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Damaskus - Teheran: Zugfahrt durchs Morgenland

Foto: Mark Röhlig

Per Zug nach Teheran Orient-Express der Glückssucher

Der Orient für Eilige: Im Schlafwagen-Express von Damaskus nach Teheran ist ein bunt gemischtes Völkchen unterwegs. Die dreitägige Reise führt durch zwei Zeitzonen und vier Sprachgebiete - und erlaubt tiefe Einblicke in die Psyche des Morgenlands.

Dieser Augenblick, so schlicht und schön, krönt die Reise schon vor ihrem Ende: Der Zug von Damaskus nach Teheran nähert sich der türkisch-iranischen Grenze. Sie liegt auf einer eingeschneiten Hochebene. Es ist kurz vor sechs Uhr morgens an einem Mittwoch. Und die Sonne geht auf.

Nach zwei Tagen voller Wolken und voller Regen trennt sie den Himmel vom Horizont. Sie taucht alles in goldenes Licht. Und sie zeigt den Reisenden erstmals die Richtung an: Es geht Richtung Sonnenaufgang, es geht in den Orient.

Der Zug von Damaskus nach Teheran, er fährt jede Woche drei Tage lang durch das Morgenland. Dabei bietet er den Reisenden das Schönste der Region: syrische Wüste und türkische Olivenhaine, wildes Kurdistan und weite iranische Ebenen. "Iran ist ein Land der vier Jahreszeiten", sagt Ammar und schaut dem Sonnenaufgang entgegen. Noch gut 21 Stunden werde der Zug bis Teheran brauchen - und auf der Fahrt dorthin "zeigen sich Winter, Frühling, Sommer und Herbst in all ihrer Schönheit gleichzeitig".

Ammar ist 21 und studiert im iranischen Qazvin Medizin. Ursprünglich kommt er aus Syrien. "Wir haben ein sehr strenges Uni-System daheim", sagt er. In Medizin bekomme dort nur jeder Hundertste einen Studienplatz, "im Iran immerhin jeder Zehnte". Daher pendelt er regelmäßig zwischen Qazvin und seiner syrischen Heimatstadt Hama. Dort leben seine Eltern und zwei kleine Schwestern - "nur zwei Geschwister, das ist sehr unsyrisch". Aber unsyrisch ist Ammar sowieso. Er gehört zur schiitischen Minderheit, noch ein guter Grund, in Iran statt daheim zu studieren.

Wie viele der Reisenden ist Ammar bereits in Damaskus eingestiegen. Immer montags ab sechs Uhr halten sich an der Damaszener Qadam-Station alle bereit, die mitwollen. Bis Mittag sind dann alle Koffer im Gepäckwagen verstaut, und jeder hat sein Schlafabteil zugewiesen bekommen.

Montag: Von Damaskus in die Wüste

Die Qadam-Station, sie liegt schmucklos da an jenem Montag. Vollendet und zugleich unfertig sieht sie aus; ein Funktionsgebäude, vom Dieselrauch der Lokomotiven gefärbt, dahinter verwitterte Zugwaggons, Gleisteile und Eisenschrott. Schwere Regenwolken verschlucken den Sonnenaufgang, der Horizont verschwimmt mit dem Himmel zu einem grauen Brei. Die Menschen drängen sich unter den Vordächern zusammen. Ein kleiner Mann eilt durch die Pfützen. Bei jedem Waggon macht er halt, kniet sich nieder und überprüft die Bremsschläuche.

Hassan ist Elektriker bei K-H-S, der syrischen Eisenbahngesellschaft. Diese übernimmt bis zur türkischen Grenze die Verantwortung für den Drei-Länder-Trip. Dann wechselt ein Großteil des Personals, türkische Schaffner steigen zu, später eine iranische Besatzung. Hassan bleibt bis Aleppo, kurz vor der Grenze zur Türkei, im Zug. Der 56-Jährige wartet den Zug, hat aber eigentlich nicht viel mehr zu tun, als den Stromgenerator für den Speisewagen anzuwerfen. "Das ist ein deutscher Zug, gute Funktion", sagt er. Auf einem Schild hinter der Küche steht "VEB Waggonbau Bautzen".

Der Zug verlässt Damaskus gegen Mittag. Es geht vorbei an Betonhochhäusern, dann Wellblechhütten, dann Feldern - mit jedem Meter franst die Hauptstadt weiter aus. Irgendwann bleibt vor den Abteilfenstern nichts als Wüste, vom andauernden Regen vollgesogen wie ein Schwamm. Dahinter kommt der Dunst. Nur hundert Meter reicht die Sicht in die syrische Wüste hinein - dann scheint die Welt zu Ende.

