Fotostrecke

Kabinenmüll: Eine elende Luftnummer

Foto: imago/ UIG

Plastikmüll im Flugzeug Was vom Bordmenü übrig bleibt

Plastikbecher, Plastikschalen, Plastikdeckel - Abfall ohne Ende. Fluggesellschaften reden ungern über die Müllmenge, die auf Reisen zusammenkommt. Doch Passagiere können einiges tun, um die Umwelt zu entlasten.

Flug Eurowings 7886 von Hamburg nach Rom, der Steward kommt mit dem Trolley. Einen Tomatensaft und ein stilles Wasser, bitte. Drei Minuten später ist alles ausgetrunken. Und übrig bleiben: ein Plastikbecher, ein Plastikrührstäbchen, ein Tetrapak, ein Plastikstrohhalm, eine Plastikverpackung für den Plastikstrohhalm, eine Papierserviette, ein Pfefferbriefchen und ein Salzbriefchen. Zwei Getränke, schon ist das Klapptischchen voll mit Müll.

Und das ist noch gar nichts. Wenn es Essen im Flugzeug gibt, türmen sich Plastikberge und am Ende eines Langstreckenflugs sieht es in der Maschine bisweilen aus wie auf einer Deponie.

1,43 Kilo Abfall hinterlässt der durchschnittliche Passagier pro Flug, hat die Branchenvereinigung IATA errechnet. Macht bei mehr als vier Milliarden Flugpassagieren hochgerechnet 5,8 Milliarden Kilo Müll pro Jahr. So viel wie 140.000 Boeing 737-Jets wiegen. Und: In den kommenden zehn bis zwanzig Jahren könnte sich der Kabinenmüll nochmals verdoppeln, prognostiziert die IATA.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

"Plastik wird in der Reiseindustrie in Massen eingesetzt", sagt Erik Solheim, Chef des Uno-Umweltprogramms, das auf seinem heutigen Weltumwelttag zum Kampf gegen Plastikmüll aufruft. Aus Plastik sind die Becher, die die Flugbegleiter bei jedem Getränk neu servieren. Ist der Deckel für den Salat und der für den Nachtisch, die Verpackung für das Besteck, oft auch das Besteck selbst, die Kaffeesahne oder der Becher Wasser mit Alu-Deckel. Die Hülle für den Plastikeinwegkopfhörer. Für die Plastikzahnbürste, die Zahnpasta, die Ohrstöpsel. Und, und, und.

Für die Airlines ist Plastik das perfekte Material. Erstens ist es leicht - und weniger Gewicht spart Treibstoff. Zweitens erscheint es hygienisch und individuell, jeden Kleinkram separat einzupacken. Drittens erleichtert Einweg auch die Arbeit.

Ist die Maschine am Boden, kommt die Putzkolonne. Und die hat es eilig. Denn der Turnaround muss schnell gehen, die Maschine so bald wie möglich wieder in der Luft sein. Abfalltrennung ist meist nicht vorgesehen - und mancherorts sogar verboten. "Viele Staaten stufen den Kabinenabfall von ankommenden Flugzeugen aus anderen Ländern als Biogefahr ein und verlangen die sofortige Vernichtung", sagt Jon Godson, Abfallexperte der IATA.

Und so werden die Müllmassen kaum recycelt. Mindestens 80 Prozent des gesamten Bordabfalls wanderten direkt auf die Halde oder ins Feuer, sagt Matt Rance, Chef des Londoner Beratungshauses MNH Sustainable Cabin Services, das für Airlines Konzepte zur Abfallvermeidung entwickelt. "Es ist fast so, als würde man eine meterlange Röhre voller Wegwerfprodukte nehmen, sie auf den Kopf stellen, ausleeren und dann sagen: 'So, füllt alles wieder neu auf.' Das ist traurig."

Fotostrecke

Kabinenmüll: Eine elende Luftnummer

Foto: imago/ UIG

Viele Fluggesellschaften reden nicht gerne über das Müllproblem. SPIEGEL ONLINE hat zehn Airlines mit bedeutendem Deutschlandgeschäft je sieben Fragen zu ihrem Umgang mit Abfall geschickt. Keine einzige Linie war willens oder in der Lage, zu nennen, wie viel Müll sie produziert.

Fünf Anbieter sahen sich sogar außerstande, auch nur eine einzige Frage zu beantworten. Die Golf-Carrier Emirates, Etihad und Qatar Airways erklärten unisono, man habe wegen des Fastenmonats Ramadan keine Möglichkeit Auskunft zu erteilen. British Airways reagierte gar nicht. Turkish Airlines schickte statt Antworten eine PR-Mitteilung, die Bordspielzeug für Kinder aus Holz bewarb.

Easyjet behauptet in einem kurzen Statement, die Crews trennten den Abfall. United Airlines erklärt, man sammle Plastikbecher und Papierboxen für Snacks zum Recycling ein. Ryanair wirbt für seine Initiative, in fünf Jahren "plastikfrei" zu werden, beantwortet aber auch keine einzige konkrete Fragen.

Das Müllproblem müsste richtig in Angriff genommen werden

Am ausführlichsten äußern sich die Lufthansa-Gruppe und Condor. Europas größter Luftfahrtkonzern lässt durchblicken, dass auf einem Flug von Frankfurt nach Los Angeles etwa 80 Kilo Plastikeinwegprodukte an Bord sind. Die Lufthansa-Gruppe habe eine interne Initiative namens "Flygreener" gestartet: mit dem Ziel, das Abfallaufkommen zu reduzieren und mehr zu recyceln. Unter anderem setzt die Kranich-Linie seit 2017 in der Economy verstärkt Mehrwegkunststoffgeschirr ein. Ab 2019 soll ein neuer Plastikbecher aus teils recyceltem Kunststoff an Bord kommen.

Auch Condor versucht nach eigener Darstellung, Einwegplastikverpackungen zu reduzieren. Man habe in der Economy-Klasse ein neues Mahlzeitenkonzept eingeführt, mit "einer umweltfreundlichere Verpackung mit weniger Plastikkomponenten, bei gleichzeitig größerer Portion und einem geringeren Gewicht an Bord aufgrund eines optimierten Serviertabletts", wirbt der Ferienflieger. Und in der Business verzichte man komplett auf Plastik zum Wegwerfen. "Hier erhalten Kunden Edelstahlbesteck, Porzellangeschirr sowie Gläser."

Im großen Stil spülen wollen die wenigsten Airlines. Zu schwer ist das Geschirr, zu teuer und zu aufwendig die Arbeitsabläufe. Dabei würde es oft auch ökonomisch Sinn ergeben, Mehrwegprodukte einzusetzen, meint Berater Rance. Er hat für die australische Fluggesellschaft Qantas einen wiederverwendbaren Kopfhörer entwickelt, der nur im Flugzeug funktioniert und vor der Landung wieder eingesammelt wird. Selbst inklusive Reinigung und Wiederaufbereitung sei das auf Dauer preiswerter als die Plastikeinwegkopfhörer.

Projekte wie diese sind ein Anfang. Die internationale Luftfahrtindustrie insgesamt ist aber noch weit davon entfernt, das Müllproblem ernsthaft in Angriff zu nehmen. Ändern können das am ehesten wir, die Passagiere. Erst wenn viele von uns nicht mehr gedankenlos Einweg an Bord konsumieren und den Plastikwahn in Frage stellen, werden die Airlines umdenken müssen.

Was Sie selbst tun können:

Packen Sie ein: Leere Flaschen, Kannen oder Becher kriegen Sie durch die Security. Und ein selbst belegtes Brot aus der Brotbox schmeckt sowieso viel besser als das Pappsandwich aus der Plastikfolie.
Fragen Sie die Crew: Können Sie meinen Plastikbecher bitte wiederbefüllen? Haben Sie Gläser? Kann man bei Ihnen den Müll trennen? Was geschieht am Ende damit?
Schreiben Sie den Unternehmen: Warum wird so viel Wegwerf-Plastik eingesetzt? Was für Programme haben Sie zur Abfallvermeidung?
Verzichten Sie: Brauchen Sie wirklich auf Nachtflügen die angebotenen Toilettenbeutel voller in Plastik verpackten Einwegprodukte? Wenn ja, nutzen Sie diese wenigstens mehrmals. Das gleiche gilt für Einweg-Kopfhörer: In der Regel enden diese Geräte nach einem Flug auf der Mülldeponie oder in der Verbrennungsanlage - obwohl sie eigentlich in den Elektroschrott gehören.
Nehmen Sie Ihren Müll mit: Die Airlines selbst recyceln kaum. Viele Flughäfen hingegen bieten eine passable Mülltrennung an.