schon an einem weiteren neuen Vertriebskanal: dem Reisefernsehen. Damit ist der rasante Umbruch im Reisevertrieb wie schon im Vorjahr wieder ein zentrales Thema der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) Anfang März in Berlin.

Die von manchen schon totgesagten Reisebüros entdecken mit gewisser Verspätung das Internet zunehmend als Chance. Denn vorerst verhalten sich die meisten Online-Surfer nach Ansicht von Tourismusforschern noch nach der Devise "Suchen statt Buchen". "Bislang spielt das Internet bei Reisebuchungen noch eine untergeordnete Rolle", sagt Martin Lohmann, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Tourismusforschung Nordeuropa (N.I.T.) in Kiel. "Es gibt hohe Zuwachsraten, aber auf einem niedrigen Niveau."

Professor Karlheinz Wöhler vom Institut für Freizeitforschung der Universität Lüneburg geht davon aus, dass künftig weiterhin vielfach "offline" gebucht wird, das Online-Angebot aber dafür die Voraussetzung ist. "Altes und Neues schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich."

Bisweilen begnügten sich die großen Veranstalter für 2000 mit Online-Umsätzen von weniger als einem Prozent ihres Gesamtumsatzes. Mit 50 Millionen Mark im ersten Jahr bei einem Deutschland-Umsatz von 8,3 Milliarden Mark ist man bei Europas größtem Veranstalter, der Preussag-Tochter TUI, "äußerst zufrieden".

"In fünf Jahren sollen sechs bis acht Prozent online gebucht werden", sagt TUI-Sprecherin Julia Zur Weihen. "Die allgemein übergroße Euphorie hat sich wohl gelegt." Der inzwischen ebenfalls zu Preussag gehörende britische Reisekonzern Thomson Travel vermeldet immerhin in Skandinavien eine Onlinequote von bis zu 20 Prozent.

Bei der Konkurrenz von C&N, der Touristiktochter von Karstadt und Lufthansa, in Oberursel brachte das Internet im vergangenen Jahr 25 Millionen Mark Umsatz ein. Mehr hatte C&N-Chef Stefan Pichler auch nicht angekündigt. "2005 sollten es dann aber doch schon rund zehn Prozent sein", sagt C&N-Sprecherin Kerstin Heinen.

Im Online-Geschäft gilt noch "Suchen statt Buchen"

Im Online-Geschäft gilt noch "Suchen statt Buchen"

Basis für diese Pläne sind nicht zuletzt zahllose optimistische Studien zum Online-Reisemarkt. So glauben die Marktforscher des US-Instituts PhoCusWright in ihrer im Januar veröffentlichten Untersuchung, dass der Online-Reisemarkt in Europa von 2,9 Milliarden Dollar in 2000 schon bis 2002 auf 10,9 Milliarden Dollar empor schnellen werde. Den Hauptanteil am Online-Geschäft machen bei TUI und C&N allerdings einfach zu buchende Flugtickets aus.

Lufthansa meldet für 2000 eine Verdoppelung seiner Online-Buchungen und will sein Angebot nach Angaben eines Sprechers ausweiten. Das bereitet den traditionellen Reisebüros allerdings kaum Sorgen.

"Hier sind die Provisionen gering, und die Ticketgebühren haben uns vor allem Ärger eingebracht", sagt Detlev Koch vom Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter-Verband (DRV) und Inhaber einer Reisebürokette in Berlin. "Natürlich müssen sich die Reisebüros dem Internet stellen." Auf 30 bis 40 Prozent schätzt Koch inzwischen den Anteil der Reisebüros, die im Internet präsent sind - Tendenz steigend.

Laut PhoCusWright-Studie kontrollieren Fluggesellschaften und Reiseveranstalter in Europa 53 Prozent der Websites, die reinen Online-Reiseagenturen rund 26 Prozent. Inzwischen gehen die defizitären Online-Anbieter Kooperationen mit alten Marktgrößen ein: Der britische Online-Händler Lastminute.com, dessen Aktienkurs nach furiosem Börsenstart vor einem Jahr auf ein Zehntel geschmolzen ist, kooperiert mit dem kürzlich von C&N übernommenen britischen Reiseanbieter Thomas Cook.

Die am Neuen Markt abgestürzte Travel24.com plant mit der Lufthansa Systems ein Joint Venture. Für einen Durchbruch der Online-Buchung sollen die geplanten großen Gemeinschaftsprojekte sorgen. Lufthansa bereitet mit acht anderen europäischen Airlines eine paneuropäische Plattform vor.

T-Online plant zusammen mit TUI und C&N ein Reiseportal. Doch nicht alle gehen diesen Weg. Hans Reischl, Chef des Handelskonzerns Rewe, setzt mit seiner zur Nummer drei in Deutschland aufgestiegenen Touristiksparte gleich auf das Reisefernsehen und kooperiert mit dem Sender TM3.

Auch andere, wie C&N und TUI, sind schon oder gehen bald auf Sendung. "Aber Internet und TV werden den Reisebüros nicht den Garaus machen", sagt N.I.T-Leiter Lohmann. Denn bei Urlaubsreisen bleibe persönliche Beratung wichtig. Doch sicher sei auch, dass wohl kaum alle Reisebüros den Wandel überleben würden.



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