Rätselhafter Fund auf schottischem Berg Geheimnis um mysteriöses Klavier gelöst?

Der mysteriöse Fund eines Klaviers auf dem schottischen Berg Ben Nevis hat über Großbritannien hinaus für Wirbel gesorgt. Jetzt gibt es eine mögliche Erklärung für das Rätsel: Ein SPIEGEL-ONLINE-Leser lieferte einen wichtigen Hinweis.

Von Florian Harms


Hamburg - Die Meldung hatte gestern nicht nur in Großbritannien Verwunderung hervorgerufen: Bei einem Naturschutz-Einsatz auf dem Mount Ben Nevis in Schottland waren Umweltaktivisten knapp unterhalb des 1347 Meter hohen Gipfels auf ein Klavier gestoßen. "Unsere Jungs wollten ihren Augen nicht trauen", berichtete Nigel Hawkins von der Umweltschutzgruppe "John Muir Trust" laut der Nachrichtenagentur AFP. In der Holzverkleidung des Pianos habe sich ein kompletter Eisenrahmen mitsamt Saiten gefunden. Nur die Tastatur habe gefehlt.

Britische Umweltschützer mit den Resten des gefundenen Pianos: Kommt des Rätsels Lösung aus Marburg?
AP

Britische Umweltschützer mit den Resten des gefundenen Pianos: Kommt des Rätsels Lösung aus Marburg?

Die britischen Medien rätseln nun über die Herkunft des Musikinstruments. Wie gelangte es mitten in die schroffe Natur am höchsten Berg Großbritanniens? Der "Guardian" berichtet heute, dass von 1884 bis 1904 auf dem Gipfel eine Wetterstation eingerichtet war. Sie sei rund um die Uhr mit Meteorologen besetzt gewesen.

Um sich die Zeit in der trostlosen Gegend zu versüßen, hätten die Wissenschaftler gern Tischtennis gespielt und musiziert. Im Rahmen eines Wurfspiels hätten sie ab und zu auch eines der ausrangierten Musikinstrumente den Berghang hinuntergeworfen. Vermutlich dürfte dabei das eine oder andere Glas Whisky im Spiel gewesen sein. Die Zeitung berichtet allerdings nur von Instrumenten wie Dudelsack, Geige, Flöte und Akkordeon. Von einem Klavier ist nicht die Rede. Und noch ein weiteres Indiz widerspricht dieser Theorie: Die Umweltaktivisten entdeckten direkt unter dem Klavier eine Keks-Verpackung. Darauf war noch das Mindesthaltbarkeitsdatum zu erkennen: Dezember 1986.

"Bis heute ist das eine beliebte Lagerfeuer-Geschichte"

Deshalb klingt eine andere mögliche Erklärung schlüssiger, die heute aus Marburg kam: SPIEGEL-ONLINE-Leser Christian Gloßner, 25, war 1986 oder 1987 - genau erinnert er sich nicht mehr daran - als Kind mit seinen Eltern drei Wochen lang im Urlaub in Schottland gewesen. Als einen Höhepunkt der Reise bestieg die Familie den Ben Nevis. "Wir haben uns früh auf den Weg gemacht", sagte der heutige Psychologiestudent. "Während des Aufstiegs sahen wir plötzlich vier Männer um die 30, die alle weiße Hemden sowie schwarze Hosen und Westen trugen. Sie schleppten unter großer Anstrengung ein Klavier den Berg hinauf. Zwischendrin legten sie Pausen ein: Einer spielte auf dem Klavier und die anderen sangen auf Englisch dazu."

Weil die mysteriösen Musikanten mit ihrer ungewöhnlichen Fracht länger für den Aufstieg brauchten, verlor Familie Gloßner sie dann aus den Augen. "Beim Abstieg drei Stunden später war weder von den Männern noch von dem Klavier eine Spur zu sehen." Das Ereignis war aber so ungewöhnlich, dass die deutschen Urlauber es nicht vergessen haben. "Bis heute ist das eine beliebte Lagerfeuer-Geschichte in unserer Familie", sagt Gloßner. Seine Mutter hat ihm den Vorfall jetzt noch einmal bestätigt.

Ein Detail scheint nicht ins Bild zu passen: Die britischen Umweltschützer berichteten, dass bei dem gefundenen Klavier die Tastatur fehlte. Doch die können die Männer damals ausgebaut und mitgenommen haben. Zu bizarr? Nicht unbedingt. Auf britischen Reiseführer-Websites finden sich Hinweise darauf, dass es in manchen schottischen Wanderer-Kreisen geradezu als "Kult" gilt, ungewöhnliche Gegenstände auf den Mount Ben Nevis zu schleppen und hinterher ein "Andenken" mitzunehmen. So trugen laut dem Portal "Article Karma" im Jahr 1981 Medizinstudenten aus Glasgow ein Bett auf den Gipfel, andere Ausflügler beförderten eine Schubkarre und ein Bierfass nach oben. Ein Schotte namens Kenneth Campbell hievte nach eigener Aussage sogar schon einmal eine kleine Orgel auf den Berg - für eine Spendensammelaktion zugunsten der Krebsforschung. Allerdings sei das bereits 1971 gewesen. Der 64-Jährige äußerte heute gegenüber der schottischen Nachrichtenagentur PA die Vermutung, dass es sich bei dem jetzt gefundenen Instrument um die Reste dieser Orgel handele. Die Tastatur habe er damals nach einem kleinen Ständchen ausgebaut und einem Freund gegeben. Allerdings lässt diese Darstellung die Frage offen, wie die Keks-Verpackung unter das Instrument gelangte - mit einem Haltbarkeitsdatum, das 15 Jahre nach Campbells Ausflug lag.

Die britischen Umweltschützer wollen nun mit einem öffentlichen Aufruf klären, wie das Musikinstrument denn nun tatsächlich auf den Berg kam. Möglicherweise ist das Rätsel aber schon gelöst - mit Hilfe aus Marburg.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.