Reisen nach dem Zufallsprinzip Abenteuer Heimat

Wie fühlt sich Freiheit an? Um das herauszufinden, reiste Harald Martenstein quer durch Deutschland – ohne Terminplan, ohne Ziel. Sein einziger Begleiter sollte der Zufall sein.


Die Redaktion sagt: Reise eine Woche durch Deutschland! Nimm den Zug oder das Fahrrad, wandere, fahr Auto, egal. Plane nichts. Lass dich vom Zufall lenken. Sei frei. Im Grunde ist das die Mutter aller Abenteuerreisen. Eine Reise ins Ich. Aber klingt dieser Auftrag, wenn man beginnt, darüber nachzudenken, nicht widersprüchlich? Freiheit heißt, sich entscheiden zu können. Der Zufall dagegen nimmt uns Entscheidungen ab. Andererseits – bedeutet es nicht gerade die größtmögliche Freiheit, nichts entscheiden zu müssen?

Normalerweise bin ich ein Planungsfreak, ich bereite Urlaube sorgfältig vor, lese vorher viel. Das Einzige, was ich diesmal im Griff habe, ist der Inhalt meines Rucksacks. Acht Kilogramm für eine Woche. Nur das Nötigste, vor allem Kleidung, der Laptop und eine Deutschlandkarte. Pro Tag ein T-Shirt, dazu zwei Ersatzshirts. Und zwei Bücher: "Das Handwerk der Freiheit" von Peter Bieri, einem Philosophen. "Das erschöpfte Selbst" des französischen Soziologen Alain Ehrenberg. Auch darin geht es um Freiheit und Selbstbestimmung.

Gefunden in...
GEO Special Nr.1/2008
Die großen Abenteuerreisen


Dieser Text ist dem aktuellen GEO Special entnommen, das sich auf 156 Seiten mit den spannendsten Reisen auf alle Kontinente befasst. Internet: www.geo-special.de

Ich fahre also zum Berliner Hauptbahnhof. Es ist August. Wochenende. Mittagszeit. Ich will ans Wasser. Das habe ich entschieden. Nordsee, Ostsee oder Bodensee. Ich werde den ersten Zug Richtung Meer nehmen. In ein paar Minuten geht einer nach Frankfurt/Oder, das hieße Ostsee, wenigstens grob. Hamburg, in einer knappen Stunde, hieße Nordsee. Ich versuche, nicht auf die Abfahrtzeiten zu schielen. Es klappt nicht ganz. Noch drei Minuten, sehe ich, dann fährt der ICE nach München. Ich renne los Richtung Bahnsteig.

Schon immer wollte ich mit dem Rad rund um den Bodensee fahren. Die Ostsee kenne ich ganz gut, auf Nordsee hatte ich, warum auch immer, gerade keine Lust. Mir ist klar, dass ich manipuliert habe. Ich habe bewusst entschieden, jetzt aber bitte schnell, habe ich gedacht. Nicht nach Frankfurt/Oder, sondern Richtung München. Weil eine innere Stimme mir eben doch 13 Uhr 37 zugeraunt hat, Umsteigen in Ulm, Ankunft am Bodensee um 21 Uhr 54.

"Freiheit verursacht Depressionen"

In Lindau finde ich, trotz Hochsaison und später Stunde, sofort ein Zimmer gegenüber vom Bahnhof, günstig und ganz okay. So wird es in dieser Woche immer sein. Man kann mitten in der Ferienzeit auf gut Glück durch Deutschland reisen, sofern man gegenüber den Hotelzimmereinrichtungen tolerant ist und auch eine Nacht lang Gelsenkirchener Barock erträgt.

Der Soziologe Alain Ehrenberg schreibt, dass Freiheit Depressionen verursacht. Seit dem Zweiten Weltkrieg, deutlicher noch seit den 1960ern, sei die Depression geradezu ein Massenphänomen geworden. Der Stimmungsaufheller Prozac sei deshalb nicht nur einer der größten Hits in der Geschichte der Pharmaindustrie, sondern ein Sinnbild unserer Zeit. Was Aspirin für den Kopf ist, das ist Prozac für die schmerzende moderne Seele.

Aber wie kann denn etwas so Gutes und Richtiges wie die Freiheit unsere Seele traurig machen? Jede freie Entscheidung, erklärt mir Ehrenberg, bedeutet Verzicht. Noch vor wenigen Generationen war, durch unsere soziale Herkunft, durch Normen und Traditionen vieles geregelt. Der Lebenspartner wurde von der Familie zumindest mitbestimmt, der Berufsweg ebenfalls. Unsere Großeltern blieben meist dort wohnen, wo sie geboren waren. Ihren Tagesablauf schrieben die Verhältnisse vor. Die Menschen standen unter Zwängen. Aber sie waren nicht verantwortlich. Schuld am Glück oder Unglück ihres Lebens waren im Wesentlichen andere.

