SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. Juni 2013, 16:07 Uhr

Berlin-Wolfsburg

Pendler leiden unter den Folgen des Hochwassers

Hunderte Berliner pendeln täglich nach Wolfsburg - jobbedingt und mit der Bahn. Doch wegen des Hochwassers dauert die Strecke von der Haustür zum Arbeitsplatz nun dreimal so lange wie sonst. Die Reisenden sind genervt und zeigen sich kreativ.

Wolfsburg/Berlin - 820 Berliner machen sich laut Statistik täglich von Berlin nach Wolfsburg auf den Weg. Die große Mehrheit fährt mit der Bahn. Doch nach dem Hochwasser und der Stunden raubenden Umleitung der Züge stecken sie nun in der Klemme. Der seit Freitag geltende Notfahrplan mit einem Umweg über Magdeburg und Braunschweig stellt sie nicht zufrieden - viele übernachten nun notgedrungen in Hotels und bei Freunden, selbst an das Chartern von Bussen wurde schon gedacht.

Zufrieden sind hingegen die Wolfsburger Hoteliers. Laut regionalen Online-Buchungsportalen sind fast alle Zimmer über die Woche ausgebucht.

Nicht nur bei Volkswagen, auch bei Zulieferern, Museen und im Rathaus arbeiten Berlin-Pendler, schließlich dauert die Zugfahrt normalerweise nur etwa 60 Minuten. Derzeit müssen die Pendler für eine Strecke zweieinhalb bis drei Stunden kalkulieren.

Anbindungsprobleme sind für Wolfsburg nicht ganz neu. In der Vergangenheit rauschten Züge schon mehrmals an der Industriestadt vorbei, obwohl ein Stopp vorgesehen war. Doch während die Gründe bei diesen Bahnpannen meistens ungeklärt blieben, liegt mit der Hochwasserkatastrophe nun eine handfeste Ursache vor.

"Es darf nicht sein, dass Wolfsburg für längere Zeit vom Fernstreckennetz abgehängt bleibt", sagt Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD). Er fordert: "Im Sinne der vielen Pendler muss sofort etwas geschehen. Es müssen kurzfristig Ersatzlösungen gefunden werden." 74.000 Pendler kommen täglich in die 123.000 Einwohnerstadt, die meisten aus dem Umland.

"Die Bahn kann ja nichts für das Hochwasser, aber sie könnte besser informieren", sagt Uta Ruhkamp, die in einem Museum in Wolfsburg arbeitet. An einem Tag habe es in Berlin geheißen, die Reisenden nach Wolfsburg sollten in Spandau aussteigen und den Zug nach Braunschweig nehmen. Der Schaffner sagte dann aber das Gegenteil. Die Kuratorin hat in den vergangenen Tagen mal bei einer Kollegin, mal in der Jugendherberge geschlafen. Für Juli hat sie ein WG-Zimmer ergattert.

"Wir sind also ein wichtiger Kunde"

Schon seit 2010 gibt es ein E-Mail-Netzwerk, in dem Bahnpendler sich über Probleme austauschen. Luciano Bottoni, der seit viereinhalb Jahren pendelt, wollte über den Verteiler Reisebusse organisieren. "Aber das ist doch keine Lösung, das Interesse war gering. Die Busse wären ja auch bis zu drei Stunden unterwegs", sagt er. 4000 Euro zahle er pro Jahr für seine Bahncard. Rechne man die Ausgaben aller Berlin-Wolfsburg-Pendler zusammen, so seien das Einnahmen in Millionenhöhe. "Wir sind also ein wichtiger Kunde."

Die Bahn selbst kann den Ärger verstehen. "Das Wasser muss erst weg sein, vorher können wir die Schäden nicht reparieren", bittet eine Sprecherin um Verständnis. Auf eine Entschädigung angesprochen, sagte sie: "Alle können sicher sein, dass es eine kulante Lösung geben wird."

"Das sind außergewöhnliche Umstände, höhere Gewalt", sagt Edgar Isermann, Leiter der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr. "In der momentanen Situation hat die Bahn eine enorme logistische Aufgabe zu lösen. Da ist die Kommunikation das Wichtigste, was man machen kann."

Eine Pendlerin versucht, der Situation Positives abzugewinnen: "So komme ich endlich mal dazu, meine Freunde in Wolfsburg und Braunschweig zu besuchen", sagt sie.

Anita Pöhlig/dpa/jus

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung