Regimesturz Deutsche Touristen fliehen aus Tunesien

Raus, nur raus: Tausende deutsche Urlauber verlassen Tunesien, viele hörten vor ihrer Abreise Schüsse. Nach der Flucht von Diktator Ben Ali wurde ein Übergangspräsident bestimmt - doch vielerorts herrscht Chaos. In Tunis ziehen marodierende Banden durch die Straßen, Panzer sind aufgefahren.


Düsseldorf/Berlin - Eigentlich hatten sich die Urlauber auf sonnige Tage gefreut - doch dann eskalierte die Krise in Tunesien. Nach 23 Jahren an der Macht hatte der autoritäre Herrscher am Freitag den Ausnahmezustand verhängt, die Regierung abgesetzt und Neuwahlen angekündigt - dann floh er nach Saudi-Arabien.

Tunesien wird von blutigen Ausschreitungen erschüttert. Mitunter waren Schüsse zu hören, als die Urlauber Hals über Kopf ihre Sachen packten und die Hotels verlassen mussten. Manchen stand bei ihrer Ankunft in Deutschland der Schock ins Gesicht geschrieben.

"Ich bin froh, dass ich daheim bin. Nur schnell raus. Es sind Schüsse gefallen", berichtete Claus Kraft, 36, aus Murr am Neckar nach seiner Landung in Düsseldorf. Er hatte in der Küstenstadt Zarzis Urlaub gemacht. "In der Stadt war überall Polizei", berichtet er. Die Schüsse seien auf dem Markt der Stadt gefallen, später habe er erfahren, dass dort vier Menschen ums Leben gekommen seien - darunter auch ein Mitarbeiter der Hotelrezeption.

Fotostrecke

11  Bilder
Tunesien: Vom Urlaubsland zum Krisenstaat
Reiseveranstalter schätzen, dass sich unmittelbar vor dem Staatsstreich mindestens 7000 Touristen aus Deutschland in Tunesien befanden. Eckard Meyer, 71, aus Hamburg wollte ursprünglich 14 Tage Urlaub in Zarzis machen - er blieb nur vier Tage. Bei der Abreise wurde ihm mulmig. "Nur schnell raus hier", habe er gedacht, als sich Demonstranten und Polizisten in seinem Urlaubsort gegenüberstanden. Andere Hotelgäste hätten den Urlaub allerdings auf eigene Gefahr fortgesetzt und seien trotz Warnungen im Hotel geblieben.

Rückkehrer Rudolf Schmidt-Kasper, 55, aus Memmingen lag am Morgen noch am Pool. Auch er hatte die Demonstrationen am Markt in Zarzis mitbekommen. Der Tourist Hans aus Essen wäre gerne noch länger geblieben. Der 75-Jährige hatte den Nachmittag noch am Strand verbracht. Als er zurückkam, habe der Hotelchef ihm gesagt, dass er seine Sachen sofort packen müsse.


Die großen Reiseveranstalter haben für die kommenden Wochen alle Reisen nach Tunesien storniert. Kunden können sich bei ihrem Veranstalter über Details informieren. Die Kontaktdaten im Überblick:

  • TUI: 0511 567 8000 oder http://www.tui.com
  • Thomas Cook und Neckermann: 06171 65 65 190 oder http://www7.thomascook.info/tck/Reisehinweise_Startseite.jsp
  • REWE Touristik, ITS, Jahn Reisen und Tjaereborg: 02203 42 800 oder http://www.rewe-touristik.com/offen/presse/aktuelles/index.php
  • L'tur: 00800 212 121 00


Während die Deutschen das Land verlassen, versuchen manche Tunesier so schnell wie möglich wieder hineinzukommen. Auf dem Pariser Flughafen Orly drängten sich am Samstagvormittag zahlreiche Tunesier vor den Schaltern. "Wir sind sehr besorgt um unsere Kinder", sagte ein 42 Jahre alter Rechtsanwalt aus Tunis. "Die Situation ist extrem beunruhigend, es gibt viel Gewalt und Plünderungen", sagte er. Gemeinsam mit seiner Frau hatte er Verwandte in Paris besucht, die Kinder im Alter von zwei und vier Jahren waren bei den Großeltern geblieben.

Tunesien wird seit Wochen von gewaltsamen Protesten gegen die Regierung erschüttert. Der Unmut vieler, vor allem junger Menschen richtet sich gegen die hohe Arbeitslosigkeit, hohe Preise und mangelnde Freiheiten. Bei Ausschreitungen hatten Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen mehrfach auf Demonstranten geschossen. Menschenrechtler nannten bis Donnerstag die Zahl von 66 Toten.

