Züge und Flüge Orkan legt Verkehr im Norden lahm

Verkehrschaos im Norden: Der gesamte Bahnverkehr wurde wegen des Orkantiefs "Christian" eingestellt. Züge standen vor umgestürzten Bäumen auf freier Strecke. Auch am Dienstag soll es weitere Zugausfälle geben.


Hamburg - Ein heftiger Herbststurm wirbelte am Montag die Pläne von Reisenden in ganz Norddeutschland durcheinander: Orkantief "Christian" hat von Flensburg bis Osnabrück den Bahnverkehr lahmgelegt und sorgte in der Großstadt Hamburg für Chaos im Nahverkehr.

Dem Wetterdienst "mminternational" zufolge gab es noch nie vergleichbar hohe Windgeschwindigkeiten bei einem Herbst- oder Wintersturm. Demnach wurde auf Helgoland mit 191 km/h ein neuer Allzeitrekord für die Nordsee und für Helgoland aufgestellt. Auch in St. Peter-Ording gab es mit 172 km/h einen neuen Rekord. 162 km/h wurde laut Deutschem Wetterdienst auf dem Brocken im Harz erreicht.

In Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen fuhren weder Nah- noch Fernverkehrszüge, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn SPIEGEL ONLINE am Nachmittag. Viele Züge hätten sich vor dem Sturm in den jeweils nächstgelegenen Bahnhof gerettet und warteten dort auf ein Signal, um die Fahrt fortzusetzen.

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Orkantief: "Christian" legt Verkehr im Norden lahm
Einige Züge standen auf offener Strecke. Sie wurden von umgestürzten Bäumen ausgebremst - entweder kippten sie auf die Gleise oder blieben in Oberleitungen hängen. "Zum Glück haben alle Zugführer rechtzeitig die Hindernisse entdeckt und bremsen können", sagte die Sprecherin.

Zum Teil stand der Regionalverkehr seit 14.30 Uhr still. Am Abend beruhigte sich die Lage, doch auch für den Dienstag soll es weiter zu Verspätungen und Zugausfällen kommen. Auf ihrer Internetseite veröffentlicht die Bahn aktuelle Hinweise.

Mindestens 14 Unwettertote

Tief "Burkhard" und Orkan "Christian" hatten von Westen her Regenfälle und Orkanböen bis Stärke zwölf gebracht. Bisher kamen in Europa mindestens 14 Menschen durch die heftigen Stürme ums Leben. In Großbritannien starben am Montag vier Menschen, in den Niederlanden, in Dänemark und Frankreich je einer. Deutschland hat mit mindestens sieben Toten seit Sonntag die meisten Opfer zu beklagen. Trotz der Rekord-Windgeschwindigkeiten von bis zu 191 Stundenkilometern wie auf Helgoland stufen Meteorologen "Christian" lediglich als kräftigerer Herbstorkan ein. Er sei nicht zu vergleichen mit verheerenden Sturmtiefs wie "Lothar", "Kyrill" oder "Emma", die wesentlich höheren Schaden anrichteten.

An der Nordseeküste wird eine Sturmflut erwartet, die etwa zwei Meter höher ist als der Normalzustand, sagt ein Experte des Deutschen Wetterdienstes. Die Deiche würden allerdings standhalten. Inzwischen wurden die Unwetterwarnungen in einigen Teilen Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Hamburgs aufgehoben.

Passagiere saßen in Flugzeugen fest

Auf dem Flughafen Hamburg setzte der Orkan mindestens 1300 Passagiere fest. Seit 14.45 Uhr war die Abfertigung auf dem Vorfeld eingestellt, sagte Stefanie Harder, Sprecherin von Hamburg Airport, SPIEGEL ONLINE. Vor diesem Zeitpunkt gelandete oder abgefertigte Flugzeuge standen samt Passagieren und Gepäck auf Parkpositionen. Zeitweise waren es 15 Maschinen auf dem Vorfeld. Da im Zehn-Minuten-Takt Maschinen landeten, aber keine abflogen, wurden es ständig mehr.

Am Flughafen herrschten Windgeschwindigkeiten von bis zu 55 Knoten und Böen bis zu 75 Knoten, sagte Harder. Die Kapitäne hätten sich gegen das Öffnen der Maschinen entschieden. Hätten sie die Luken der Flugzeuge geöffnet, wäre die Sicherheit der Passagiere nicht mehr garantiert gewesen.

Zeitweise seien kreative Methoden ausprobiert worden, sagte die Sprecherin. Die Feuerwehr versuchte, mit ihren Löschfahrzeugen Windschatten für das Entladen von Gepäck zu bieten. So konnten aber nur vereinzelt Maschinen entladen werden. Inzwischen können wieder Flugzeuge starten und landen, allerdings mit erheblichen Verspätungen.

S-Bahn in Hamburg stand fast komplett still

Im Stadtgebiet von Hamburg stürzten durch den Sturm zahlreiche Bäume um, wodurch der Straßen- und Bahnverkehr stark gestört war. In der Innenstadt bildeten sich lange Staus. Der S-Bahn-Verkehr stand annähernd still.

Am Dienstagabend meldete die Bahn, dass auf der Linie S1 zwischen Wedel und Altona und zwischen Barmbek und Ohlsdorf sowie auf der Linie S21 zwischen Elbgaustraße und Diebsteich weiter keine Bahnen fahren würden.

Mehrere U-Bahn-Strecken waren im Stadtgebiet unterbrochen, Busse fuhren unregelmäßig. Enorme Zugriffszahlen auf der Internetseite der Verkehrsbetriebe HVV sorgten seit 15 Uhr für eine Überlastung, am Abend war sie wieder aufrufbar.

Fast jeder Tweet der Hochbahn endete am Montag mit dem Wunsch "Gutes Durchkommen!" Ihren Humor hatten die Hochbahn-Mitarbeiter trotz des Ausnahmezustands nicht verloren. Das sah man bei ihrer Antwort auf einen Tweet des Nutzers "bernd das bike", der schrieb: "Wir haben Windstärke gerade mal von 7 BF (Beaufort) und der #HVV stellt seinen Betrieb ein? #FAIL! Mein Opa ist bei Orkan noch um Kap Hoorn gesegelt."

Dazu die Hochbahn: "Der konnte sicherlich auch an umgestürzten Bäumen vorbeisegeln...können wir mit der U-Bahn nicht."

abl/bon/sto/ala/sun/dpa

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