Passagiere im ICE Unkultur der Reisenden

Fluchende Fahrgäste, defekte Türen: Die Bahn sorgt nicht nur mit ihrem Führungswechsel für Schlagzeilen. Die größten Ärgernisse lauern in den Zügen. Ein ganz persönlicher Wutanfall zwischen Fulda und München.

München - Natürlich steigen sie in Fulda zu. In der katholischen Exklave inmitten hessisch-protestantischer Kernlande geht es ja traditionell etwas härter zu. Von hier stammen Kaliber wie der verstorbene rechtskonservative Bischof Johannes Dyba oder der aus der CDU verstoßene Martin Hohmann.

Reise per ICE: Bei der Demontage des Kulturguts Bahn helfen auch die Passagiere kräftig mit

Reise per ICE: Bei der Demontage des Kulturguts Bahn helfen auch die Passagiere kräftig mit

Foto: DPA

In Fulda also beginnt an diesem schönen Morgen das Trauerspiel von ICE 785, Waggon 6 auf der Fahrt von Hamburg nach München.

Dabei hat sich die Deutsche Bahn auf den 400 Kilometern Eisenweg zuvor derart viel Mühe gegeben, dass man schon glaubte, gar nicht mit der Deutschen Bahn zu reisen. Da war dieser überaus lustige, überaus hamburgische Schaffner ("Moin Moin"), der die Gäste raten ließ, wo denn nun eigentlich Bodenmais liege (in Niederbayern) und der mit den Damen im Waggon über den ästhetischen Faktor der Porträtfotos auf ihren Bahn-Cards plauschte.

Aber dann, nun ja, Fulda.

Es wird ein Eroberungszug. Zwar sind für das einsteigende Seniorenpaar Plätze reserviert, doch durchschreitet der alte, hochgewachsene Herr im kleinkarierten Sakko erst noch den gesamten Wagen. Vielleicht sind da ja noch bessere Plätze.

Doch da gibt es nichts. Für die zwei Personen bleibt also nur der komplett freie Vierer mit Tisch. "Scheiße", murmelt er. Sie lächelt noch. Bis zur Sache mit dem Gepäck. Denn er meint, sein Koffer müsse exakt über seinem Sitzplatz liegen, während die anderen Fahrgäste auf den freien Raum ein paar Zentimeter weiter vorn verweisen. Der Alte flucht polyglott: "Fucking idiots" - und räumt die Sachen der anderen ab.

Er: die beigen Strümpfe in den braunen Gesundheitsschuhen straff gespannt, den weißen Vollbart säuberlich gestutzt. Sie: viel Gold an den Fingern, eine Maria-Elisabeth-Schaeffler-Frisur auf dem Kopf. Selbstgemixte Apfelschorle in Halbliterfläschchen. Und das mit Camembert belegte Baguette wird mit Silbermesser exakt mittig geschnitten.

Glückstraum eines sanften, kultivierten Reisens

Eigentlich könnten die beiden glückliche Pensionisten sein, die gerade ihre Enkelkinder besucht haben. Oder fröhlich pfeifende, rüstige Wald-und-Wiesen-Rentner. Irgendwie so was, es gibt da doch viele wunderbare Beispiele. Stattdessen rechnet jetzt er in Würzburg die Verspätung des Zuges nach, minutengenau, obwohl sie gar keinen Anschlusszug benötigen: "Jetzt sind es schon 16 Minuten, 16 Minuten, herrje." Sie spielen Verbal-Pingpong. "Das gibt es nicht", sagt sie. "Unmöglich", sagt er. "Da wird mir schlecht", sagt sie. So werden es 17 Minuten.

In der Wochenzeitung "Freitag" konnte man kürzlich eine furiose Analyse über die Unkultur der Bahn lesen. Besessen sei das Unternehmen von der fixen Idee der Privatisierung, so besessen, dass der "Glückstraum eines sanften, kultivierten, menschlichen und interessanten Reisens" zerstört sei, schrieb dort Georg Seeßlen. Die Deutsche Bahn führe einen Krieg gegen ihre Kunden, es herrsche "Mangelwirtschaft inmitten technischer und konsumistischer Protzerei".

Kritik an Hartmut Mehdorn, der nun als Bahn-Chef abtritt, war immer berechtigt - aber nur eine Seite des postmodernen Bahnreisens. Denn in Deutschland trifft die Unkultur der Bahn auf die Unkultur der Reisenden, des Motzens und Moserns. Kombiniert wird das zu einem sich selbst verstärkenden Prozess. Die Deutsche Bahn verdient Kunden mit gestrafften Strümpfen, und diese Kunden verdienen die Deutsche Bahn.

Ein Beispiel. ICE 785 hat an diesem Tag eine defekte Automatik-Tür, ständig zieht kühle Luft herein. Darüber weiß sich das Paar im intimen Gespräch zu beklagen. "Unmöglich" - man kennt das bereits. Um das Ärgernis abzustellen, muss die Tür per Hand geschlossen werden. Daran halten sich auch alle. Bis auf den alten Mann. Und so trifft Unkultur auf Unkultur. Nach seinem Klogang schließt er die Tür selbstverständlich nicht. In der Folge kann er sich prima ärgern - über die Bahn.

Der feine Herr beruft sich auf Sauberkeit, Ruhe und Ordnung, da werden natürlich auch die Mitreisenden mit fortschreitender Fahrdauer immer mehr zu Last. "Hach", stöhnt der Mann und zischt "Abschaum!", wenn auf den Nachbarsitzen telefoniert wird. Es ist ein Funkwagen. Ärger generiert Ärger. Am Ziel München angelangt, müssen die beiden schweren Koffer wieder runter aus der hart erkämpften Ablage direkt überm Sitz. Nur: keiner hilft. "Scheiße", sagt der Mann.

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