Reisefotografie Sehen, knipsen, staunen

Jeder kann phantastische Reisebilder machen, selbst mit einer durchschnittlichen Digital-Knipse. Behauptet zumindest Reisefotograf Peter Schickert. Ein Foto-Rundgang durch Lübeck beweist: Der Mann hat Recht.

Lübeck - "Stört es Sie, wenn Sie mit im Bild sind?" Der Angler an der Trave deutet ein Kopfschütteln an, im selben Moment klickt schon der Auslöser der Kamera von Peter Schickert . Zwei weitere Bilder, schon läuft der Fotograf weiter, macht noch ein Foto aus der Distanz. "Oft entstehen die besten Personenfotos, wenn sich das Motiv entspannt und nicht mehr glaubt, im Bild zu sein", sagt der braun gebrannte 41-Jährige mit schwarzem Piraten-Bandana und winzigem Unterlippenbärtchen. Seine Bilder erschienen in "Merian", SPIEGEL, "Stern" und "Geo" sowie fast sämtlichen großen Tageszeitungen.

Dabei verwendet Schickert eine Ausrüstung, die mancher Hobbyfotograf belächeln würde - ein solide digitale SLR-Kamera, drei Objektive, darunter ein "wirklich schlechtes" 28-bis-300-Millimeter-Zoomobjektiv, ein paar Speicherkarten, NoName-Ersatzakkus, die er bei eBay ersteigert hat, eine tragbare 60-Gigabyte-Festplatte. Mehr nimmt der pragmatische Minimalist nicht mit auf seinen Reisen. Schließlich soll die Tasche nicht zu schwer werden, wenn er zu Fuß auf Motivjagd geht.

Schickert verzichtet auf ausgefeilte Blitztechnik und meistens sogar auf ein Stativ. "Das dauert mir zu lang - bis ich das aufgebaut habe, ist schon das Motiv weg." Stattdessen stützt er die Kamera auf Geländern oder Vorsprüngen ab oder lehnt sich an einer Mauer an, um eine ruhigere Hand zu haben, dann macht er zwei oder drei Bilder mehr, damit eins davon scharf ist.

Können zählt mehr als Technik

"Selbst mit einer kleinen Digitalknipse kann man hervorragende Bilder machen - man muss nicht wahnsinnig viel Geld für Ausrüstung ausgeben", sagt Schickert. Für ihn basiert Fotografie auf ein paar simplen Grundregeln über Licht, Tageszeit und Bildkomposition, der Rest ist Erfahrung. "Inzwischen lösche ich noch drei oder vier von hundert Bildern, früher waren das viel mehr."

Schickert war Bassist in einer Hardrockband, Tontechniker, Grafikdesigner und Reisekaufmann, bevor er begann, als Fotograf die Welt zu bereisen. Er war in Indien, Nicaragua, auf den Seychellen und zuletzt in Nepal. Oft ist er auch in Deutschland unterwegs. Bei einem Rundgang durch die Lübecker Altstadt erklärt er, worauf es ankommt, wenn man bessere Reisebilder knipsen will.

Los geht es am Holstentor. Bei einem so bekannten Bauwerk, das jeder von Fotos kennt, sei es wichtig, zusätzliche Elemente als Rahmen zu verwenden. Schickert platziert eine der Löwenstatuen am anderen Ende des Parks ins rechte Bilddrittel oder einen Strauch mit roten Rosen als Unterkante. Menschen im Bild vermitteln eine Vorstellung von den Dimensionen des Backsteinbaus.

Kein Problem mit Kitsch

Ein paar Standard-Postkarten-Fotos müssen allerdings doch noch her. "Komischerweise verkaufen sich meine 08/15-Bilder besser als die, die mir selbst besonders gefallen." Auffallend häufig finde er beispielsweise Abnehmer für Bilder mit Menschen im Café im Vordergrund. "Manche nennen das Kitsch - aber ich habe kein Problem damit, auch typische Postkartenmotive zu fotografieren." Er empfiehlt auch Foto-Neulingen, einfach mal am Postkartenstand herauszufinden, wo gute Standpunkte für den Fotografen sind.

Für Schickert ist die Fotografie kein Ganztagsjob, weil die meiste Zeit des Tages das Licht sowieso nichts taugt. "Mittags setze ich mich lieber ein paar Stunden in die Sonne", sagt er. "Das soll ja nicht in Arbeit ausarten." Sollen doch andere Fotografen stundenlang an einem Motiv ausharren und auf das perfekte Licht warten. "Ich versuche, mir den Spaß bei der Sache zu erhalten."

"Blaue Stunde" dauert 15 Minuten

Häufig bringt nicht intensive Vorbereitung, sondern der Zufall die besten Motive, sagt Schickert, der noch nie in Lübeck war und außer der Kameratasche lediglich einen Stadtplan aus der Touristeninformation dabei hat. Die Ausbeute eines ganzen Tages ergebe sich oft in wenigen Minuten. Etwa dann, wenn die Stimmung im Abendlicht perfekt ist. Oder zur "blauen Stunde", also in den 15 bis 20 Minuten nach Sonnenuntergang, wenn der Himmel ein kräftiges Dunkelblau hat, aber noch nicht schwarz ist.

Heute ereignet sich dieser Zufall am Trave-Ufer nahe der Dankwarts-Brücke: Im Abendlicht am Fluss sonnen sich mehrere wunderbar fotogene Gestalten, die nur darauf zu warten scheinen, abgelichtet zu werden. Drei ältere Damen vor pittoresker Altstadtfassade, eine schwarzgraue Katze in der Abendsonne, zwei Jungen in einem Schlauchboot, Frauen in indischen Saris mit Kind. "Kommen Sie aus Lübeck?" fragt der Fotograf die beiden, nachdem er das Gruppenbild im Kasten hat, sie bejahen - auf Lübeck-Fotos sollen auch Lübecker drauf sein.

"So was lässt sich nicht planen", sagt Schickert begeistert und läuft weiter von einem Motiv zum nächsten - für keines wählt er mehr als einen Standpunkt, langjährige Erfahrung bei der Bildkomposition zahlt sich aus. Schließlich verrät er noch, dass er sich bei den meisten Bildern kaum um Belichtung und Blende kümmert, sondern auf die Programm-Funktion der Kamera vertraut.

"Ich habe spaßeshalber mal einen Reisefotografie-Kurs an der VHS gemacht", erzählt er. "Da war dieser ältere Dozent mit Vollbart, der seitenweise Listen mit mathematischen Formeln verteilte, um uns die Fotografie zu erklären." Das Bild wurde zum Nebenprodukt der Theorie. "Am Ende des Kurses hatte keiner auch nur ein einziges gutes Foto."

Auf den folgenden Seiten: Acht Tipps für perfekte Reisefotos von Peter Schickert

Die richtige Komposition

Die richtige Komposition

Ein Standard ist die Orientierung am Goldenen Schnitt oder einfacher an der Drittel-Regel - man denkt sich das Bild vertikal und horizontal dreigeteilt und positioniert die wesentlichen Objekte auf diesen Linien. "Nach einiger Zeit macht man das automatisch, das macht einfach Sinn", sagt Schickert. Ebenso automatisch sollte man sich angewöhnen, bei frontaler Perspektive die Linien von Türmen und Horizont parallel zum Bildrand verlaufen zu lassen, sonst wirken Fotos oft amateurhaft.

Kontraste zwischen Groß und Klein - ein kleines Kind vor hoher Wand, der Enzian vor der Bergkulisse - lassen den Betrachter erst die Größendimensionen erfassen. "Sonst könnte ein Gebirgspanorama genauso gut aus einer Modelleisenbahn stammen", sagt Schickert. Auch starke Farbkontraste verfehlen selten ihre Wirkung.

In vielen Fällen sollte der Fotograf versuchen, so nah wie möglich an das Motiv heranzukommen. "Viele Anfänger lassen 80 Prozent des Bildes leer, dabei wäre mit ein bisschen Zoom die Komposition viel gelungener."

Oft ist es schön, zu einem Motiv nach passenden Rahmen oder Ergänzungen im Vordergrund zu suchen - zum Beispiel Blumen, Bäume, Denkmäler oder Menschen. Dadurch kann ein zweidimensionales Foto den Eindruck von Dreidimensionalität erwecken und durch Gegensätze interessanter werden.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die besten Zeiten für gute Stadt- und Natur-Fotos sind früh morgens, am späten Nachmittag und nach Sonnenuntergang zur "blauen Stunde". Deren Beginn lässt sich am einfachsten durch Probeaufnahmen feststellen - wenn das Blau des Himmels kräftig und dunkel wird, wirken beleuchtete Motive im Vordergrund besonders gut.

Am besten besucht man zu diesen Zeiten des besten Lichtes schöne Motive, für den Rest des Tages dagegen bieten sich Innenaufnahmen an - oder einfach eine Pause, schließlich ermüdet nach ein paar Stunden der fotografische Blick. So schön die pralle Mittagssonne für den Urlauber auch wirken mag - auf Fotos wirkt das weniger grelle Nachmittagslicht fast immer schöner.

Es werde Licht

Es werde Licht

"Viele Anfänger erkennt man daran, dass sie nicht auf das Licht achten", sagt Schickert. Sie fotografieren Gesichter im Schatten, sehen nicht das Kirchenfenster, das gerade besonders schön von der Nachmittagssonne beschienen wird.

Andererseits passiert es leicht, dass man die Fähigkeiten der Kamera überschätzt: Zu starke Kontraste zwischen Licht und Schatten mögen fürs bloße Auge interessant wirken, keine Kamera kann jedoch beides gut darstellen, da die Belichtung nur die helle oder dunkle Fläche gut einstellen kann. Photoshop-versierte Fotografen machen deshalb oft zwei Bilder des gleichen Motivs, stellen die Belichtung unterschiedlich ein und fügen die beiden Teile per digitaler Nachbearbeitung zusammen.

