Protest gegen Rentenreform Streik blockiert Frankreichs Bahnen und Straßen

Frankreich-Reisende müssen sich auf massive Probleme einstellen: Bahn- und Straßenverkehr sind wegen Protesten gegen Sarkozys Rentenreform behindert. Innerhalb des Landes soll am Montag jeder zweite Zug ausfallen. Wegen eines Streiks in Belgien sind auch Thalys-Züge nach Köln betroffen.


Paris - Kurz vor der endgültigen Entscheidung über Frankreichs unpopuläre Rentenreform halten die Gewerkschaften den Druck auf Präsident Nicolas Sarkozy aufrecht. Die Streiks beeinträchtigen auch am siebten Tag der Ausstände den Bahn- und Flugverkehr. Etwa jeder zweite innerfranzösische Zug soll am Montag ausfallen. Thalys-Züge von Paris nach Deutschland sind ebenfalls gestrichen - allerdings wegen eines Bahnarbeiter-Streiks in Belgien. Dort steht der gesamte Bahnverkehr still.

Wie die Deutsche Bahn mitteilte, fallen die Thalys-Verbindungen Köln-Brüssel-Paris in beiden Richtungen aus. Die ICE-Züge von Frankfurt nach Brüssel enden in Köln. Von dort können Passagiere mit Regionalzügen bis Aachen weiterfahren. Dort gibt es jedoch keinen Anschluss in Richtung Belgien. Die Züge aus der Gegenrichtung fahren ebenfalls nur zwischen Köln und Frankfurt.

"Operation Schnecke" auf Autobahnen

In Frankreich beteiligen sich nun auch zunehmend Lastwagenfahrer an der Protestbewegung. Am Montagmorgen blockierten sie die Zufahrt zu mehreren Treibstoffdepots und starteten auf mehreren Autobahnen zudem eine "Operation Schnecke", wobei mehrere Lastwagen etwa zwei von drei Spuren blockierten. Davon war am Montagmorgen unter anderem die Autobahn in der Nähe des nordfranzösischen Lille betroffen. In Toulouse im Südwesten des Landes versperrten Demonstranten den Zugang zu einem Busdepot.

Auch die Arbeiter in allen zwölf Ölraffinerien Frankreichs setzten ihren Streik am Montag fort, dem siebten Tag in Folge. "Solange sich die Regierung nicht bewegt, bewegen wir uns auch nicht", sagte ein Gewerkschaftsvertreter. Mehr als tausend Tankstellen ging am Montag der Treibstoff aus, wie der Kraftstoff-Importverband UIP mitteilte.

"Von den 4000 Tankstellen der großen Handelsketten, die 60 Prozent des Treibstoffs in Frankreich verkaufen, sind etwa 1500 bei einem Treibstoff-Produkt ohne Nachschub oder vollkommen trockengelegt", sagte ein Vertreter des Verbands UIP, der für große Supermarkt-Ketten wie Carrefour mehr als 4000 der insgesamt 12.500 Tankstellen in Frankreich versorgt. Im Westen des Landes sei die Lage schlechter als im Norden.

Am Dienstag wird weiter gestreikt

Am Sonntag konnte das große Chaos auf den Pariser Flughäfen abgewendet werden, die Versorgung mit Treibstoff lief wieder. "Es gibt überhaupt keine Probleme mehr", sagte der französische Transport-Staatssekretär Dominique Bussereau dem Sender Europe 1. Lediglich kleinere Flughäfen wie Nizza und Nantes bekämen wegen anhaltender Streiks nicht genügend Nachschub. Derzeit fielen aber keine Flüge aus.

Die Fluggesellschaften wurden aufgefordert, an ihren Zielorten oder Zwischenstopps vollzutanken. Auch beim Benzin habe sich die Lage entspannt. Bussereau appellierte erneut an die Autofahrer, keine Hamsterkäufe zu tätigen.

Im Schienenverkehr war es am Sonntag zu Ausfällen und Verspätungen gekommen: Ein Drittel aller Hochgeschwindigkeitszüge und jeder zweite Regionalzug fielen aus. Für Dienstag ist ein weiterer landesweiter Aktionstag geplant.

Sarkozy steuert in dieser Woche auf die entscheidende Bewährungsprobe im Poker um die Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre zu. Bisher hat sich der Präsident entschlossen gezeigt, die Reform auch gegen den Widerstand der Gewerkschaften durchzusetzen. Unpopuläre Maßnahmen der Regierung durch massive Straßenproteste zu Fall zu bringen, hat in Frankreich Tradition.

