Ostalgie-Hostel Gute Nacht, Herr Honecker!

Eine Nacht in der DDR, wie sie mal war: In Berlin hat eine Jugendherberge eröffnet, in der man unter den Augen von Honecker und anderen SED-Größen schlafen kann. Plastikeierbecher, Pionierlager und Plattenbauzimmer sorgen für echtes Ostalgie-Feeling.

Von Tobias Schreiter


Berlin - Hereinspaziert in den Plattenbau am Ostbahnhof! Die junge Dame an der Rezeption weist erst mal daraufhin, dass die Rezeption eigentlich Empfang heißt. So war das nämlich in der DDR. Und das "Plattenbauzimmer Numero 26" befinde sich zwar im zweiten Stock, nicht aber in der zweiten Etage: "Sondern in der ersten Etage. Wir in der DDR hatten ja kein Parterre." Alles klar. Schon nach wenigen Minuten steht fest, im "Ostel - das DDR-Hostel" ist vieles anders.

Hier trägt der Kapitalismus eine Maske, die "Sozialismus" heißt. Und mit ihr kann man prima Geld verdienen. Erkannt haben das Daniel Helbig, 35, und Guido Sand, 33. Sie sind Inhaber des Ostel. Beide haben rund die Hälfte ihres Lebens im Arbeiter- und Bauernstaat gelebt. Und beide wissen, wie der Sozialismus vergangener Tage im wiedervereinigten Deutschland ökonomisch auszuschlachten ist: Nostalgie und Voyeurismus unter dem Dach eines Plattenbaus.

"Mich wundert es, dass noch keiner auf die Idee gekommen ist, eine solche Herberge zu eröffnen", sagt Helbig. Mittlerweile verkaufe man schon Souvenirs - auch Honecker-Bilder, da diese schon mehrmals aus den Zimmern gestohlen wurden. Der Kaffeeraum neben der Rezeption, die ja eigentlich Empfang heißt, ist zu einem Mini-Museum geworden. In einer Vitrine sind Plastikeierbecher, Wimpel von DDR-Fußballvereinen und das Ost-Sandmännchen zu sehen.

Ein Fleckchen DDR

Helbig sitzt im Empfangsraum auf einem braunen Cord-Sofa, einem alten Schätzchen aus DDR-Zeiten, und erklärt sein Erfolgsrezept: "Wir wollen den Gästen Berlins zeigen, wie es in den DDR-Wohnungen ausgesehen hat. Manchmal kommen auch Ossis und tauchen ab in ein Stück alte Heimat, das ihnen zu schnell genommen wurde." Wochenlang haben Helbig und Sand Trödelmärkte und Internet durchforstet, um ihr Fleckchen DDR einzurichten. Und sie haben viel gefunden.

Das Ostel ist ein kleines Museum, am auffälligsten sind wohl die schrillen Tapeten. In der Empfangshalle steht eine Spieltruhe - eine Schrankkombination mit Radio und Schallplattenspieler. Helbig legt eine Platte auf. Es erklingt "Komm wir malen eine Sonne auf den grauen Pflasterstein" von Frank Schöbel. Der Sänger und Moderator war Repräsentant der DDR bei der Eröffnung der Fußball-WM 1974.

33 Jahre später repräsentiert Ostel die DDR - als ständige Vertretung eines ausgestorbenen, aber irgendwie noch fühlbaren Staates. Helbig und Sand haben zwölf Wohnungen im Plattenbau "Wriezener Karree 5" gemietet, zahlen rund 7000 Euro Miete - und haben schon im Mai, im Monat der Eröffnung, schwarze Zahlen geschrieben. Besonders am Wochenende ist das Ostel gut besucht. Die Welt zu Gast bei Honecker und Freunden.

"Die Tapeten sind großartig. Ich wusste nicht, dass es so etwas in Deutschland gibt", sagt Carlos Nivot. Der 22-Jährige aus der Nähe von Barcelona schläft mit Freundin Anna im Pionierlager, Zimmer Nummer 27, erste Etage, die ja eigentlich zweiter Stock heißt. Carlos öffnet die Tür zum Pionierlager: drei Doppelbetten, eine Kristallkronleuchter-ähnliche Lampe, eine Topfblume und ein runder Holztisch mit Metallfuß. Carlos ist nach Deutschland gereist, um gegen den G8-Gipfel zu protestieren und noch einige Wochen in Berlin zu bleiben. In der U-Bahn hat er eine Ostel-Reklame gesehen: "Ich mag diese kommunistische Einrichtung, aber eigentlich bin ich hier, weil es so billig ist."

Schlafen in der "Stasi-Suite"

Neun Euro kostet die Nacht im Pionierlager mit sechs Betten. Wer mehr Privatsphäre möchte, kann sich für 38 Euro im Plattenbauzimmer einquartieren. Die Nummer 26 ist ein solches. Hier hängt ein ovaler Spiegel mit dickem, weißem Plastikrand an einer der drei weißen Wände, die vierte Wand ist ein Farbeninferno: Eine Tapete in den Farbtönen Eigelb und Neongrün strapaziert die Augen. Auf einem kleinen, braun-blauen Nachtisch steht ein Radio vom Typ "Brilliant 6310" mit Holzgehäuse. Und über allem thront die 1999 verstorbene SED-Größe Willi Stoph. Nicht jedermanns Sache unter den Augen eines nach der Wende zunächst verhafteten, dann wegen Verhandlungsunfähigkeit doch nicht verurteilten SED-Mannes zu schlummern. Wegen dieses und ähnlicher Fotos gab es auch schon Beschwerden. "Wir sind völlig unpolitisch, diese Bilder sind doch nur ein Scherz", sagt Daniel Helbig.

Spaß hin oder her - die "Stasi-Suite", in der echte Möbel von ehemaligen Politbüro-Mitgliedern stehen, ist auf der Homepage www.ostel.eu nicht mehr zu begutachten. Beliebt ist die Suite dennoch. Helbig berichtet von alten Herren, die mit jungen Gefährtinnen Liebesnächte in sozialistischer Atmosphäre verbringen - die DDR hält manchen alten Körper jung. Ganz stilecht ist das Ostel allerdings noch nicht. Die Badezimmer erinnern eher an ein schwedisches Möbelhaus und nicht an sozialistische Sanitäranlagen. "Wir arbeiten dran", sagt Helbig. Die Inhaber haben viel vor. Wenige Plattenbauten entfernt entstehen bereits DDR-Ferienwohnungen. Und eventuell soll das Ostel-Konzept auf Städte wie Dresden und Leipzig übertragen werden. "Obwohl", räumt Helbig ein, "dort gibt es ja eigentlich noch genug DDR."



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