Piratenangriff auf Kreuzfahrer Marine schützt "MS Deutschland"

Künftig steht das Kreuzfahrtschiff "MS Deutschland" bei der Passage durchs Rote Meer und den Golf von Oman unter dem Schutz der Deutschen Marine. Erst kürzlich hatten dort Piraten den Luxusliner "Seabourne Spirit" angegriffen.

Von Swantje Dake


Die Kreuzfahrtidylle auf der "Seabourn Spirit" fand am vergangenen Samstag ein jähes Ende, als Piraten das Schiff attackierten. Dass der Angriff vor der Küste Somalias glimpflich verlief, ist dem Kapitän Sven Erik Pedersen zu verdanken, der mit Vollgas Kurs aufs offene Meer nahm und zusätzlich von einer akustischen Waffe Gebrauch machte.

"MS Deutschland": Schutz durch Bundesmarine
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"MS Deutschland": Schutz durch Bundesmarine

"Das Schiff ist mit einer Long Range Acoustic Device (LRAD) ausgerüstet", erklärt Bruce Good, Sprecher der Seabourn Cruise Line, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. LRAD sind sogenannte nicht-tödliche Waffen. Für das US-Militär entwickelt, können mit ihnen sowohl Lautsprecherdurchsagen als auch hochfrequente akustische Signale über mehrere hundert Meter Entfernung abgesetzt werden.

Der schrille Ton, der durch das LRAD zielgerichtet gesendet wird, ist äußerst schmerzvoll. "Wir testen, ob diese Waffen sinnvoll im Einsatz gegen Piratenangriffe sind", so Good laut AP. Der LRAD-Hersteller American Technology vergleicht den Ton mit dem eines Feuermelders. Nur während der mit 80 bis 90 Dezibel vor Gefahr warnt, schießt das LRAD akustisch mit bis zu 150 Dezibel. Das System sei bereits seit 2003 auf Passagier- und Marineschiffen im Einsatz.

"MS Deutschland" unter Marine-Schutz

Doch die meisten Reedereien halten sich bedeckt, wenn es um ihre Sicherheitsvorkehrungen geht. Hapag-Lloyd möchte sich nicht näher zu dem Thema äußern. MSC Kreuzfahrten, die eine Route durch den Indischen Ozean anbietet, weist auf die Notfallpläne und die wöchentlichen Übungen der Mannschaft hin. "Unsere Schiffe sind größer als die 'Seabourn Spirit' und fahren daher nicht so nah an den Küsten entlang", so Marketingleiterin Sylvia Bachert.

Die "MS Deutschland" der Reederei Deilmann steht künftig unter dem Schutz der Deutschen Marine, schreibt das Unternehmen auf seiner Homepage. Der Überfall auf die "Seabourn Spirit" ereignete sich 1000 Seemeilen (1850 Kilometer) von der Route der 'Deutschland' entfernt. Auf der Reise von Zypern nach Dubai durch das Rote Meer und den Golf von Oman stehe das Schiff laut Deilmann-Sprecher Hans-Ulrich Kossel unter Beobachtung und Sicherung der am Horn von Afrika stationierten Einheiten der Marine. Kapitän Hubert Flohr sieht laut Pressemitteilung keine Gefahr für Passagiere und Besatzung. Das Schiff sei durch eigene Maßnahmen gesichert und die Mannschaft sei vorbereitet. Außerdem liege die niedrigste Öffnung der "Deutschland" zehn bis zwölf Meter über dem Meeresspiegel, was das Kapern des Schiffes nahezu unmöglich mache.

Der Angriff auf die 'Seabourn Spirit' fand 160 Kilometer vor der Küste Somalias statt. Das Internationale Schifffahrtsbüro (IMB) rät allen Kapitänen, einen großen Bogen um das Horn von Afrika zu machen. In den vergangenen sechs Monaten wurden vor der somalischen Küste 28 Piratenüberfälle gezählt. Die Attacke vom Wochenende war der erste versuchte Angriff auf ein Kreuzfahrtschiff. Meistens sind Frachter und Fischerboote Ziel der Seeräuber, darunter auch zwei Schiffe, die Hilfslieferungen für die Bevölkerung Somalias an Bord hatten.

Das Land, das seit 1991 keine Zentralregierung mehr hat, hat um internationale Hilfe im Kampf gegen Piraten gebeten. "Es ist zu befürchten, dass die Region zu einem Hafen für Seeräuber wird", sagte Pottengal Mukundan, Direktor des IMB. Der somalische Uno-Botschafter Elmi Ahmed Duale forderte die Vereinten Nationen auf, das bestehende Waffenembargo gegen sein Land zu lockern. Nur so könne Somalia eine schlagkräftige Polizei aufbauen.

Rückgang der Piratenattacken

Insgesamt verzeichnet das IMB einen Rückgang von Piratenattacken in den ersten drei Quartalen des Jahres. Wurden im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr 251 Schiffe angegriffen, waren es in diesem Jahr 205. Am gefährlichsten sind die Gewässer rund um Indonesien, besonders die viel befahrene Straße von Malakka zwischen Indonesien und Malaysia.

In diesen Regionen bewegen sich die Luxusschiffe der Kreuzfahrer nur äußerst selten. Daher verzeichnen die Reedereien auch noch keine besorgten Kundenanfragen. "Bisher war Piraterie in der Kreuzfahrt kein Thema, und wird es auch in Zukunft nicht sein", sagte John Will von Transocean Tours. Die Reederei bieten Fahrten durch den Indischen Ozean und rund um Afrika an. Will wertet den Überfall auf die "Seabourn" als einen Einzelfall. Kreuzfahrtschiffe seien aus Sicht der Piraterie keine lohnenswerten Objekte.

Die 150 Passagiere an Bord der "Seabourn Spirit", die auf dem Weg von Ägypten nach Kenia war, blieben unverletzt. Ein Besatzungsmitglied erlitt leichte Verletzungen. Der Kapitän der "Seabourn Spirit" hatte zunächst versucht eins der zwei Angriffsboote zu rammen, dann drehte er ab, entkam den Angreifern. Die Passagiere waren nicht über den üblichen Alarm informiert worden, damit sie nicht an Deck laufen. Vielmehr beorderte der Kapitän Mannschaft und Passagiere in ein Restaurant im Inneren des Schiffes. Die Schäden an der Spirit blieben gering, allerdings änderte der Luxusliner seine Route und steuerte die Seychellen an.



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