Ein bedeckter Himmel über dem Motiv wirkt konturlos und macht die Belichtung kaputt - "dann versuche ich, nur die Gebäude und den Boden aufzunehmen und den weißen Himmel aus dem Bild zu lassen".

Viele Hobbyfotografen messen die Belichtung am falschen Punkt - so werden helle Flächen zu grell oder dunklere Stellen zu flächig. Wenn beispielsweise nur ein kleiner Teil der Komposition extrem hell ist, sollte man im dunklen Bereich messen,

Die Einstellung zählt

Die Einstellung zählt

"In 99 Prozent der Fälle mache ich mir keine Gedanken über Belichtungszeit und Blende", sagt Schickert. Er verwendet normalerweise die Programm-Funktion der Kamera, ohne Blitz oder Stativ, und eine Unterbelichtung von ein bis zwei Stufen - stellt also die automatische Belichtungskorrektur auf minus 1/3 oder minus 2/3.

"Was zu hell ist, lässt sich kaum retten, weil Konturen verloren gehen - aber ein dunkleres Bild kann ich in der Nachbearbeitung leicht anheben."

Ein simpler Trick für kräftigere Farben ist die Verwendung des automatischen Weißabgleichs für "bewölkt" - selbst einfache Digitalkameras haben diese Funktion, die in den meisten Situationen (außer bei Kunstlicht oder in der "blauen Stunde") das Bild wärmer macht.

Schöne Menschen

Schöne Menschen

Menschen sehen auf Fotos am besten aus, wenn sie nicht erwarten, fotografiert zu werden. Wenn man etwa bei einem Gruppenbild dann noch ein Foto hinterherschießt, wenn sich die Gruppe gerade entspannt, erhält man oft das beste Ergebnis. "Ich habe oft Menschen am rechten oder linken Bildrand - wenn ich mit Weitwinkel fotografiere, glauben sie, längst aus dem Bild zu sein, und lächeln oft noch nett."

Fragen ist aber in den meisten Fällen Pflicht: "Die Fotos werden besser, wenn man fragt und dadurch näher an die Personen herangehen kann." Manchmal macht Schickert dann noch ein Bild beim Verlassen der Szene - wenn die Leute schon nicht mehr damit rechnen und sich entspannen. Ideale Motive sind auch Straßenkünstler und Marktschreier.

Standard-Bilder von Mitreisenden, die vor einer Sehenswürdigkeit posieren, sorgen beim Diavortrag oft für unterdrückte Gähnattacken - etwas interessanter kann es werden, die Personen leicht seitlich statt in der Mitte des Bildes zu postieren. Reisefotografieratgeber empfehlen, Mitreisende bei der Interaktion mit Einheimischen zu fotografieren - beim Feilschen auf dem Marktplatz, beim Gespräch mit dem Kellner, in der riesigen Schlange vor dem Museum. Der Blick auf andere Touristen, die vor Eiffelturm oder Frauenkirche posieren, kann dagegen schon wieder fotografisch reizvoll sein - manchmal entstehen aus dieser Beobachterperspektive besonders charmante Bilder.

Schlechtes Wetter

Schlechtes Wetter

Doch was tun, wenn's im Urlaubsort tagelang regnet? Hier sollte man einfach andere Motive auswählen - manchmal entstehen atemberaubende Bilder, wenn man mit der Kamera in Bodennähe die Spiegelung einer Sehenswürdigkeit in einer Pfütze aufnimmt. Auch Makroaufnahmen von Spiegelungen in Wassertropfen können spektakulär aussehen.

Ansonsten bieten sich natürlich Fotos von Innenräumen an - "Kirchen sind eine typische Schlechtwettergeschichte", sagt Schickert.

Nachbearbeitung

Nachbearbeitung

Peter Schickert hält sich nicht mit umfangreicher Photoshop-Nachbearbeitung auf: "Einen Tick den Kontrast anheben, unscharf maskieren, manchmal muss ich den Staub wegmachen, weil ich ständig die Objektive wechsle." Für etwa 70 Lübeck-Bilder brauchte er insgesamt zwölf Minuten für die Nachbearbeitung - übertriebener Photoshop-Gebrauch lässt Bilder oft unnatürlich aussehen.

Bildauswahl

Auswahl des besten Bildes

Oft fällt es notorischen Vielknipsern nicht leicht, später aus zig minimal unterschiedlichen Variationen des gleichen Motivs das beste Bild auszusuchen. Zwar braucht Schickert dank langjähriger Erfahrung immer weniger Versuche, trotzdem hat er eine simple Faustregel: "Auffallend oft ist das zweite Bild das beste."

Wer darauf nicht vertrauen will, kann zur Orientierung zunächst auf technische Aspekte wie Schärfe und gerade Horizonte achten sowie sicherstellen, dass das Bild nicht überbelichtet ist. Dann kann man die Komposition auf Einhaltung der Drittelregel sowie auf schönes Licht an den wesentlichen Stellen des Motivs überprüfen - trotzdem bleibt die Bildauswahl natürlich immer subjektiv.

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