Belgiens Bahnverkehr steht still, Chaos auf den Straßen

In Belgien hat ein Streik der Bahnangestellten am Montag fast den gesamten Bahnverkehr des Landes gestoppt. Wo sonst am Morgen Pendlerzüge verkehren, blieb es auf den Gleisen ruhig. "In der Wallonie und in Brüssel rollt kein einziger Zug. Nur in Flandern gibt es ein paar wenige Züge, die fahren", sagte ein Sprecher des Bahnbetreibers Infrabel der belgischen Nachrichtenagentur Belga. Da viele Pendler aufs Auto umstiegen, herrsche auf den Straßen Chaos. Am Morgen staute sich der Verkehr auf rund 350 Kilometern im Land.

Nicht nur die Thalys-Hochgeschwindigkeitszüge auf der Strecke Paris-Brüssel-Köln fallen den ganzen Tag aus: "Am Montag verkehrt auf dem gesamten Thalys-Streckennetz kein Thalys", schrieb die internationale Bahngesellschaft Thalys auf ihrer Internetseite über die Lage in Belgien. Reisende können ihre Fahrscheine umtauschen.

Auch Eurostar-Züge von Brüssel in Richtung London fahren zwischen Sonntagabend und Montagabend nicht. "Wir empfehlen allen Bahnreisenden zwischen Belgien und Großbritannien, ihre Reise auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben", schrieb Eurostar auf seiner Internetseite.

Der Streik der Angestellten der staatlichen Bahngesellschaft SNCB hatte am Sonntagabend um 22 Uhr begonnen und soll 24 Stunden lang dauern. Am Montagabend sollen die Züge wieder rollen.

Zu der Aktion hatten die Gewerkschaften aufgerufen. Sie klagen seit langem über schlechte Arbeitsverhältnisse, Personalmangel, nichtausgezahlte Prämien und den Ersatz von Ticket-Verkaufsstellen durch Automaten. Mit dem Streik wollen sie Druck in den Verhandlungen über eine Vereinbarung machen, die die Beschäftigung von 500 Eisenbahnern im Frachtbereich sichern soll.

abl/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 31 Beiträge
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Frank Wagner, 18.10.2010
1. Wenn ich das sehe
schäme ich mich echt, einer von diesen dummen Deutschen zu sein,die zu träge sind sich gegen die Lobbyisten und Abzocker zu wehren. Ich wünsche den Franzosen viel Erfolg !
simin, 18.10.2010
2. Deutschland kann von Frankreich noch einiges lernen
die Deutschen lassen sich deutlich mehr, nein, eigentlich lassen sie sich alles gefallen. Das liegt zum Teil an den handzahmen Gewerkschaften, zum anderen an der Deutschen Bereitschaft zum Verzicht, wenn es denn nur dem Aktienindex hilft. Ok, wir regen uns auch auf, aber nicht mal bei der Wahl hat das Konsequenzen. Unliebsame Reformen werden möglichst zeitfern von Wahlen durchgeboxt, zur Wahl stehen dann ganz andere, vermeintlich wichtige Punkte im Fokus der Medien. Das die meisten DInge nur leere versprechen sind wollen wir nicht wahrhaben. Und sowieso, die anderen würdens auch nicht besser machen
hornbeam, 18.10.2010
3. Sehr löblich...
Bei uns kriegt niemand den Arsch hoch, bei weit inhumanerer Politik gegen die Normalrentner.
Nerix 18.10.2010
4. Frankreich schadet sich selbst
Diese Streik- und Blockadementalität in Frankreich sind wohl noch Nachläufer der franz. Revolution... Zu bestimmten Zeiten hätte sich Deutschland eine Scheibe davon abschneiden können, aber heute bin ich froh, dass es hier nicht diese Ausmaße annimmt. Ich kann es wirklich schwer nachvollziehen, wie man bei jeder eigentlich absoulut notwendigen Reform das halbe Land lahm legen kann. Kein Wunder, dass Frankreich mittlerweile wirtschaftlich und gesellschaftlich (Banlieues etc.) immer mehr abgehängt wird.
sappelkopp 18.10.2010
5. Na super...
...die Franzosen. Die wehren sich wenigsten, wir hingegen lassen uns doch in der großen Mehrzahl zur Schlachtbank führen. Da sollten wir uns ein Beispiel dran nehmen!
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