SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Dezember 2007, 17:23 Uhr

"Queen Victoria" in Hamburg

Britisch, elegant, öde

Von

Die "Queen Victoria" stellt sich im Hamburger Hafen vor. Das neue Kreuzfahrtschiff der britischen Reederei Cunard ist eine dezente Ausgabe des beliebten Transatlantikliners "Queen Mary 2". Und eine wesentlich langweiligere.

Schwarz, weiß, rot – an Hamburgs Kreuzfahrtterminal liegt eine wahre Cunard-"Queen". Die typischen Farben der britischen Reederei sind auch bei ihrem neusten Schiff, der "Queen Victoria", schon von weitem zu erkennen. Das Schwarz der Rumpffarbe korrespondiert mit den grau getönten Balkonverglasungen und dem dunklen Panoramafenstern der Offiziersbrücke, darüber thront ein massiger Schornstein in Schwarz-Rot.

Im Inneren dominiert nur eine Farbe: Sand. Polster, Teppiche, Wandverkleidungen, Stühle – alles sandfarben, hie und da ein Tüpfelchen gewagtes Orange oder helles Blau, dazu viel dunkles Holz. Die "Queen Victoria", die auf ihrer Jungfernfahrt zu den europäischen Weihnachtsmärkten in Hamburg Station macht, wagt wenige Experimente im Design. Sie ist vor allem eins: gediegen.

Ganz im Stil der Ära ihrer Namensgeberin, der britischen Königin Queen Victoria, sollte das 90.000-Tonnen-Kreuzfahrtschiff gestaltet werden. Als "schwimmenden viktorianischen Palast" bezeichnete Cunard-Sprecher Ingo Thiel das neue Vorzeigeschiff der Reederei. Doch während die Gestalter der großen Schwester "Queen Mary 2" die Stilelemente des Art déco mit Lust zum Kitsch, zu Pomp, Prunk, Glitzer und amerikanischen Lifestyle gelungen eingesetzt haben, ist bei der kleineren und damit bereits äußerlich eleganteren "Queen Victoria" extreme Zurückhaltung zu spüren. Das Design ist derartig dezent, dass es über weite Flur- und Restaurantstrecken schon langweilig wirkt.

Dem Hang zur Sandfarbe geopfert

Dabei empfängt die dreistöckige Grand Lobby mit einem pompösen Wandbild des Luxusliners und einer verschachtelten Treppenanordnung die Kreuzfahrer noch recht eindrucksvoll. Das Royal Theatre mit 830 Plätzen präsentiert sich im satten Theaterrot und verschnörkelt verzierten Logen, die den Häusern im Londoner West End nachempfunden sind. In der gemütlichen Churchill's Cigar Lounge finden Raucher eine der letzten Zuflüchte auf der explizit als Nichtraucherschiff deklarierten "Queen". Und die Bibliothek, die als Einzige weltweit eine Wendeltreppe vorweisen kann, ist mit ihren Bookcases in dunklem Holz an Britishness kaum zu übertreffen.

Im Kasino des Schiffes, dem Empire Casino, ist jedoch von der spielerischen Liebe zum Art déco, die die "Queen Mary 2" ausmacht, wenig zu spüren. Statt leicht bekleideter Damen im Stil der zwanziger Jahre, die sich dort auf den Automaten räkeln, wirken die dunklen Einarmigen Banditen und Roulettetische auf der neuen "Queen", als wären sie in der Ecke der Royal Arcade, der Einkaufspassage des Schiffes, versteckt worden. Und der gigantische Queen's Room, der als Ballsaal dient, ist ganz dem Hang zur Sandfarbe geopfert. Einzig der – wiederum in klassischem Rot und Gold geschmückte - Weihnachtsbaum bringt etwas Farbe hinein. Gegenüber vom Kasino bietet ein Pub im britischen Stil Fish'n'Chips und Guinness an.

Auf diesen steifen britischen Charme setzt die Reederei bei all ihren "Queen"-Schiffen – auch wenn sie selber bereits seit neun Jahren Tochter der US-amerikanischen Kreuzfahrt-Konzerns Carnival Corporation ist, der Hauptteil der Crew nicht aus Großbritannien und die meisten Kunden aus den USA kommen. Immerhin wurde auch die "Queen Victoria", ganz in alter Cunard-Tradition, von einem Mitglied des britischen Königshauses getauft: von Camilla, Herzogin von Cornwall und Ehefrau von Prinz Charles, der das Zerschmettern der Flasche Veuve Cliquot an der Schiffswand in der vergangenen Woche allerdings nicht gelang. Ein schlechtes Omen für die "Victoria", wenn man dem Aberglauben der Seemänner anhängt.

Reines Kreuzfahrtschiff statt Transatlantik-Liner

Der Reederei erfüllt mit dem dezent-gediegenen, eleganten Habitus des Schiffes wahrscheinlich perfekt die Wünsche ihrer Zielgruppe. Auf der "Queen Victoria" soll sich das "oberklassige Klientel" wohl fühlen, wie Cunard-Sprecher Ingo Thiel die potentiellen Kunden beschreibt. Diese Kreuzfahrer im wohl eher gesetzteren Alter würden immer mehr die Sicherheit an Bord eines Kreuzfahrtschiffes zu schätzen wissen.

Auch nach Ausflügen in so turbulente Städte wie Kairo könnten sie sich am Abend in ihr abgeschotteten, schwimmendes Hotels zurückziehen. Multikulti begegnet ihnen dort nur im Restaurant, wenn sie sich bei leisem Gläserklirren über ihre Kreuzfahrtreisen in aller Welt austauschen und vom indischen Kellner bedient werden. Oder an Deck, wenn der Arbeiter von den Philippinen den Pool repariert.

Ganz im Sinne der gediegeneren Kundschaft wird vielleicht auch die Klassentrennung à la "Titanic" sein, die wohl bei Cunard heutzutage einzigartig ist. Zu den Restaurants, dem Innenhof und der Liegefläche auf den obersten Decks haben nur die Gäste der "Grill-Kategorie" Zugang, die eine der Suiten mit bis zu 198 Quadratmetern gebucht haben. Die Kreuzfahrer der Innen-, Außen- und Balkonkabinen dinieren acht bis neun Decks darunter, im Britannia Restaurant.

Die Hansestädter zeigen an diesem frostigen Wintertag wenig Interesse für die dezente Schwester der "Queen Mary 2", als deren größte Fans sie gelten. Fast unbeachtet wurde die "Queen Victoria" am frühen Morgen an den Landungsbrücken vorbeigeschleppt. Nur wenige hundert unentwegte Kreuzfahrtfans lassen sich am Cruise Center die neue Königin der Meere nicht entgehen. Eine schwache Erinnerung an die halbe Million Sehlustiger, die 2004 in die Hafencity strömten, um die "Queen Mary 2" zu erleben.

Die "Queen Victoria" ist eben kein Transatlantik-Liner in alter Tradition, der die Sehnsüchte nach der weiten Welt anspricht. Sie ist ein Kreuzfahrtschiff unter vielen, wenn auch ein besonders teures. Aber vielleicht ist auch diese dezente Ankunft im Sinne der Reederei und ihrer Kunden.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung