Port Ghalib in Ägypten Vom Glitzerresort zur Geisterstadt

Einer der reichsten Männer der Erde wollte in Port Ghalib seinen Traum vom Luxustourismus verwirklichen. Doch jetzt bleiben in Ägypten die Urlauber aus, viele Hotelzimmer stehen leer. Ein Lehrstück über Größenwahn.

TMN

Port Ghalib - Jeden Donnerstag erwachte Port Ghalib. Dann gingen die Taucher an Bord der Schiffe, flanierten unter den Palmen der Uferpromenade, und in den Restaurants und Cafés war zumindest ein Teil der Stühle besetzt. Die Souvenirhändler stürzten sich auf jeden Touristen und versuchten, ihn mit ein paar Worten auf Deutsch oder Italienisch in ihren Laden zu locken.

In der restlichen Woche war das Retortenstädtchen am Roten Meer sehr ruhig. Jetzt ist es eine Geisterstadt.

Die Unruhen nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi haben die Badeorte Ägyptens hart getroffen. Seit Ende September fliegen deutsche Reiseveranstalter zwar wieder Urlauber ans Rote Meer, nachdem das Auswärtige Amt seine Reisehinweise entschärft hat. Doch bisher trauen sich nur wenige Urlauber zurück nach Ägypten. Dabei sind in den künstlichen Urlaubssiedlungen die Straßenschlachten in Kairo und der Terror auf dem Sinai sehr weit weg. Keine von ihnen ist steriler und größenwahnsinniger als Port Ghalib.

Die Corniche ist das Herz des gigantomanischen Projekts. Am Kai ist die Luxusyacht von Hossam al-Kharafi vertäut. Ein paar Schritte entfernt im Showroom lässt sich der Traum seines Vaters in seiner ganzen Pracht bestaunen. Kleine Lichter scheinen auf die Plätze und Boulevards der Miniaturstadt, weiße Bötchen sind aufs hellblaue Meer geklebt. Vier Wohntürme erheben sich an einer künstlichen Lagune, durch die sich künstliche Halbinseln mit Strandhäusern schlängeln.

Es gibt einen Golfplatz, ein Fußballstadion, viele Gärten und Pools, mitten in der Wüste, Entsalzungsanlagen machen es möglich. Über 31 Millionen Quadratkilometer soll sich Port Ghalib am Ende erstrecken, 200.000 Menschen sollen hier leben und Urlaub machen. Bisher existiert der größte Teil freilich nur als Modell.

Baustopp nach dem Tod des Patriarchen

Port Ghalib ist das teure Riesenbaby von Nasser al-Kharafi. Das Magazin "Forbes" führte den kuwaitischen Investor im Jahr 2011 als Nummer 77 auf seiner Liste der reichsten Menschen der Welt. Al-Kharafi steckte Milliarden in das Projekt. Damit die Urlauber bequem anreisen können, ließ er wenige Kilometer entfernt den internationalen Flughafen Marsa Alam bauen. Für die Eröffnung Port Ghalibs am 6. November 2009 wurde die Popsängerin Beyoncé eingeflogen. Doch im April 2011 starb der Patriarch. Sein Sohn erbte das Projekt. Und ließ erst mal die Bauarbeiten stoppen.

Ein junger Mann führt durch das pseudo-pharaonische Portal mit Zugbrücke ins Intercontinental, eines der drei Luxushotels, die sich um einen riesigen Pool drängen. Die Sonnenliegen sind ebenso leer wie das Marmorfoyer und das orientalische Spa. Wie viele der 308 Zimmer belegt seien? "Nur wenige", sagt ein Hotelangestellter nervös lächelnd.

Vom Yachthafen starten weiter jede Woche die Schiffe ihre Rundtouren zu den Weltklasse-Tauchspots der Brother Islands und des Daedalus Reef. Aber es sind weniger als vor dem politischen Umsturz. Einige Restaurants, Cafés und Läden im Basar haben geschlossen. Die nicht endenden Unruhen bringen das strauchelnde Projekt Port Ghalib weiter in Bedrängnis. Dabei schien sich die Lage in den Badeorten der Region Marsa Alam nach dem Sturz Mursis zunächst zu bessern.

"Plötzlich war die Benzin- und Dieselknappheit erledigt, und die ständigen Stromausfälle blieben aus", sagt Kai Dunkelmann. "Keine kilometerlangen Schlangen an der Tankstelle mehr. Die Bevölkerung war glücklich." Dunkelmann leitet die Tauchbasis der Coraya Divers, eine Viertelstunde Fahrt von Port Ghalib entfernt. Sie gehört zu einem Komplex von fünf Hotels, die sich um eine Bucht scharen.

Als der erste Demonstrant in Hurghada starb und das Auswärtige Amt Mitte August auch von Reisen ans Rote Meer abriet, wurde es hier sehr ruhig. "Viele Hotels und Tauchcenter haben ganz geschlossen", sagt Dunkelmann. Mittlerweile sei rund die Hälfte der vielen Betten wieder gefüllt: Schnorchler und Taucher watscheln wieder über einen Betonsteg zur Kante des Hausriffs. Ein Esel zieht den Karren mit den Pressluftflaschen, er ist wahrscheinlich der am meisten fotografierte Esel Ägyptens.