Heute dagegen bin ich selbst schuld, wenn mein Leben mir misslungen erscheint. Heute ist jede Entscheidung zugleich eine Absage an 1000 andere Möglichkeiten. Entscheide ich mich für einen Partner, dann sage ich Nein zu allen anderen, die ebenfalls infrage kämen. Werde ich Arzt, dann lehne ich eine Anwaltskarriere ab, für die ich, wer weiß, womöglich besser geeignet wäre. Reise ich im Urlaub nach Indien, dann habe ich die Möglichkeit Island ausgeschlagen.

Ob es mir in Island aber nicht doch besser gefallen hätte als am Strand von Kerala, steht in den Sternen. Wählen heißt verzichten. Sogar wenn wir Erfolge feiern, gibt es niemals eine Antwort auf die Frage, ob sie, hätten wir andere Entscheidungen getroffen, nicht noch größer ausgefallen wären. Der traditionelle Mensch orientierte sich am Vorbild seiner Eltern, der moderne Mensch orientiert sich an jenen, denen alles gelingt. Das, so Ehrenberg, mache viele depressiv: "Depression ist die Krankheit einer Persönlichkeit, die versucht, nur sie selbst zu sein."

Kein Termin, keine Eile, keine Pläne

Rund 150 Kilometer, die kürzere Version des Bodensee-Radrundweges, das ist in zwei Tagen zu schaffen. Aber Moment mal, warum werde ich eigentlich das verdammte Leistungsdenken nicht los? Erst im Rheindelta mit seinen katzengroßen Stechmücken gelingt mir das: Ich lasse das Radfahren gut sein und nehme das Schiff nach Rohrschach, Schweiz. Acht Kilogramm Gepäck bin ich eben doch nicht gewohnt. Hinter Rohrschach, in Arbon, gibt es ein bezauberndes Strandbad. Dort kaufe ich Sonnencreme, und dann bin ich auch schon in Konstanz, fahre am nächsten Morgen zur Fähre nach Meersburg, von Meersburg mit heiterem Gemüte und besonntem Körper Richtung Friedrichshafen.

In Friedrichshafen besuche ich das Zeppelinmuseum und stelle fest, dass sie dort detailgetreue Modelle des legendären, 1937 verunglückten Luftschiffs "Hindenburg" verkaufen, bei denen das Hakenkreuz durch ein schwarzes Kreuz ersetzt wurde. Man denkt, die "Hindenburg" sei im Auftrag des Vatikans geflogen. Ich möchte dies fotografieren, weil in einer ordentlichen Deutschlandreise auch der Aspekt NS-Vergangenheit vorkommen sollte, was aber beim Personal große Aufregung auslöst. Fotografieren ist strengstens verboten.

Ja, gut, fahre ich halt wieder, immer weiter mit dem Fahrrad, die innere Unruhe peitscht mich voran – direkt ins Seebad Lindenhof. Es ist später Nachmittag. Bis 24 Uhr fahren ab Lindau Züge. Aber jede Minute im Seebad verringert die Zahl meiner Optionen für die Weiterreise.

Dennoch bin ich nicht deprimiert, im Gegenteil. Muss ich entscheiden? Nein. Der Zufall entscheidet für mich. In Wirklichkeit probiere ich auf dieser Reise nicht die Freiheit aus, sondern das Gelenktwerden durch eine höhere Macht, die ich allenfalls ein wenig manipulieren kann. Im Sinne des Soziologen Ehrenberg bin ich also kein moderner Mensch, der unter der depressiv machenden Qual der Wahl leidet, sondern ein traditionelles Exemplar. Ich muss die Dinge nehmen, wie sie kommen.

Mir geht es wie dem Bauern, der nicht weiß, ob es am nächsten Tag regnen oder ob die Sonne scheinen wird. Dabei fühle ich mich so wohl wie selten auf einer Reise. Es ist ein großartiges Gefühl, an einem Bahnhof zu stehen, und alles darf einem egal sein. Kein Termin, keine Eile, keine Pläne – nicht einmal der Zwang, sich zu entscheiden. Nur eine vage Neugier darauf, wo man am Abend wohl zu Bett gehen wird.



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