Outdoor-Reisen mit Kind Schneesturm vorm Babybett

Bye-bye Trekking, hallo Pauschalurlaub: Mit dem ersten Kind ist für junge Eltern meist Schluss mit Outdoor-Leben. Doch nicht für Stefan Rosenboom und seine Frau. Sie wanderten, paddelten und zelteten mit ihrer kleinen Tochter. Warum? Weil's Spaß macht! Und zwar allen.

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Das Kind muss mal, vor dem Zelt tobt ein Schneesturm - was tun? "Pipispaghetti" ist die Lösung der kreativen Eltern, als Nottoilette muss eine ausgediente Fertignahrungstüte herhalten. Solchen Situationen waren Stefan Rosenboom und seine Frau Susanne Gogolok öfter ausgesetzt: Schnee, Sturm, Dauerregen und störrische Gepäcktiere zerrten an den Nerven. Als Extremtouren will der 42-jährige Fotograf seine Trips mit Zelt, Rucksack und Tochter allerdings nicht verstanden wissen. Seine Erlebnisse, die er in dem Buch "Siljas Reisen" erzählt, sollen eher zeigen, "dass es ganz einfach sein kann, einfach zu reisen", sagt Rosenboom - auch mit Kind.

Denn wenn Paare Eltern werden, durchlaufen sie oft seltsame Mutationen. Eine davon: Statt Kino, Politik und Freunde bestimmen plötzlich Verdauung, Kita und Schwiegereltern die Gesprächsthemen. Eine zweite: Sie begraben ihre Vorstellung von einem gelungenen Urlaub. Wer vorher in Spitzbergen mit 30-Kilo-Rucksack und Gewehr – gegen die Eisbären - trekkte, diskutiert jetzt die Vorzüge dänischer Ferienhäuser. Wer sich Urlaub nur mit Fahrrad und Zelt vorstellen konnte, bucht All-inclusive in Antalya. Ein Outdoor-Urlaub mit Kleinkind? Das scheint eins der letzten Abenteuer der Welt zu sein. Eins, das Rosenboom ausprobiert hat.

"Werden wir uns einschränken müssen auf unseren Reisen?", hatten er und seine Frau sich gefragt, als ihre Tochter 2003 auf die Welt kam. "Im Gegenteil", ist ihr Fazit nach sechs Jahren Unterwegssein mit Kind, "wir haben die Welt neu entdeckt, mit anderen Augen." Als sie sich mit der neun Monate alten Silja erstmals zu einer Tour in Andalusien aufmachten, waren die beiden nicht zögerlich, aber voller Fragen: "Wie viel kann man so einem kleinen Wurm zumuten? Wird es zu heiß? Was ist, wenn sie akut erkrankt?" Silja übersteht die achttägige Wanderung am Cabo de Gata gesund und fröhlich in ihrer Kindertrage.

"Zeit ist der Schlüssel"

Ist es nicht Egoismus, wenn die Eltern ihre Leidenschaft nicht aufgeben wollen? "Natürlich ist das ein schmaler Grat", meint Rosenboom. Wenn er gemerkt hätte, dass die Reisen mit Rad, zu Fuß oder per Schlitten auf Kosten des Kindes gegangen wären, hätte er sofort gebremst. Silja habe aber die "grenzenlose Begeisterung der Eltern für die Natur gespürt", meint ihr Vater - und sichtbar Spaß gehabt. "Wann hat man auch schon so viel Zeit gemeinsam?" Der Fotograf ist für seine Aufträge viel unterwegs. Überhaupt: "Zeit ist der Schlüssel", sagt er. Reisen mit Kind bringe nur Spaß ohne Zeitdruck, sonst werde es stressig, und der Druck übertrage sich wieder auf die Kleinen.

So hat sich die Familie viel Zeit für ihre Urlaube genommen: Für die Wanderung durch die Pyrenäen mit der 16 Monate alten Silja in der Kraxe hat sie vier Monate gebraucht, üblich sind sechs Wochen für die Tour von Küste zu Küste. Die drei genießen ihre Pausen in und vor ihrem Zelt und unterwegs.

Auch das Wander-Tagespensum von vier bis fünf Kilometern mit der fünfjährigen Silja im Bergell hätte ehrgeizige Menschen zur Verzweiflung gebracht. Doch das Kind bestimmt den Rhythmus, meint Rosenboom, Leistungserwartungen dürfe man nicht haben. Dafür viel Geduld. Etwa wenn Silja ihren Eltern auf dem Campingkocher eine Suppe kocht. Oder zu Hause gleich wieder zu neuen Reisen aufbrechen will und Sack und Pack von Zimmer zu Zimmer räumt.

Gummibärchen zur rechten Zeit

Gibt es Tipps, um Kinder bei Expeditionen in die Natur bei Laune zu halten? "Wir sind nicht die Erziehungsüberflieger", wiegelt Rosenboom ab. Ein Gummibärchen zur richtigen Zeit kommt auch bei ihm und seiner Frau, die Sonderschullehrerin ist, zum Einsatz. Entscheidend ist aber, dass Kinder eingebunden werden: in die Routenwahl etwa, wenn am Morgen mit Kompass und selbst gemalter Karte der Tag geplant wird. Oder dass sie Aufgaben übernehmen wie das Zelt einrichten - oder eben auch mal Kochen: "Man unterschätzt Kinder oft", sagt Siljas Vater, "weil man selber zu viel Angst hat."

