Reise-Apps "Angst, die bessere Alternative zu verpassen"

Boutiquehotels, Szene-Bars, günstige Mietwagen: Dank unzähliger Reise-Apps können Touristen den Urlaubsort schon vor der Abreise erkunden und Leistungen per Smartphone buchen. Ein Zukunftsforscher erklärt, warum zu viel Planung der Reisekultur schadet.
Digitale Reisehelfer: "Suche nach dem Paradies"

Digitale Reisehelfer: "Suche nach dem Paradies"

Foto: TMN

Berlin - Wer in naher Zukunft nach Paris fliegt, setzt sich womöglich erst einmal an die Champs Élysées, bestellt einen Café au Lait und bucht in bester Kaffeelaune das Hotelzimmer über sein Smartphone. Klingt abgehoben, ist aber schon heute möglich. Laut dem "Mobile Travel App Guide", der zur Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin erschienen ist, gibt es allein im deutschen Apple-Store mehr als 26.000 Reise-Apps. Die kleinen Programme können Flüge und Hotels buchen, Wissenswertes zu Sehenswürdigkeiten erzählen und ein Restaurant in der Nähe empfehlen. Die große Frage lautet: Wird sich das Reisen dadurch grundlegend verändern?

Feststeht, dass das Internet für den Reisemarkt jedes Jahr wichtiger wird. Immer mehr Urlauber informieren sich online und buchen gleich im Netz. Zwar wurden mobile Informationsangebote bereits 2011 auf der ITB diskutiert, doch auch ein Jahr später spielt das Surfen auf Reisen noch eine untergeordnete Rolle. Man sei "sicher erst am Anfang einer spannenden Entwicklung", formulieren die Autoren der Reiseanalyse 2012 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).

Laut der Untersuchung nutzte Anfang 2012 rund ein Viertel (24 Prozent) der deutschsprachigen Bevölkerung einen mobilen Internetzugang, wozu allerdings bereits ein Laptop zählt, den man auf der Couch benutzt. Rund jeder Siebte (14 Prozent) ging per Smartphone oder Tablet-Computer ins Netz. Weiter befragt wurden diejenigen, die einen mobile Netzzugang hatten und in den vergangenen zwölf Monaten verreist waren. Das Ergebnis: Fast die Hälfte (48 Prozent) gab an, unterwegs schlicht E-Mails zu empfangen und zu lesen - die Hauptmotivation für das mobile Surfen im Urlaub.

Jeweils rund ein Viertel gab aber auch an, auf Reisen per Smartphone Informationen über Angebote vor Ort (24 Prozent) oder über das Reiseziel im Allgemeinen (23 Prozent) zu sammeln, auch zur Orientierung nutzte jeder Vierte (23 Prozent) seinen mobilen Netzzugang. Die große Auswahl an Apps macht es möglich.

App in den Urlaub!

Flüge suchen und buchen, online einchecken: Das machen die Applikationen von British Airways, Lufthansa oder Easyjet ohne Probleme von unterwegs aus möglich. Flughäfen wie Frankfurt oder Heathrow in London informieren per App über den Flugstatus, Parkmöglichkeiten und Restaurants. Züge lassen sich über die Apps von Deutscher Bahn, Eurostar oder Rail Europe buchen. Und über die Apps von Sixt, Avis oder Europcar ist ein Mietwagen schnell verfügbar.

Ebenfalls beliebt sind Apps für die Hotelbuchung, sei es für einzelne Häuser oder große Ketten. Auch Vergleichsportale wie Booking.com, iHotel oder Expedia Hotels bieten ihre Dienste per App an. Mit der Bookatable-App lässt sich sogar ein Restauranttisch reservieren, allein für Mallorca sollen 90 Angebote gelistet sein. Doch noch dienen Apps vornehmlich zur reinen Information.

Nur sechs Prozent der Befragten in der FUR-Analyse nutzten zum Beispiel das mobile Internet, um eine Unterkunft zu reservieren. "Das Buchen von Leistungen spielt unterwegs (noch) keine große Rolle", so das Fazit der Autoren. Hinzu kommt, dass das mobile Surfen im Ausland immer noch ziemlich teuer ist.

"Apps optimieren das Reisen, sie revolutionieren es aber nicht", sagt Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. "Apps bieten immer dann einen Vorteil, wenn ich Zeit spare und schneller den Weg finde", erklärt der Tourismusforscher. "Zeit ist im Urlaub eine kostbare Ressource, wir verreisen immer kürzer."

Suche nach dem Unbekannten

Doch das Optimieren hat eine Kehrseite: "Die Spontaneität geht verloren", sagt Reinhardt. "Früher war es so: Ich schlendere durch die Altstadt und bleibe in einer kleinen Gasse hängen." Und heute? Mit einer App können sich Urlauber schon vorher informieren, wo sie welches Essen bestellen können und wie viele Menschen ein Restaurant empfehlen - ein unscheinbares, aber gutes Lokal übersieht man da schnell.

Zudem lassen sich die Touristen laut Reinhardt schon von wenigen schlechten Bewertungen abschrecken, sein Beispiel: "Ein Restaurant hat 120 gute Bewertungen und 10 schlechte, und man geht trotzdem nicht hin, denn irgendwas muss da faul sein."

Durch lokale Empfehlungen einer Community, die stets per Smartphone verfügbar ist, entsteht - so seine These - eine Art Gruppenzwang. "Da ist immer die Angst, die bessere Alternative zu verpassen", beschreibt es Reinhardt. Sogenannte Location Based Services mit auf den Ort zugeschnittenen Tipps können zwar das Risiko eines Fehlgriffs mindern. Das gehe aber zum Beispiel auf Kosten der realen Kommunikation mit den anderen Reisenden und mit den Menschen im bereisten Land.

"Im Urlaub geht es darum, sich auch mal angenehm täuschen zu lassen", findet Reinhardt. Eine Reise ins Unbekannte - das komme der Suche nach dem Paradies nahe. "Jeder sucht die kleine unbekannte Insel, auf der noch niemand vorher war", sagt Reinhardt. Durch den Zugriff und Abgleich ständig verfügbarer Informationen ginge diese Erfahrung verloren. Der Zukunftsforscher fragt: "Muss ich wirklich noch reisen, wenn nichts mehr zu entdecken ist?"

Seine Empfehlung lautet: Apps dann nutzen, wenn sie Zeit und Aufwand sparen. "Aber wir sollten aufhören, alles zu dokumentieren. Es geht viel verloren, wenn man nur noch mit Smartphones herumläuft. Wir sollten im Urlaub abschalten, auch unsere Geräte."

Philipp Laage, dpa
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