Rauchverbot in Zügen Ein Hauch von Friedenspfeife

Rauchen verboten! Ab Samstag schafft die Bahn die Exklusivabteile für Qualmer ab. Nach jahrelanger Diskussion scheint die Front zwischen Süchtigen und Leidenden zu bröckeln. Am Berliner Hauptbahnhof ist von Intoleranz kaum etwas zu spüren.

Von Marie Preuß


Berlin - Blauer Himmel über der Biergartenterrasse des Berliner Hauptbahnhofs. Die Spree glitzert in der Morgensonne. Schnell noch einen Kaffee und eine Zigarette, bevor es hinein geht in den rauchfreien Bahnhof. Am Nachbartisch sitzt ein ergrautes Ehepaar. Herr und Frau Schmidt aus Bonn nehmen gleich den Zug nach Usedom. Nein, der Rauch stört nicht. Wir sind ja im Freien. Aber über das kommende Rauchverbot in den Zügen ist Frau Schmidt froh. "Da warte ich schon lange drauf." Da geht auch Herr Schmidt als ehemaliger Raucher mit seiner Frau "völlig konform".

Am kommenden Samstag werden auf allen 5700 Bahnhöfen der Deutschen Bahn und in den Raucherabteilen der ICE und Intercitys die Aschenbecher entfernt und das Rauchen verboten. Auf einigen Gleisen, in Bahnhöfen mit mehr als 100.000 Reisenden, wird es aber weiterhin Raucherbereiche geben. Ein wenig nachdenklich gibt sich Herr Schmidt plötzlich: "Man muss dabei aufpassen, dass man die Raucher nicht ausgrenzt. Wo soll denn der Helmut Schmidt noch in ein Restaurant gehen?"

Das sind sie, die toleranten Nichtraucher. Ob die Diskussionen der vergangenen Monate sie milde gestimmt haben? Die Rede war vom Krieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern und von Vorwürfen wegen fehlender Toleranz. Im Bahnhof jedoch überwiegen versöhnliche Töne. Das schlechte Gewissen, vielleicht zu hart aufeinander eingedroschen zu haben, eint beide Seiten.

Ministerin Schmidt: "Das ist wichtig!"

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Bahnchef Hartmut Mehdorn treten auf Gleis 14 des Berliner Hauptbahnhofes vor die Kameras. Dies ist nicht nur wegen des kontrovers diskutierten Themas kein einfacher Termin. Der Lärm von quietschenden Bremsen und anrollenden Züge macht eine Ansprache der beiden kaum möglich.

Ulla Schmidt versucht es trotzdem: "Der Nichtraucherschutz kommt immer näher." Über den Entschluss der Bahn, alle Züge und Bahnhöfe rauchfrei zu gestalten, freue sie sich besonders, gerade weil immer noch beunruhigend viele Jugendliche mit dem Rauchen beginnen. "Das ist wichtig", ruft sie gegen das Dröhnen eines herannahenden Zuges an. Für sie selber als Nichtraucherin habe es "nichts mehr mit Vergnügen zu tun, in einem Raucherabteil zu sitzen, weil im Rest des Zuges kein Platz mehr frei ist".

Mehdorn pflichtet ihr bei. Viele der Raucher würden zwar einen Platz im Nichtraucherabteil buchen. Dennoch verschwänden sie zum Rauchen in das dafür vorgesehene Abteil und hinterließen dort ihren blauen Dunst. Und immer mehr Familien nutzen die Bahn für ihre Reise. Diese müsse man schützen.

Linda, 18 Jahre alt, sieht das genauso. Rauchend sitzt sie auf den Stufen des Bahnhofs. Sie ist auch eine dieser Verständnisvollen. Vor allem für "kleine Kinder" findet sie das Rauchverbot wichtig. Für sie selber, als "Süchtige", sei es allerdings ein Problem. Sie ist seit zwölf Stunden mit der Bahn unterwegs. "Wenn man dann auch beim Umsteigen nicht rauchen kann, find ich das schwierig."

Qualmverbot im Cockpit

Mehdorn - offizieller Nichtraucher, allerdings dann und wann einem Zigarillo nicht abgeneigt - hat sich jedoch entschieden. Bereits im Oktober 2006 wurde das Rauchen in den Bordbistros verboten, nun geht Mehdorn mit seinem radikalen Verbot aufs Ganze. Er unterstützt damit den Vorstoß der Bundesregierung. Während die Nachbarländer schon längst handelten, werden nach langer Diskussion am 1. September auch in Deutschland bundesweit einheitliche Rauchverbote eingeführt. Die Bundesregierung reagiert damit vor allem auf die Gefahren des Passivrauchens. 3300 Menschen sterben jährlich an den Folgen.

Triebfahrzeugführer Ivan Schulz lehnt aus dem Fenster des Vorzeige-ICEs, an dessen Flanke Schmidt und Mehdorn soeben publikumswirksam das überdimensionale Nichtraucheremblem angebracht haben. Er selbst ist Nichtraucher. Seine rauchenden Kollegen konnten bisher in ihrem Zugführerabteil ihrer Sucht frönen. Und jetzt? Er schmunzelt und zieht die Schultern hoch. Dann der Blick zur Pressereferentin. "Ähm, jetzt sieht's wohl schlecht aus."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.