Onsen-Bäder Kaffeeklatsch auf Japanisch

Schon lange bevor das Wort "Wellness" in jedem Hotelprospekt stand, wussten die Japaner, was der Körper zur Entspannung braucht. Das beweisen Thermalbäder wie das Dogo Onsen - ein Refugium der Stille ist die älteste heiße Quelle des Landes allerdings nicht.


Matsuyama - Im Mönch-Outfit enteilen die Touristen im Morgengrauen ihren Hotels. Sie sind in Yukatas genannte dünne Baumwollkimonos gehüllt, tragen Badeschlappen an den Füßen und in den Händen kleine Körbe, in denen sich das Nötigste verbirgt. Jedes Hotel besitzt eigene, unverwechselbare Yukatas. Sie sind wild gemustert oder in dezent gedeckten Farben, so dass es aussieht, als gehörten die Träger gegnerischen Mannschaften an. Dabei machen sich alle bloß auf den Weg zum Gemeinschaftsbad - ins Thermalbad Dogo Onsen, Japans älteste heiße Quelle, die in Matsuyama auf der Insel Shikoku liegt.

Das 1894 gebaute Badehaus ist ein prächtig geschwungener dreistöckiger Holzbau mit einer geknickten Trauerweide davor. Den ganzen Tag über stehen die Besucher in Trauben vor dem Eingang, fotografieren sich und stehen für Eintrittskarten an. Für den Fremden ist das System nicht ganz leicht zu durchschauen. Das Personal spricht wenig Englisch, und die Verständigung erfolgt mit Händen und Augen. Dennoch sollte man sich nicht abschrecken lassen - der Besuch eines Onsen-Bades gehört unbedingt zu einem Japan-Aufenthalt dazu.

In den traditionellen Unterkünften, Ryokans genannt, sind die Bäder ein Teil der Standardausstattung. In diesen Gasthöfen empfängt einen Japan, wie es die Klischees erwarten lassen: Die Zimmer sind mit traditionellen Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt, die Schuhe auszuziehen ist also Pflicht. In der Mitte steht ein niedriger Tisch; in einer Vase prangt eine üppig duftende orangefarbene Lilie, und Reispapiertüren trennen die einzelnen Örtlichkeiten. Alles zusammen ist ein lichter, schlichter Raum.

Wer zum ersten Mal zu Gast ist, fragt sich aber, wo um Himmels Willen sich in dieser eleganten Aufgeräumtheit das Bett versteckt. Während man noch befürchtet, sich auf die kratzigen Matten betten zu müssen, liegt am Abend dann aber ein - wie von Geisterhand dorthin gezauberter - Futon einladend bereit.

Origami-Kranich im Bad

Die japanische Liebe fürs Detail und Wertschätzung fürs Dekorative kann man auch in einem solchen Hotelzimmer bewundern. So sitzt im Bad auf einer Ablage ein in bezaubernder Origami-Fingerfertigkeit aus Papier gefalteter Mini-Kranich. Das Personal ist von ausgesuchter Höflichkeit, auch wenn es immer wieder Schwierigkeiten mit der Verständigung gibt.

Die Onsen-Bäder gibt es in vielen Formen: klein und eng oder großzügig, schäbig oder elegant, mit berauschenden Blicken in die Natur oder von Mauern umgeben. In den meisten baden Frauen und Männer getrennt voneinander. Das Wasser ist mindestens 40 Grad heiß, und die wichtigste Vorschrift lautet: sich ausgiebig zu waschen, bevor man ins Wasser gleitet. Rund um das Becken befinden sich Waschplätze mit Spiegeln. Auf Hockern, die für Kinder gemacht scheinen, nimmt man Platz und beobachtet verstohlen die Einheimischen bei ihrem Tun.

Und die schrubben sich, als wollten sie sich das letzte bisschen Farbe vom Körper reiben: von den Zehen bis zu den Ohrenspitzen. Sie putzen ihre Gesichter, waschen sich die Haare und wenden sich jedem noch so kleinen Teil ihrer Körper zu, als hätten sie alle Zeit der Welt. Und erst nach einer geraumen Weile steigen sie dann ins Wasser, setzen sich hinein, häufig in Gruppen - Kaffeeklatsch auf Japanisch.

Im Dogo Onsen in Matsuyama ist das Bad am Abend ein überfüllter Ort, wo sich vom Kleinkind bis zum Greis alles trifft. Es ist so laut, dass sich Entspannung erst gar nicht einstellt. In anderen Bädern aber herrscht himmlische Ruhe. Besonders schön ist es, wenn sich ein Außenbereich anschließt, man beim Baden hinausschauen kann auf sich im Wind wiegende Bambusbäume und sich die Gäste nach dem Bad an der frischen Luft abkühlen dürfen.



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