Rauchertreff im Speisewagen

Im Zug versammeln sich verschiedenste Reisende. Es gibt die iranischen Familien, sie bleiben meist auf ihren Zimmern und machen auf kleinen Camping-Kochern Essen. Schnell riecht es im ganzen Schlafwagenabteil nach Auberginenpaste und Hammelfleisch. Und es gibt die alleinstehenden Männer, sie treffen sich im Speisewagen; in der Luft hängen ihre Gedanken und der Rauch ihrer Zigaretten. Unter den Männern sind junge Kerle wie Ammar, die zu besseren Studienplätzen und ihrer Zukunft pendeln, die noch voller Träume sind. Und es sind alte Männer wie Hassan, die entlang der Stationen des Zuges nach ihrem kleinen Glück suchen. Die versuchen, ihr Leben erträglich zu machen.

"Ich mag meinen Job", sagt Hassan, "ich darf umsonst im Zug schlafen und bekomme Essen". Darüber hinaus gebe es "einen kleinen Lohn". Den schickt er seiner Familie in Dair az-Zur im Osten von Syrien. Immer zwei Tage am Stück ist er auf Reisen, dann hat er einen Tag frei. Bis nach Dair az-Zur schafft er es da meist nicht. Was Hassan sehr bedauert: "Ich habe dort sechs wundervolle Kinder, Gott sei gepriesen für seine Großzügigkeit. Aber ich sehe nicht, wie sie groß werden."

Der Elektriker sitzt an einem einzelnen Tisch und nippt Minztee aus einem Plastikbecher. Er trägt eine Wollmütze, einen Dreitagebart und ein Palästinensertuch unter seinem Anorak. Seine Kollegen von K-H-S, die Schaffner und Protokollführer, haben von der Gesellschaft Uniformen und Schlipse erhalten. Sie sitzen an einem großen Tisch, vor ihnen steht eine Platte mit Hummus, gekochten Kartoffeln und Tabouleh, einem Petersiliensalat.

Dienstag: Sprachlektionen im Speisewagen

Die Grenze zur Türkei wird am späten Montagabend erreicht. Alle müssen den Zug verlassen, Passkontrolle, und alle müssen ihre Taschen vorzeigen, Sicherheitskontrolle. Das türkische Personal übernimmt die Leitung und macht es sich im Speisewagen gemütlich. Der Hummus wird durch Schafskäse ersetzt, statt Kartoffeln gibt es nun Lammkeulen.

Am Morgen steigen vier Sicherheitsmänner zu. Sie haben G3-Gewehre dabei, Schusswesten an und einen eigenen Samowar für ihren Tee mitgebracht. Der Vorgesetzte lässt die Perlen einer Gebetskette stetig durch seine Finger tropfen. Sie sollen den Zug vor Überfällen der PKK beschützen. Aber da passiert sowieso nie was, versichert Murat. Der 28-Jährige schiebt seit drei Jahren Dienst für die private Sicherheitsfirma. Seit einem Jahr ist er auf der Strecke des Orient-Zuges eingeteilt: "Was Besseres konnte mir nicht passieren; ich fahre Zug und schaue mir meine schöne Heimat an."

Murat kommt mit den syrischen Studenten und iranischen Heimkehrern ins Gespräch. Schnell wird der Speisewaggon zum orientalischen Babel. Auf Arabisch, Türkisch, Persisch und mit kurdischen Wortfetzen diskutieren alle durcheinander. Es gibt ein Thema, das alle Jungs interessiert: Was heißt Ficken auf Türkisch? Und wie sagt ihr das auf Arabisch? Sag mal Muschi auf Persisch

Der Wolkensuppe entgegen

In Kurdistan zerfällt die Landschaft. Der Zug schleppt sich durch enge Gebirgstäler und über reißende Flüsse. Regen setzt wieder ein. Dampf steigt aus den Schluchten. Sie sehen aus wie aufgerissene, heiße Kartoffeln. Immer häufiger führt die Strecke durch lange Tunnel. Wir schrauben uns höher in die Berge, der Wolkensuppe in den Bergspitzen entgegen.

"Ein großartiges Gebiet", ruft Ergün aufgeregt, "ich freue mich jedes Mal wie ein Kind". Gleich kommt Ergüns Heimatstadt Elazig und deshalb dreht er den Schubregler noch ein Stück weit auf. Ergün sitzt zufrieden im Führerraum der Diesellok. Er ist Lokführer bei der türkischen Gesellschaft TCDD. Seit 20 Jahren fährt er Züge durch die wilde Landschaft Kurdistans. Nur die Diesellok habe mehr Jahre hinter sich: "Die alte Lady, eine französische Zugmaschine, ist schon an die 50 Jahre auf den Gleisen."

Elazig taucht hinter einer Bergkuppe auf. Wie ein kunterbuntes Ufo ist es mitten im Nichts gelandet, spindeldürre Minarette markieren die Stadt. "Schau, da entsteht ein Neubaugebiet", sagt Ergün stolz und zeigt durch die von Regenschlieren durchzogene Frontscheibe. Die Sonne bricht kurz durch die Wolken und wirft wie ein Scheinwerfer Licht auf riesige Plattenbauten, auf eine Shopping Mall und auf ein neues Fußballstadion. "Elazig Besiktas", sagt Ergün, "der beste Verein der Welt".

Mittwoch: Die Jahreszeiten Irans

Die Schwelle zu Iran beginnt am Ufer des Van-Sees. Hier tauschen die Passagiere ihre Züge. Der iranische Zug aus Teheran fährt an das Ostufer des Sees, der syrische Zug ans Westufer. Hinüber kommen die Reisenden mit einer Fähre, von Dienstagnacht an schaufelt sie sich sechs Stunden lang durch das schwarze Wasser des Van. Im Bauch der Fähre wurde der Gepäckwagen des syrischen Zuges verstaut - der einzige Waggon, der mit übersetzt. Und im Aufenthaltsraum lassen sich die Zugreisenden nun von Wellen in einen kurzen, traumlosen Schlaf wiegen.

Auf der Brücke liegt alles im Dunkeln, nur ein roter Radarschirm glimmt links neben dem Steuerrad. Kapitän Murat hat diese Nacht Schicht. Neben ihm steht Saifallah, sein Steuermann. Die Fähre über den Van-See fährt ununterbrochen - und nach einem aufwendigen System. Drei Kapitäne und drei Steuermänner gibt es pro Mannschaft. Ein Duo ist für sieben Stunden auf der Brücke, dann wird gewechselt. Zwei Wochen lang leben alle gemeinsam auf der Fähre, dann haben sie Urlaub und drei andere Kapitäne beziehen das Schiff mit ihrer Crew. "Dieses Schiff und diese Mannschaft sind meine Familie", sagt Murat, "aber wir können ja auch gar nicht anders, so eng, wie wir beieinander leben".

Der Kapitän freut sich besonders über ausländische Passagiere. "Ich kann meine Gäste in allen Sprachen der Welt begrüßen", prahlt er. Doch der Damaskus-Zug sei derzeit nicht sehr gefragt. "Erstens ist Winter, zweitens keine Pilgerzeit und drittens, was Touristen betrifft", sagt Murat und macht eine Pause, "will sowieso gerade keiner nach Iran".

Die letzte Etappe der Zugfahrt beginnt gegen vier Uhr morgens am Ostufer des Van-Sees. Die Fähre legt an und entlässt ihre Reisenden in eine eisig kalte Nacht. Am Ufer wartet der neue Zug, Dampf schlägt sich nieder und zeichnet im Scheinwerferlicht Nebelfiguren in die Nacht. In wenigen Stunden geht die Sonne auf, in wenigen Stunden wird der Zug die iranische Grenze auf der verschneiten Hochebene erreichen.

Schnell ein Bier, bevor es verboten ist

Je näher der Zug der Grenze kommt, desto angespannter werden seine Gäste. Bahram, ein Junggeselle aus Isfahan, ruft im Schlafwagen zum Biertrinken auf: "Kommt Leute, gleich ist es wieder verboten." Hadschi Muhammad, ein alternder Teppichhändler aus Damaskus, flucht über die anderen Mitreisenden: "Gebt endlich Ruhe, ich bin erkältet". Nur Yashar*, ein Visagist und bisher als Energiebündel aufgefallen, sagt nun fast gar nichts mehr.

"Es ist immer wieder schwierig, in dieses Land zu reisen", sagt er. "Dieses Land", das ist sein Land. Yashar kommt aus Teheran, lebt und arbeitet aber in Damaskus. Er kommt nur gelegentlich für Familienbesuche heim. Der 22-Jährige trägt seinen Bart fein gestutzt, die Augenbrauen sind gezupft. "Ich führe eine dieser Beziehungen, die mich in Iran den Kopf kosten würde."

Den Mittwoch über durchquert der Zug nun Iran. Er schlängelt sich vom Gebirgspass hinab in die vier Jahreszeiten, durch grüne Wiesen und an riesigen Salzseen vorbei, entlang ockerfarbener Berge und goldgelber Weizenfelder. Er wird seine Reisenden am Donnerstag früh gegen drei Uhr in Teheran abliefern. Dann muss wieder jeder zu Fuß nach seinen Träumen und nach seinem Glück suchen. Die drei Tage fahrenden Stillstands sind vorüber.

Die Morgenlandfahrt von Damaskus nach Teheran - sie ist keine Reise für die, die ankommen wollen. Sie ist eine Reise für die, die weg wollen.

*Name geändert

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