Kapazität für Hunderte Taucher

Das Korallenriff erinnert an den Wall einer verwitterten Unterwasserburg mit Zinnen, Erkern und Geheimgängen. Blaupunktrochen wuseln durch den Sand, ein Adlerrochen schwebt vorbei, eine Schildkröte stößt sich, aufgeschreckt durch ein Motorboot, mit energischem Flossenschlag abwärts.

Coraya Divers ist eine gut geölte Tauchfabrik, bis zu 320 Taucher am Tag können hier abgefertigt werden. Jeden Tag jagen die Zodiacs hinaus zu den Top-Spots. Zum Dolphin House, wo die Delfine nach der Jagd im Schlaf ihre Achten drehen. Nach Umm Elros, wo Seekühe am Meeresgrund grasen. Und natürlich nach Elphinstone, dem legendären Riff weit draußen im Meer, wo an guten Tagen Schwärme von Hammerhaien durchs Blau ziehen. Früher ankerten hier manchmal mehr als 20 Tauchboote, jetzt geht es unter Wasser deutlich entspannter zu. Zumindest für die Taucher hat die Krise auch Vorteile.

Bei den Bootsfahrten entlang der Küste sieht man die Skelette der halbfertigen Hotels. Nach der Revolution ging vielen Investoren das Geld aus. Wie Mahnmale gegen die Gier des Massentourismus stehen die Bauruinen nun in der Wüste. Ob sie die Erben des Patriarchen zum Nachdenken bringen, ist fraglich. Im Januar 2014 sollen die Bauarbeiten in Port Ghalib weitergehen.

Florian Sanktjohanser/dpa/sto



insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spon-facebook-10000140154 09.11.2013
1. naja, wenn die Menschen in Aegypten........
seit einiger Zeit hauptsächlich damit beschäftigt sind das Land selbst zugrunde zu richten, können sie kaum mit einem großen Zustrom an Touristen rechnen. Weder Militär- noch islamisch geprägte Diktaturen sind bevorzugte Urlaubsziele.
raber 09.11.2013
2. Port Ghalib in Überwinterungsmodus
Warum "Lehrstück über Größenwahn? Sollte dieser Herr Nasser al-Kharafi die politische Entwicklung des Landes so voraussehen müssen? Er hatte das Geld und hat es zumindest investiert und nicht nur gehortet. Jede Investition ist ein Risiko. Falls die Situation des Landes sich wieder normalisiert, wird diese Projekt auch laufen und eine Geldmaschine sein. Ägypten hat viel zu bieten und ist relativ nah. Es gibt viele Retorten-Städtchen für Touristen die erfolgreich sind.
shardan 09.11.2013
3. Die grenzen des Größenwahns...
... beginnen kleiner, früher und von ganz normalen Leuten gesteuert. Werfen Sie mal einen Blick nach Spanien. benidorm - vor 40 Jahren ein reizender Ort, ein paar kleine Hotels, sehr schön. Heute hat es den Spitznahmen "Sankt Zement" und eine Skyline wie Manhattan. Tourismus? entweder gar nicht mehr, oder Billigtourismus nach dem Motto "Billig ist weniger Verlust als gar keine Touris". Was da noch kommt, sind entsprechende Leute und nicht nur das Niveau des angebotenen Urlaubserlebnisses sinkt ins Bodenlose. Ansonsten, viele, viele Appartments und an jedem zweiten steht "Se vende o agiler" - "Zu verkaufen oder zu vermieten". 20 km weiter liegt Calpe, vor 40 Jahren ein kleiner Fischerort, heute eine Bettenburg an der anderen. Um diese Bettenburgen möglichst nah an den Strand zu bekommen, hat man den Felsstrand mit einer kilometerlangen Strandpromenade zubetoniert und Sandstrand auffgeschüttet. Mit zwei Folgen: Zum einen reichen zwei, drei Tage starker Regen und die Stadt steht unter Wasser, weil das Regenwasser nicht mehr ablaufen kann. Zm anderen sind in den Felsen eine große Menge an römischer Felsarbeiten, vermutlich alte römische Bäder, für immer im Beton versunken. Wenn es mal stark stürmt und der künstliche Strand weggerissen wird, kann man einige davon noch bewundern. Fotos kann ich bei Interesse beibringen. Die einzige Konsequenz beider Städte, die hier Beispielhaft genannt wurden: Es wird munter weitergebaut, als gäbe es keine Immobilienkrise in Spanien, als wäre nicht jedes zweite Appartamiento oder Casita schon unter Preis zu verkaufen.
ziehenimbein 09.11.2013
4. Das nenne ich wirklich Größenwahn!
Immerhin soll die Stadt größer als Afrika bzw. viermal so groß wie Australien werden. Kann denn keiner mal über die Zahlen schauen? 31 Mio. km² ist doch ein wenig viel für ein Städtchen!
syracusa 09.11.2013
5.
Zitat von ziehenimbeinImmerhin soll die Stadt größer als Afrika bzw. viermal so groß wie Australien werden. Kann denn keiner mal über die Zahlen schauen? 31 Mio. km² ist doch ein wenig viel für ein Städtchen!
Naja, bei geplanten 200.000 Gästen sind das ja nur 155 km² pro Gast. Da muss man schon zusammenrücken :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.