Québec Eisfall von der Zimmerdecke

Wo im kalten Kanada angesichts von Schneemassen Autos den Dienst verweigern, gibt es zwei Alternativen: laute Motor- oder sportliche Hundeschlitten. In beiden Fällen endet die Fahrt am Eishotel in Sainte Catherine und an der kunstvoll aus Eis geschnitzten Bar.


Sainte Catherine - Laut knattert es aus dem Holzschuppen, weiße Rauchschwaden ziehen durch das offene Tor hinauf in den Morgenhimmel. Es stinkt nach Öl. Einige Fehlzündungen später schießt ein Motorschlitten aus dem Zwielicht des Schuppens ins Freie. Auf dem Bock der schwarzen Maschine sitzt ein bulliger Mann mit angegrautem Vollbart und strahlt übers ganze Gesicht. "Es geht nichts über den Geruch von Napalm am frühen Morgen", ruft er.

Der Besitzer des derben Humors heißt Burt Thierrault. 23 Jahre hat er bei der Air Force gedient, jetzt führt er Touristen mit dem Motorschlitten, den Skidoos, durch die kanadische Wildnis. Sein schneeweißer Arbeitsplatz liegt eine halbe Autostunde nördlich von Québec City zwischen dem Ort Sainte Catherine de la Jacques-Cartier und dem Nationalpark Jacques-Cartier, der nahtlos in das Tierschutzgebiet Laurentides mit seinen Elchen, Bären und Pumas übergeht. 33.000 Kilometer präparierte Piste erschließen Québec im Winter. Hinzu kommen noch einmal 100.000 "wilde" Pistenkilometer.



Wer auf den präparierten Pisten fahren will, muss eine Vignette für 250 Dollar kaufen, die ein Jahr gilt. Dafür weiß er Tankgelegenheiten immer in sicherer Entfernung. 250 Skidoo-Cops stellen Mautpreller und wachen darüber, dass niemand seinem Schlitten zu wild die Sporen gibt: Auf den präparierten Pisten gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Das ist auch notwendig: Die Sportschlitten erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 220 km/h.

"Ein Kanadier hat den Skidoo erfunden - Joseph-Armand Bombardier", schreit Burt, während er den Motor eines neuen Schlittens einstellt. Meist sind es Zweitakt-Motoren, die den Skidoos mit einer Treibstoffmischung aus Benzin und Öl unbändige Kraft verleihen. Bereits einfache Modelle lassen die Antriebsraupe mit 100 PS rotieren. Das reicht, um den Schlitten mit weit mehr als 100 Kilometer in der Stunde durch den Schnee pflügen zu lassen. In Québec parken oft mehr Skidoos vor den Häusern als Autos, mit denen sich nach tagelangen Schneefällen nichts anfangen lässt.

Dick eingepackt in Schutzkleidung geht es auf den Schlitten. Gegen den eisigen Fahrtwind helfen der Helm und eine Sturmmaske darunter. Noch ist das neue Gefährt ungewohnt, der mit den Kufen verbundene Lenker reagiert direkt und ohne Umschweife. Gas gibt der Skidoo-Fahrer mit dem rechten Daumen. Lässt er den kleinen Gashebel los, bremst der Motor. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis das Gefühl für den Motorschlitten da ist und der Skidoo-Novize wieder einen Blick für die malerisch weite Winterlandschaft hat.

Heizung in den Lenkergriffen

Die vielen Seen auf dem Weg nach Norden bieten mit ihren ebenen Eisdecken die beste Gelegenheit, den Skidoo auszufahren. Doch schon bei Tempo 80 scheint der Schlitten abheben zu wollen und sich für den Fahranfänger mit der doppelten Geschwindigkeit zu bewegen. "Wir können von hier direkt zum Nordpol fahren", scherzt Burt. Tatsächlich erstreckt sich die Provinz Québec bis hinauf in die Arktis. Knapp viereinhalb Mal so groß wie Deutschland bietet Québec noch immer Orte, an denen noch nie zuvor ein Mensch war. Schon deshalb ist es eine wichtige Skidoo-Regel, immer die Tankuhr im Auge zu behalten.

Québec: Die kanadische Provinz erstreckt sich bis hinauf in die Arktis
GMS

Québec: Die kanadische Provinz erstreckt sich bis hinauf in die Arktis

Nach etlichen Kilometern bei vielen Grad unter Null kommt die Kälte selbst durch die dicksten Handschuhe gekrochen. Zum Glück sind kleine Heizungen in die Lenkergriffe eingebaut. Auf Knopfdruck verstrahlen sie wohlige Wärme. Den Sitz heizt der Motor. Trotzdem: "Mehr als 250 Kilometer am Tag sollte man nicht zurücklegen, das wird zu anstrengend", rät Burt. Als er mit seinen Schützlingen wieder den heimischen Schuppen erreicht, dämmert es, und der Gasdaumen schmerzt.

Nicht weit von Burts Schuppen entfernt stehen die Holzhäuser der Station Touristique Duchesnay und das Hotel de Glace, ein Eishotel. Das verzweigte und einem Iglu-ähnliche Gebäude beherbergt 32 Zimmer, eine Bar, eine Disco, eine Galerie mit Eisskulpturen und eine Kapelle, wo sich jedes Jahr rund 25 Paare ein eisiges Ja-Wort geben. Durch die Eisblöcke, aus denen die Mauer des Eingangsbereichs gebaut ist, schimmert bläuliches Licht. Im Innern spannt sich auf fünfeinhalb Metern Höhe ein weißes Gewölbe.

