Prognose Zweiturlaub könnte Sparzwang zum Opfer fallen

Höhere Kosten für Lebensmittel und Benzin könnten bald auch die Urlaubslust der Deutschen bremsen: Bei einer Umfrage gab etwa jeder Dritte an, künftig bei Reisen zu sparen. Wie sie dies tun werden, ist allerdings noch nicht klar.


Berlin/Kiel - Es sind widersprüchliche Prophezeiungen, die zur Zukunft der deutschen "Reiseweltmeister" derzeit abgegeben werden. An die Parole "Am Urlaub wird zuletzt gespart" klammert sich die Reisebranche gerne - auch in Zeiten, in denen Treibstoff so teuer ist wie noch nie und die Inflation die Vier-Prozent-Marke erreicht. Doch die vielen Sommerbuchungen für 2008 sind meist schon im Januar oder sogar eher getätigt worden und damit in Unkenntnis der jüngsten Preisschübe. Wird der Herbst die Ferientrends verändern? Und ist touristische Mobilität künftig wieder nur etwas für Reiche?

Jeder Dritte will Urlaub einschränken

Noch gibt es darauf keine Antworten, aber in einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap für das ARD-Morgenmagazin gaben 32 Prozent der Deutschen jetzt an, sie wollten sich wegen der steigenden Preise in diesem Jahr im Urlaub einschränken. Es ist also denkbar, dass 2008 später einmal als das Jahr eines klaren Einschnitts im Reiseverhalten der Deutschen in Erinnerung sein wird.

Auch Klaus Laepple, dem Präsidenten des Deutschen Reiseverbandes (DRV) in Berlin, ist Skepsis anzumerken, wenn man mit ihm über die Zukunft seiner Branche spricht. Dann fallen Sätze wie "Es gibt Angst vor Altersarmut, das treibt die Sparquote in die Höhe" - keine guten Voraussetzungen für einen Wirtschaftszweig, der sein Geld auch damit verdient, dass Menschen ihre Einkünfte aus Spaß an der Freude in eine Reise stecken. Laepple hofft, dass die Lohn- und Gehaltsabschlüsse nun "als Untergrenze zumindest einen Inflationsausgleich vorsehen".

Denn nur mit genug Geld in der Tasche können die Deutschen auch künftig so reiselustig sein wie in der Vergangenheit. Kommt mit den steigenden Flugbenzinkosten nun zum Beispiel der Fernreisenboom zum Stillstand? Es sei nicht auszuschließen, dass sich diese Entwicklung abschwächt, gibt Laepple zu, auch wenn er der Meinung ist, "dass Fernreisen weiter wachsen werden". Denn bei 3000 Euro teuren Reisen in andere Erdteile werden rund 100 Euro Kerosinzuschlag weniger stark empfunden als rund 20 Euro Kerosinzuschlag bei einer Kurzreise.

Kürzerer Urlaub, weniger Reisen

Stärker stellt sich für den DRV-Präsidenten die Frage, ob der immer beliebter gewordene Zweit- und Dritturlaub seinen Stellenwert noch lange behalten wird. "Brückentags-Reisen für vier Tage an die Nordsee - das könnten sich viele Leute bald überlegen."

Welche Möglichkeiten, am Urlaub zu sparen, haben die Deutschen? Prof. Martin Lohmann, Tourismusforscher aus Kiel, ist davon überzeugt, dass sich an der Gesamtreisedauer, also der pro Jahr für Urlaubstouren insgesamt genutzten Zeit, zumindest kurzfristig wenig ändern wird. Statt dreimal im Jahr für eine Woche wieder nur einmal im Jahr für drei Wochen zu verreisen, sei eine von mehreren Optionen, um den steigenden Mobilitätskosten Paroli zu bieten. Wieder seltener und dafür jedes einzelne Mal länger zu verreisen - genau das war es auch, was Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer bereits beim Tourismusgipfel 2007 in Berlin von den Deutschen gefordert hatte.

