Pyrenäen Adrenalinrausch im Canyon

Atemberaubende Schluchten, reißende Flüsse: Die spanischen Pyrenäen locken Adrenalin-Freaks mit einem großen Angebot an Aktivitäten – von Canyoning bis Rafting und Hydro-Speed. Wer danach etwas Ruhe braucht, sucht bei Mönchen im Kloster innere Einkehr.


Lérida - Ein mulmiges Gefühl kommt auf. Der Blick in die sechs Meter tiefe Schlucht ist beunruhigend. Links und rechts steile Felswände, der Wassertümpel unten wirkt winzig klein. Canyoning-Guide Conrad López macht Mut: "Du musst einfach nur in die Mitte springen. Das Wasser ist dort tief genug. Tief Luft holen und los". Noch beim Eintauchen ins kalte Gebirgswasser des Noguera Ribagorçana in den spanischen Pyrenäen denkt man: geschafft! Allerdings hält dieses Gefühl nur für einen kurzen Moment.

Denn es geht gleich weiter: Zunächst müssen die Abenteurer mit ihren Turnschuhen, Neoprenanzügen und Schutzhelmen einige Meter schwimmen. Gerade einmal einen Meter haben sie Platz zwischen den hohen Steilwänden. Die Wassertiefe nimmt langsam ab. Schließlich ist Kraxeln über rutschige Felsen angesagt. Schon bald kommt die nächste Hürde: Auf dem Hosenboden rutscht die Gruppe ein glattes Rinnsal mehrere Meter bis ins Wasser hinunter.

Kampf mit den Naturgewalten

Die Höhenunterschiede werden immer größer und Rinnsale zu reißenden Wasserfällen, durch die sich die Abenteuersportler nur noch abseilen können. Das kalte Wasser prasselt auf den Helmen. "Es ist ein Kampf mit den Naturgewalten. Das ist der Reiz. Man kann diesen Fluss nur kennenlernen, wenn man ihn durchschreitet. Wanderwege oder Aussichtplattformen gibt es hier nicht", sagt der Canyoning-Guide.

Canyoning ist in den vergangenen zehn Jahren nicht nur für Bergfans zu einem Trendsport geworden. Es gibt unterschiedliche Niveaus. Einzige Voraussetzung: "Man muss zumindest etwas sportlich sein", sagt Conrad López. Die Kombination aus Klettern, Abseilen, Schwimmen und Springen innerhalb kleiner Schluchten hat ihren Ursprung nicht ohne Grund in den spanischen Pyrenäen. Sie gehören zu den spektakulärsten Bergregionen Europas. Das 430 Kilometer lange Grenzgebirge zwischen Spanien und Frankreich trennt die Iberische Halbinsel vom übrigen Europa ab.

Das Gebiet Alta Ribagorça und deren Nachbarregion Pallars Sobirà gelten als das "Mekka des Abenteuersports" in den katalanischen Pyrenäen schlechthin. Neben Canyoning und Felsklettern sind vor allem die wilden Stromschnellen des Noguera-Pallaresa-Flusses in Pallars Sobrirè bei Rafting- und Kajakfans bekannt. Und wem selbst das noch zu ruhig ist, der schmeißt sich bei Llavorsí ohne Boot ins reißende Wasser. Das sogenannte Hydro-Speed, bei dem man nur noch mit einem kleinen Styroporbrett durch die Fluten schießt, wird immer beliebter.

Zweifellos lernen Urlauber die Naturschönheiten der katalanischen Pyrenäen beim Abenteuersport nicht nur am besten kennen, einige Regionen sind gar nicht anders zu entdecken. Dennoch muss nicht jeder Besucher gleich ein Draufgänger sein, um die atemberaubende Bergwelt genießen zu können.

Hochgebirgsalmen und Bergseen

Zwischen Alta Ribagorça, Pallars Sobirà und dem Arán-Tal lädt einer der schönsten Nationalparks Spaniens zu langen Wanderungen ein. Der Aigüestortes i Estany de Sant Maurici Nationalpark bietet mit seinen Höhenunterschieden zwischen 1200 und 3033 Metern einen Querschnitt durch die verschiedenen Landschaftszonen der Pyrenäen. Wanderwege führen an kristallklaren Bergseen vorbei, schlängeln sich durch Schwarzkieferwälder und enden nicht selten auf Hochgebirgsalmen, die im Sommer von blauem Enzian und Pyrenäenlilien überzogen sind. In dem mehr als 14.000 Hektar großen Nationalpark sind unter anderem Auerhähne, Wildgämse, Bartgeier, Steinadler und Rotspechte zu beobachten.

Im Arán-Tal bieten sich Reitausflüge an, um die einsamen Täler, Pinienwälder und blühenden Bergwiesen zu erkunden. Immer wieder durchkreuzen die Pferde Felder mit wildem Thymian und Klatschmohn. Am Wegrand blühen gelber Ginster und Hahnenklee. Überraschenderweise ist das Arán-Tal im Sommer und Herbst kaum überlaufen. Die Gegend um Baqueira und Vielha ist eigentlich mehr bei Wintersportlern bekannt.

Wie das Arán-Tal, so gehört auch der Cadí-Moixeró Naturpark in der Region Alt Urgell zu den schönsten Landschaften der Pyrenäen. Am besten ist der Park mit dem Mountainbike zu erkunden. Angeboten werden unter anderem organisierte Rundtouren von mehreren Tagen, in denen die Teilnehmer den gesamten Naturpark umrunden. In der zerklüfteten, mit Pinien überzogenen Gebirgslandschaft sind zahlreiche Fahrradwege ausgeschildert, die kreuz und quer durch die unberührte Natur führen. Die steil bis auf 1800 Meter ansteigenden Gebirgspässe sind allerdings nicht immer leicht zu erklimmen.

Wesentlich entspannter ist die Erkundung des Àger-Tals. Da es sich um Ausläufer der Pyrenäen handelt, sind die Höhenunterschiede nicht mehr so gewaltig wie im Cadí-Moixeró Park. Einen Überblick über das Tal können Urlauber beim Gleitschirmflug vom 1580 Meter hohen Montsec-Berg gewinnen: Das Àger-Tal gilt unter Gleitschirmfliegern als eines der besten Fluggebiete in Spanien. Die Region ist mit ihren vielen Stauseen aber auch ein ideales Gebiet für Kanu- und Kajakausflüge. Vor allem die Fahrt vom Canelles-Stausee durch die Congost de Mont-Rebei-Schlucht ist ein Erlebnis: Bis zu 600 Meter türmen sich an beiden Seiten steile Felsmassive.

Ausflüge, um das Àger-Tal näher kennenzulernen, bietet das Hotel-Kloster "Monestir de les Avellanes". Dort können Besucher mit den Mönchen in die Berge ziehen und die Honigstöcke des Klosters einzusammeln. Oder sie begleiten einen Tag lang einen Schäfer mit seiner Herde. Das Kloster organisiert auch Wanderungen zu Höhlen mit Zeichnungen aus der Steinzeit – hier können sogar Gäste übernachten.

Von Manuel Meyer, gms



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.