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70. Geburtstag: Reinhold Messner, eine Bergsteigerlegende

Foto: Horst Ossinger/ dpa

Interview mit Reinhold Messner "Meinen 70. feiere ich im Biwak"

Reinhold Messner wird 70 Jahre alt. Im Interview redet der Südtiroler Extrembergsteiger über die größte Tragödie und den größten Erfolg seines Lebens, die Präsenz des Todes - und über seine ungebrochene Provokationslust.

SPIEGEL ONLINE: Herr Messner, Sie werden 70 Jahre alt. Würden Sie sich einen Achttausender noch einmal zutrauen?

Messner: Ja. Mit Sauerstoff und zwei Trägern könnte ich über die eigens gebaute Touristenpiste problemlos auf den Mount Everest. Aber das wäre mir so peinlich, dass ich nicht einmal daran denke. Da gehe ich lieber einen Sechstausender in Eigenregie oder mit meinem 23-jährigen Sohn in Südtirol zum Klettern. Wenn es schwieriger wird, geht er vor. Dann sagt er: "Papa, wenn du nicht ordentlich trainierst, dann kommst du bald nicht mehr hinterher." Das sind die Momente, in denen er Mitleid mit seinem alten Vater hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie feiern Sie?

Messner: Hoch oben in den Dolomiten mit einem Biwak. Mit der Familie und den engsten Freunden, jeder bringt seinen Schlafsack mit.

SPIEGEL ONLINE: Was empfinden Sie als den größten Erfolg Ihres Lebens?

Messner: Mein Museumsprojekt über das Verhältnis zwischen Berg und Mensch - mit dem kann ich auch Besucher faszinieren, die noch nie etwas Höheres bestiegen haben als einen Barhocker. Bisher gibt es an fünf Orten in Südtirol Museumshäuser, die sechste und garantiert letzte Ausstellung auf dem Kronplatz bei Bruneck ist kurz vor der Fertigstellung. Zu meinem Siebzigsten werde ich dort auch meine eigene Geschichte erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie das Messner Mountain Museum bauten, warfen viele Ihnen vor, mit einem alpinen Disneyland Ihr eigenes Mausoleum schaffen zu wollen.

Messner: Hätte ich die Museen gebaut, um mich selbst zu feiern, wäre ich heute schon pleite. Solche Vorwürfe beleidigen meine Intelligenz. Aber ich habe immer schon polarisiert, auch weil ich sage, was ich denke.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Messner: 1978 kam ich von der Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffflaschen nach Hause. Beim Empfang sagte ein Südtiroler Landesrat, mit dem Messner hätte endlich mal jemand die Südtiroler Fahne aufs Dach der Welt getragen. In meiner Dankesrede erwiderte ich, ich sei nicht für Südtirol dort hinauf, sondern für mich selbst. Und ich wüsste gar nicht, welche Fahne er meine, und schwenkte mein Stofftaschentuch. Danach wurde ich als Nestbeschmutzer und Heimatverräter beschimpft, und das war noch das Harmloseste. Ich war ab da in Südtirol unerwünscht.

SPIEGEL ONLINE: Sie eckten auch danach immer wieder an, teilten die alpine Welt in große Bewunderer und erbitterte Gegner. Würden Sie heute manches vorsichtiger formulieren?

Messner: Nein. Vieles eher noch schärfer. Ja, ich provoziere und liebe eben auch die verbale Auseinandersetzung und Klarheit.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bergsteiger der Gegenwart bewundern Sie?

Messner: Es gibt grandiose Kletterer. David Lama mit seiner freien Besteigung des Cerro Torre, sagenhaft. Alexander Huber in seiner besten Zeit oder der Österreicher Hansjörg Auer. Oder auch Alex Honnold, der kalifornische Speed-Kletterer. Bei dem kann ich oft gar nicht hinschauen, aus Angst, dass er herunterfällt.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem Sie 1970 den Gipfel des Nanga Parbat erreicht hatten, kam Ihr Bruder ums Leben. Waren Sie damals zu ungestüm, zu leichtsinnig?

Messner: Wir haben damals überzogen. Wären wir knapp vor dem Gipfel umgekehrt, wären wir wohl unversehrt ins Lager zurückgekehrt. Als junger Mensch aber willst du an die absolute Grenze, ans Limit. Es ging für Günther und mich um unseren ersten Achttausender. Darum stiegen wir weiter. Dann aber wurde die Zeit knapp, mit den Kräften waren wir am Ende, es kam zur Katastrophe.

SPIEGEL ONLINE: Das war die größte Tragödie in Ihrem Leben?

Messner: Es war ein Fehler, den Gipfel zu besteigen. Weil Günther geschwächt war, musste ich im Abstieg voraus einen Weg suchen. Und als ich ihn fand und meinem Bruder winken wollte, hatte ihn schon eine Lawine erschlagen. Dass ich in diesem Chaos - überall Gletscherspalten und Abbrüche - überlebt habe, war nur Zufall. Günthers Tod war meine schlimmste Niederlage, nun lebe ich mit der Last des Überlebenden.

SPIEGEL ONLINE: "Ohne die Präsenz des Todes wäre das Leben unerträglich", haben Sie mal gesagt. Würden Sie das heute wiederholen?

Messner: Ja. Wirklich präsent wird mir der Tod aber nur, wenn ich krank bin. Ansonsten habe ich erst vier-, fünfmal Situationen erlebt, in denen ich keine Überlebenschance mehr sah. In denen ich mich damit abfand, mich in den Tod fallen zu lassen. Gemessen an den Strapazen, die ich mir zugemutet habe, bin ich mit meinem gesundheitlichen Zustand zufrieden. Das Sterben war nie ein Problem für mich. Trotzdem, es wäre Glück, eines Abends gesund einschlafen zu können und am Morgen nicht mehr aufzuwachen.

SPIEGEL ONLINE: Manche glauben, der Tod sei im Leben eines Menschen die größte Erfahrung. Wie sehen Sie das?

Messner: Genau so. Das Bewusstsein, dass wir ab dem ersten Tag Sterbende sind - diese Einsicht entwickelt sich im Leben natürlich erst später. Anfangs denkst du nicht an den Tod. In meinen wilden Jahren fühlte ich mich auch wie Jung-Siegfried, dem nichts passieren kann. Aber mit dem Tod meines Bruders Günther kam schnell die Erkenntnis, dass das Leben eine sehr brüchige Angelegenheit ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor Ihrem Wohnsitz in Schloss Juval ein tibetisches Grabmal für sich und Ihre Frau errichtet. Glauben Sie wie die Buddhisten an eine Form von Wiedergeburt?

Messner: Nein, das heißt aber nicht, dass es nicht doch etwas jenseits unserer Bewusstseinsebene und unserer Erkenntnismöglichkeit gibt. Ich würde eher sagen, ich bin ein Possibilist und lasse alles offen. Nur verpatze ich mir das Leben im Hier und Jetzt nicht mit Hoffnungen an irgendein Jenseits. An jenseitige Versprechungen zu glauben und dadurch das Leben hier zu versäumen, wäre ein Betrug an mir selbst.