Die idyllischen Stunden im Freien sind allerdings hart erarbeitet. Während die Tochter sich ihr Spielzeug selber bastelt, Muscheln und Tiere begutachtet, müssen Rosenboom und die heute 43-jährige Susanne Gogolok für ihr Nomadenleben schwere Rucksäcke tragen: 32 Kilo wiegen Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Kocher, Kleidung, Lebensmittel, die der Vater auf der langen Pyrenäentour auf dem Rücken hat, bis zu 20 Kilogramm schultert die Mutter mit Kind, Kraxe und Kleinkram. "Ich habe den Rucksack zu Hause gar nicht vom Boden hoch bekommen", erzählt Rosenboom, "aber dann ging's in Spanien irgendwie doch." Geholfen habe die Energie, die sie aus ihrem Zusammensein geschöpft haben.

Kampf mit Muli Rosa

Zu lösen sind auch andere Probleme: Als Wollwindeln sich als unpraktikabel erweisen, überqueren 45 supersaugfähige Windeln die spanischen Berge. Später wird die besagte Indoor-Toilette im winterlichen Tessin erfunden. Und Rosenboom misst seine Kräfte am störrischen Gepäck-Muli Rosa, mit der die Familie zu einer Rundwanderung in die heimatlichen bayerischen Alpen aufbricht. Da kämpfen zwei Dickköpfe um den Chefposten. Der Lohn all der Mühe ist die wertvolle Zeit zu dritt. Und ein Traum von Siljas Eltern erfüllt sich: dass ihr Kind schon früh lernt, unterwegs zu sein, sich draußen zu bewegen, sich dort wohl zu fühlen und Menschen und Natur zu achten.

Aus den elf großen und kleinen Familientouren in Europa entstand Rosenbooms Buch "Siljas Reisen". Eine bebilderte Sammlung von Reisebeschreibungen, die davon erzählen, dass das Outdoor-Leben nicht mit der Geburt eines Kindes enden muss. Man kann das Buch aber auch als kommentierten Bildband definieren, der einsame Bergwelten, wilde Küsten, weite Winterlandschaften und knorrige Bauerngesichter zeigt.

Rosenbooms Fotos sind nicht die Schnappschüsse eines frisch gebackenen und stolzen Vaters, sondern sorgsam komponiert, mal in Farbe, mal in Schwarz-Weiß - und lassen über die manchmal allzu schwärmerisch verfassten Texte hinwegsehen.



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Seite 1
chirin 09.02.2009
1. Trekking mit Kleinkind - egoistisch oder abenteuerlich?
Zitat von sysopOutdoor-Reisen mit Kleinkind - Egoismus oder eines der letzten Abenteuer der Welt? Was sind Ihre Erfahrungen?
Verantwortungslos und egoistisch!
Klo, 09.02.2009
2.
Zitat von sysopOutdoor-Reisen mit Kleinkind - Egoismus oder eines der letzten Abenteuer der Welt? Was sind Ihre Erfahrungen?
Wir haben unsere 3 Kinder immer überall mit hin genommen. Wenn man die Bedürfnisse des Kindes beachtet, dann ist daran weder etwas egoistisch, noch verantwortungslos.
wudi 09.02.2009
3.
Zitat von chirinVerantwortungslos und egoistisch!
Wieso? Passt man die Touren etwas an sehe ich kein Problem. Kinder vertragen mehr als man glaubt. Es kann ihnen sogar Spass machen. Man kann es mit spielendem lernen ueber die Natur schmackhaft machen. Haeufige Ausrede Erwachsener: "ich kann ja nicht, wegen der Kinder" ist oft eine Entschuldigung fuer die eigene Bequemlichkeit.
Gertrud Stamm-Holz 09.02.2009
4.
Zitat von wudiWieso? Passt man die Touren etwas an sehe ich kein Problem. Kinder vertragen mehr als man glaubt. Es kann ihnen sogar Spass machen. Man kann es mit spielendem lernen ueber die Natur schmackhaft machen. Haeufige Ausrede Erwachsener: "ich kann ja nicht, wegen der Kinder" ist oft eine Entschuldigung fuer die eigene Bequemlichkeit.
Ich habe seinerzeit in Norwegen eine Fjordwanderung gemacht. Schon der Einstieg über ein steiles Geröllfeld zum Weg war mühsam. Mit Crosstiefeln an den Füßen :-)) Wirklich bewundernswert waren allerdings jede Menge Familien, die ganz Kleinen auf den Rücken gepackt, wer vernünftig gehen konnte, der ist auch gegangen. Ganz Skandinavien steht auf Langlaufskiern und marschiert, der Deutsche kann wegen allgemeiner Gefährdung leider nichts dergleicher tun.
sitiwati 09.02.2009
5. ich glaube
Zitat von Gertrud Stamm-HolzIch habe seinerzeit in Norwegen eine Fjordwanderung gemacht. Schon der Einstieg über ein steiles Geröllfeld zum Weg war mühsam. Mit Crosstiefeln an den Füßen :-)) Wirklich bewundernswert waren allerdings jede Menge Familien, die ganz Kleinen auf den Rücken gepackt, wer vernünftig gehen konnte, der ist auch gegangen. Ganz Skandinavien steht auf Langlaufskiern und marschiert, der Deutsche kann wegen allgemeiner Gefährdung leider nichts dergleicher tun.
die Norweger haben die Schnauze voll, von marschierenden Deutschen!
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