Auch nach der Flucht von Diktator Ben Alihielten die Massenproteste an. Bei einem Gefängnisbrand in der Stadt Monastir sind am Samstag nach ersten Informationen mehrere Dutzend Menschen ums Leben gekommen.

Ein massives Militäraufgebot versucht, in den Straßen der Hauptstadt Tunis für Ruhe zu sorgen. Mehrere hundert Soldaten errichteten in der Innenstadt Straßensperren und blockierten mit Panzern den Zugang zur Hauptdurchgangsstraße ins Zentrum. Marodierende Banden ziehen nach Angaben von Einwohnern durch die Stadt, setzen Gebäude in Brand, plündern und greifen Menschen an. Ein Armeehubschrauber kreist über der Innenstadt. In den Arbeitervierteln am Rande von Tunis bewaffneten sich Anwohner mit Metallstangen und Messern, um Plünderer abzuwehren.

ssu/AFP/dpa/Reuters



insgesamt 1324 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ewspapst 14.01.2011
1.
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
Wozu braucht Tunesien denn Reformen, es ist doch ein durch und durch kapitalistisches Land und dementsprechend muss es doch allen gut gehen. Ich verstehe diese ganzen Unruhen der " Strasse" nicht, man darf sich doch vom Pöbel nicht beeinflussen lassen. So viele Deutsche haben sich dort im Urlaub immer wohlgefühlt und auch den dortigen Wohlstand bewundert. So, oder so ähnlich würden wir in der nächsten Zeit über die Lebenslage der tunesischen Bevölkerung "informiert". Ich hoffe aber, diesmal klappt es nicht.
Tunesier 14.01.2011
2. Kein Zurück mehr!
Ich glaube, es gibt kein Zurück mehr für Ben Ali. Sein Regime zerfällt gerade. Immer mehr Menschen, Prominente und Angestellte (wie beim Staatsfernsehen) outen sich. Der Moderator der letzten "mutigen" TV-Sendung von gestern Abend sagt: Es war alles nur reine Inszenierung! Was gibt es noch mehr zu sagen? Zu den Plünderungen: Schon seit Tagen gibt es zahlreiche Gerüchte. Nicht die Demonstranten brennen die Geschäfte, sondern regierungstreue Banditen. Sie setzen Gebäude in Brand und plündern Geschäfte oder lassen die Menschen von denen plündern, nachdem sie die Türen kaputt machen. Es ist noch ein Versuch Ben Ali's das Land ins Chaos zu stürzen und die Demonstranten als Terroristen und Banditen darzustellen. Danach will er der Retter sein. Das wird ihm inscha Allah nie gelingen. Wir wissen wer er ist und was er getan hat und wozu er fähig ist. Morgen früh auch viele Demos in Deutschen Städten. Wie lange wird der Westen weiter zuschauen? Es findet seit Wochen ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit!
ratxi 14.01.2011
3. Durch diese Unruhen...
Zitat von sysopPlötzlich ging es ganz schnell: Die Protestbewegung in Tunesien hat den umstrittenen Langzeit-Präsidenten Ben Ali aus dem Amt gejagt. Im Land herrscht nun Chaos, es gibt weitere Ausschreitungen - und noch mehr Tote. Wie geht es nun weiter?
...kommt die ganze Unzufriedenheit der Menschen an die Oberfläche und das Ganze scheint nun eine Eigendynamik zu bekommen. Ich denke nicht, dass Ali Die Leute noch beruhigen kann. Warum sollten sie ihm glauben? Warum sollten sie ihn an der Macht lassen, wo sie doch jetzt schon so weit sind? Jeder tut ja nur ein bisschen, dann ein bisschen mehr und der Mob macht den Rest.
zackzodiac, 14.01.2011
4.
Die Demonstranten in Tunesien zeigen uns, wie man eine ungewollte Regierug los werden kann. Bravo!
Tunesier 14.01.2011
5. Position von Frankreich
Ein französischer Oppositioneller (Olivier Besancenot) fordert die französische Außenministerin (Alliot-Marie) sich entweder zu entschuldigen oder zurückzutreten. Noch vor zwei Tagen sagte sie, wir wollen unser Savoir-Faire der Polizei, wie sie Demos zurückhält, an Ben Ali weitergeben! Wow! Könnte die Lage in Tunesien sogar Auswirkungen auf europäische Staaten haben? Dass sie arabische Staaten und Diktaturen verändern wird, steht außer Frage. Heute ist ein neuer (und hoffentlich ein schöner) Tag in der Welt-Geschichte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.