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Postkartenmotive: Urbayern und rosa Pferdegeflüster

Foto: Schöning Verlag

Postkarten aus dem Urlaub Sonnenuntergänge gehen gar nicht

Urige Bayern laufen immer. Und Nordseerobben. Verleger Boris Hesse erklärt, was eine Postkarte erfolgreich macht.
Zur Person
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Boris Hesse, 49, ist Geschäftsführer des 1919 gegründeten Schöning-Verlags in Lübeck. Der Marktführer verkauft die Hälfte der 50 Millionen in Deutschland produzierten Ansichtskarten im Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Facebook, WhatsApp, Instagram - warum sollte man noch eine Postkarte schreiben?

Hesse: Früher waren Postkarten als Signal zu verstehen. Eine Nachricht, dass man am Urlaubsort angekommen war. Das klappt heute tatsächlich einfacher und schneller als WhatsApp-Message oder Facebook-Post. Dennoch können soziale Medien die Postkarte nicht ersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Hesse: Eine handgeschriebene Karte ist Ausdruck der Wertschätzung für den Empfänger. Denn der Schreiber verwendet das Wertvollste, was er hat: nämlich Zeit. Auch vermitteln Postkarten Mini-Geschichten - und Geschichten verbinden Menschen mehr als Objekte.

SPIEGEL ONLINE: Sie können anhand Ihrer Verkaufszahlen genau sehen, welches Motiv gut läuft. Wie sieht die ideale Karte aus?

Hesse: Acht von zehn Postkarten sind Mehrbildkarten mit vielen kleinen Bildchen. Die Leute wollen zeigen, was sie erlebt haben. Viele kleine Bilder machen es leichter, die Geschichte zu erzählen. Dabei sollte die wichtigste Sehenswürdigkeit des Ortes immer zu sehen sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum drucken Sie immer nur die Top-Sehenswürdigkeiten?

Hesse: Postkarten sind zu 99 Prozent für Touristen gedacht. Wenn ich eine Karte aus Paris sende, muss der Eiffelturm drauf sein, bei uns in Lübeck natürlich das Holstentor. Berlin ohne Brandenburger Tor geht gar nicht. Viele fragen mich, warum wir nicht mal was anderes drucken - aber das sind immer die Einheimischen, denen der Marienplatz oder der Kölner Dom zum Hals raushängt. Wenn die wegfahren, senden sie natürlich auch die Karte, die die Top-Sehenswürdigkeit zeigt.

SPIEGEL ONLINE: Blauer Himmel muss aber sein?

Hesse: Ja, grauen Himmel können Sie vergessen. Wir bearbeiten jede Karte nach und machen die Farben intensiver.

SPIEGEL ONLINE: Und was geht gar nicht?

Hesse: Sonnenuntergänge sind wertlose Motive - sie sind zu austauschbar. Ob das jetzt die Sonne über dem Pazifik oder der Nordsee ist, ist schwer zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Wer schreibt überhaupt noch Postkarten?

Hesse: Ganz überwiegend Frauen ab 40. Die kaufen im Urlaub zehn Karten und drücken ihrem Mann eine davon in die Hand mit den Worten "Jetzt schreib doch mal deiner Mutter." Junge Leute holen schon mal das Smartphone raus, fotografieren eine Karte ab und versenden das dann als WhatsApp. Das finden weder wir noch der Händler vor Ort gut.

SPIEGEL ONLINE: Mal verallgemeinert: Welche Nationalitäten kaufen welche Karte?

Hesse: Okay, ich versuchs mal, abgesehen von den Top-Sehenswürdigkeiten: Russen mögen es hochwertig, oft mit Goldprägung. Japaner lieben den Rhein, darum haben wir auch den Text des Loreley-Liedes auf Japanisch auf der Karte. Amerikaner mögen das Rezept für Schwarzwälder Kirschtorte auf Englisch. Und der urige Bayer in Tracht und die geschmückte Kuh gehen immer für alle Länder.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Postkarte überleben?

Hesse: Ich glaube fest daran. Aber Sie haben natürlich recht mit Ihrem Zweifel. Vor zehn Jahren haben wir noch 35 Millionen Karten im Jahr verkauft, heute sind es zehn Millionen weniger. Unser Verlag setzt inzwischen 50 Prozent mit Kalendern, Reiseführern und Souvenirs um. Kritisch wird es, wenn das Schreiben von Hand nicht mehr in der Schule gelehrt wird. In manchen Schulklassen ziehen Tablets ein, und die Kids tippen heute schon mehr auf Smartphones rum, als sie einen Stift in der Hand halten.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht Ihr Kassenschlager aus?

Hesse: Eine Seekarte mit Möwen, Seehund und Lämmern. Die verkauft sich nun schon seit mehreren Jahren fantastisch, überall an der Nord- und Ostseeküste. Das sind eben die Sehenswürdigkeiten an den Küsten - und nicht irgendwelche Bauwerke.

SPIEGEL ONLINE: Klingt sehr kitschig.

Hesse: Manchmal muss ich schon über meinen Schatten springen. Ich persönlich finde Karten mit Herzchen und romantischen Schriftstilen ziemlich schrecklich, aber ich segne sie dennoch ab. Manche Karten, die mir gut gefallen, verkaufen sich gar nicht, und andere, die ich schlimm finde, gehen prima.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Hesse: Es gibt da eine rosa Pferdekarte. Die ist so richtig scheußlich - verkauft sich aber ebenfalls bestens. Wohl bei jungen Mädchen.

SPIEGEL ONLINE: 21.000 Karten haben Sie im Angebot, pro Jahr gehen 2000 neue Motive über Ihren Tisch. Gibt es da noch Überraschungen?

Hesse: Allerdings. Als im Sommer vergangenen Jahres der G7-Gipfel in Garmisch stattfand, verkauften wir eine Mehrbildkarte, die das Schloss Neuschwanstein zeigte, auf das die Länderflaggen der G7-Staaten projiziert worden war. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, dass das geht. Aber im Nu waren 2000 Karten weg, und wir mussten nachdrucken.

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