Über die Tatsache, dass Benzin so teuer geworden ist, wird zwar geflucht - in den Urlaub fahren die Menschen aber trotzdem, sagt Lohmann, der die heutigen Spritpreise mit denen vor rund einem Jahr verglichen hat. Das Ergebnis: Mit 1,60 Euro pro Liter liegen sie um etwa 30 Cent über dem Vorjahresniveau. Wer mit dem Auto eine 1000 Kilometer lange Strecke zum Urlaubsort hin und zurück fährt, habe dadurch um 60 Euro höhere Spritkosten als 2007. Das bedeute beim Durchschnittspreis einer Inlands-Urlaubsreise von 957 Euro zwar eine Verteuerung um sechs Prozent. Daran aber werde bei den meisten die Urlaubsreise nicht scheitern, meint der Experte. "Steigt der Benzinpreis auf 2,50 Euro, wäre das allerdings schon gravierend."

Reisepreis steigt langsamer als Benzinpreis

Reiseveranstalter haben zuletzt geringere Preissteigerungen als die an der Zapfsäule bekanntgegeben. Bei der TUI etwa gehen die Tarife für Flugreisen mittlerer Länge im Winter um durchschnittlich 2,9 Prozent in die Höhe, bei Alltours beträgt das Plus 4 Prozent. Aus Sicht von DRV-Präsident Laepple zeigt dies: "Die Veranstalterreise steht preislich weniger unter Druck als andere Reiseformen." Denn durch die Stilllegung von Flugzeugen wurden Kapazitäten aus dem Markt genommen, während die Reiseveranstalter zugleich wieder verstärkt feste Kontingente in den Maschinen abnehmen - und zwar zu günstigen Preisen. Der Einzelplatzverkauf werde sich bei den Fluggesellschaften daher stärker verteuern, als es bei Flugpauschalreisen der Fall ist.

Dafür, dass die Zeichen auf Veränderung stehen, gab es zuletzt täglich neue Signale. Mehrere Fluggesellschaften kündigten zum Herbst das Aus von Transatlantik-Verbindungen wie Köln - New York oder Düsseldorf - Detroit an. Das ferne Ziel Neuseeland rechnet wegen der Kerosinpreisentwicklung nicht länger mit steigenden Besucherzahlen, berichtete das Touristikfachblatt "fvw".

Karibik oder Thailand könnten aus der Mode kommen

Und auch bei Kreuzfahrtanbietern wie Aida Cruises wird nun "täglich überlegt, wie wir die Energiekosten senken können", sagt Sprecher Hansjörg Kunze in Rostock. Es mache sich die Erkenntnis breit, dass die Kombination aus Flug- und Schiffsreise künftig eine größere Herausforderung sein wird. Gerade erst hat Aida die Treibstoffzuschläge erhöht. "Unsere Gäste akzeptieren das, es gibt keine Buchungszurückhaltung", erklärt Kunze. Andere Touristiker erwarten Ähnliches: "Wer fliegt denn überhaupt Langstrecke? Das ist der Obere Mittelstand, da kommt es auf 50, 60 oder 70 Euro mehr nicht so an", meint Öger-Tours-Chef Vural Öger.

Bei vielen anderen Touristen aber könnten diese 70 Euro mehr künftig über die Frage entscheiden, ob und wo sie Urlaub machen. Dass es wegen der gestiegenen Kosten zu einer "Ent-Demokratisierung des Reisens" kommt, erwartet Prof. Martin Lohmann zwar "nicht in einer gravierenden Form für die kommenden Jahre, aber in diese Richtung geht es". Ziele wie die Karibik oder Thailand könnten deshalb in absehbarer Zeit weniger Besuch aus Deutschland bekommen - aus Sicht eines Klimaschützers sicherlich nicht die schlechteste Perspektive.

Christian Röwekamp, dpa



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