Aus 12.000 Tonnen Schnee und 400 Tonnen Eis wird das Hotel seit 2001 jeden Winter neu gebaut. Sieben Wochen dauert es, bis das Gebäude mit 3000 Quadratmetern Fläche steht. "Das Hotel lebt - der Schnee verdichtet sich während der Standzeit um bis zu 95 Prozent", erklärt Ryan Fortner vom Eishotel. Jedes Zimmer hat sein eigenes Design: In einem Raum kommt ein gefrorener Wasserfall aus der Decke, im nächsten hängen Lüster wie in einer Burg. Im Kinderzimmer "Chez Booboo" wacht ein Bär aus Eis über den Schlaf.

Drinks in Eiswürfeln serviert

Wie in fast jedem anderen Hotel auf der Welt zieht es die meisten Gäste nicht direkt ins Bett, sondern an die Bar. Im "Hotel de Glace" ist die transparente Theke natürlich nicht aus Glas, sondern wie die Tische und Stühle kunstvoll aus Eis hergestellt. Sogar die Gläser, aus denen vorzugsweise Wodka getrunken wird, sind nichts anderes als gefrorenes Wasser. Deshalb stecken auch beim Zuprosten die meisten Hände in Handschuhen. Dabei sind die fast konstanten vier Grad minus im Hotel durchaus komfortabel. Schließlich herrschen draußen noch viel menschenfeindlichere Temperaturen.

Gäste, die das Zubettgehen weiter hinauszögern wollen, gehen in eine Holzhütte am Rande des Geländes saunieren. Whirlpools unter freiem Himmel locken daneben mit dicken Dampfschwaden. An dem Sprung aus arktischer Kälte ins heiße Wasser hätte Sebastian Kneipp seine helle Freude gehabt. Wen der Gedanke ans Kleiderwechseln bei vier Grad minus erschaudern lässt: Zum Umziehen und Trockenrubbeln gibt es warme Umkleiden. Doch jeder Versuch, diese mit Feuchtigkeit am Körper Richtung Schlafsack zu verlassen, wird mit einer Erkältung bestraft.

Weil es sich bei den Betten stilecht um Eisblöcke handelt, kommt das Eishotel ohne Zimmermädchen aus. Zur Isolierung liegt nur ein Tierfell auf dem Block. Die Kleider wandern vor dem Schlafengehen in den Kompressionssack des auf sibirische Kälte ausgelegten Leihschlafsacks. In den schlüpfen die Hotelgäste am besten in langer Funktionsunterwäsche, um sich dann gewissenhaft zu "mumifizieren".

Türen gibt es nicht, Vorhänge trennen die Räume vom Flur. Trotzdem sind nur zwei kurze knirschende Schritte im Schnee zu hören, wenn jemand am Zimmer vorbeigeht. Jedes andere Geräusch schlucken die anderthalb Meter dicken Wände. Denn noch besser als Wärme isoliert das Eis den Schall. Noch nicht einmal aus der Disco ist ein Ton zu hören. Im ersten Moment ist die tiefe Stille fast beunruhigend. Dann wirkt sie zusammen mit der frischen Luft in den Lungen und der sich langsam ausbreitenden Wärme im Schlafsack angenehm einschläfernd.

"Viele Leute sagen, sie fühlen sich erfrischt, wenn sie aufwachen - das ist etwas anderes als die trockene Heizungsluft", sagt Ryan. Eine Altersbeschränkung für das Eishotel gibt es nicht. Der jüngste Gast war ein drei Monate altes Baby, der älteste ein 79-jähriger Mann aus Florida.

Beherzter Tritt in den Bremsbügel

Eishotelgäste, die glauben, mit der Kälte per Du zu sein, sollten den Schlittenhunden von Simon Gigou einen Besuch abstatten. Nicht weit von der Station Duchesnay entfernt kümmert er sich um 146 Huskys, Malamute, Grönlandhunde und Samojeden. Die "trinken" am liebsten Schnee und verspeisen vorzugsweise gefrorenes Fleisch. Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts sind ihnen ein Gräuel, Bewegung bedeutet den Tieren das höchste Glück: "Hunde, die wir nicht für die Schlitten brauchen, werden mit Stangen an ein Drehgestell angehängt, damit sie im Kreis laufen können", sagt Simon.

Québec-Reisende, die sich als Steuermann auf die Kufen eines Hundeschlittens stellen, können den Hunden so manche Sisyphos-Runde ersparen. Gelenkt wird intuitiv per Gewichtsverlagerung - niemand muss eine Fahrschulbank in der Wildnis drücken. Nur eine Sache legt Simon den Besuchern ans Herz: Bremsen, bremsen und nochmals bremsen. "Bergab verlieren sonst viele Leute die Kontrolle und rasen in die Hunde, die dann eine Saison lang verstört sind."

Also gilt es, von Zeit zu Zeit beherzt den Bremsbügel zu treten, dessen Zacken sich in den Schnee krallen und die Fahrt bremsen. Hundeschlittenfahren ist angenehm und naturnah, aber auch unerwartet schweißtreibend - eine sportliche Alternative zum Langlauf oder Schneeschuhwandern. Gute Schlitten brauchen eben nicht immer viele knatternde Pferdestärken. Starke Hunde tun es auch.

Von Dirk Averesch, gms



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