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26. Juli 2014, 10:33 Uhr

Werbeaktion in Paris

In diesen Hotels zahlen Sie, was Sie wollen

In Paris haben sich fünf Hotels auf ein besonderes Experiment eingelassen: Ihre Gäste dürfen selbst bestimmen, was ihnen eine Übernachtung wert ist. Auch andere Branchen haben das Bezahlsystem schon ausprobiert - mit Erfolg.

Bienvenue à Paris, Herzlich willkommen in Paris - mit diesen freundlichen Worten begrüßen die Initiatoren eines Hotelprojekts potenzielle Übernachtungsgäste in der französischen Hauptstadt. Freundlichkeit ist in ihrem Gewerbe zwar ohnehin sehr wichtig, doch in diesem Fall könnte sie sich auszahlen: Die Gäste bestimmen selbst, was ihnen die Übernachtung wert ist.

"Payez ce que vous voulez" - zahlen Sie, so viel Sie wollen, lautet der Name der Aktion, die allerdings nur noch bis zum 10. August läuft. Wer in diesem Zeitraum in einer der teilnehmenden Drei- und Vier-Sterne-Unterkünfte über die Website ein Zimmer bucht, darf in aller Ruhe genießen und zahlt erst bei Abreise den Betrag, der ihm beliebt. Lediglich eine Gebühr von 17 Euro wird bei der Reservierung in jedem Fall fällig. Den Rest bestimmt der Gast später selbst. Der Haken dabei: Zu dem freiwilligen Preis kann nur für eine Nacht und nur online gebucht werden, jede weitere wird zur üblichen Rate abgerechnet.

Fünf Hotels nehmen an dem Experiment teil, das Aldric Duval ins Leben gerufen hat. Der Direktor des Drei-Sterne-Hotels Tour d'Auvergne möchte damit natürlich vor allem eines: sein eigenes Haus im 9. Arrondissement bewerben. Dass die Aktion zu einem finanziellen Desaster für ihn und die anderen Hoteliers werden könnte, hält er für unwahrscheinlich. Zum einen stellen die Häuser nur jeweils zwei oder drei Zimmer für das Projekt zur Verfügung.

Hotels in Nizza und Cannes denken über ähnliche Angebote nach

Zum anderen: "Wenn der Gast nur einen Euro zahlen will, kann ich ihn nicht daran hindern", sagte er "CNN". "Aber die Leute werden wissen, dass dieser Ansatz keine gute Sache ist, wir werden ihnen erklären, dass es nicht fair ist, nur einen Euro dafür auszugeben." Die Initiative hätte großes Interesse in der Branche ausgelöst. Hotels in Cannes und Nizza würden über ähnliche Angebote in der Wintersaison nachdenken.

Auch in anderen Branchen - vor allem in der Gastronomie - gibt es überall auf der Welt immer wieder Mutige, die sich auf die Ehrlichkeit und die Großzügigkeit ihrer Kunden verlassen. Auch in der Weinerei in Berlin oder im Hamburger Gängeviertel zahlen Kunden nur, was ihnen der Wein, die Dienstleistung oder das Produkt jeweils wert ist - eine Bezahlung auf Erfolgsbasis quasi.

Tatsächlich kann das Pay-what-you-want-Prinzip auch in Paris funktionieren: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die meisten Menschen lieber mehr zahlen als zu wenig, wenn ihnen die Entscheidung überlassen wird. Der Grund: Sie möchten nicht unbedingt so wenig wie möglich zahlen, sondern einen angemessenen Preis - und der ist häufig gar nicht so gering.

emt

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